Blick in die Zukunft: 2016 gelangten Forscher des Albert Einstein College of Medicine in New York zu dem Schluss, dass die Lebenszeit des Menschen eine natürliche Obergrenze habe.
Blick in die Zukunft: 2016 gelangten Forscher des Albert Einstein College of Medicine in New York zu dem Schluss, dass die Lebenszeit des Menschen eine natürliche Obergrenze habe.Quelle: Rudy and Peter Skitterians auf Pixabay
Erschienen in Ausgabe 11-2019Politik & Regulierung

Werden wir bald 200 Jahre alt?

Zur Entwicklung von Lebenserwartung und Sterblichkeit

Von Dr. Sven Wiesinger und Mathias SchröderVersicherungswirtschaft

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Dieses Szenario, das der südafrikanische Lebensversicherer Sanlam entworfen hat, ist nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. In einer Werbekampagne mit dem Titel „The 200 Year Old“ nimmt Sanlam unter anderem auf den britischen Bioinformatiker und Biogerontologen Aubrey de Grey Bezug, der das Altern wie eine Krankheit auf ungünstige biochemische Prozesse zurückführt. Diese könnten durch gezielte Interventionen gestoppt oder sogar umgekehrt werden. Im Szenario von Sanlam konnte de Grey das Altern besiegen. Im Jahr 2218 feiert der erste Mensch seinen 200. Geburtstag. Zugegeben, de Greys Ansatz ist radikal. Aber er steht nicht alleine da mit der Ansicht, dass für das menschliche Altern kein grundsätzliches Limit in Sicht ist. Dem gegenüber steht die These, dass die Grenze des Alterns schon mehr oder weniger erreicht ist und dass für die Zukunft keine nennenswerte Verbesserung der Lebenserwartung mehr zu erwarten ist. Seit einigen Jahren ist dieser zweite Standpunkt wieder einmal präsenter, auch in der Versicherungsbranche. Wir sehen uns zwischen diesen beiden relativ extremen Standpunkten. Ein Limit beim Altern, so es überhaupt existiert, ist aus unserer Sicht nach wie vor nicht erreicht. Auch wenn es wiederholt Abschnitte von einigen Jahren mit deutlich unterdurchschnittlichen Verbesserungen gab, ist die Entwicklung der Lebenserwartung letztendlich immer zum langfristigen Trend eines Anstiegs zurückgekehrt. Und dieser Trend ist ungebrochen. In den zurückliegenden Jahrzehnten war eine eindeutige Entwicklung der Sterblichkeit und der Lebenserwartung zu beobachten. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verbesserten sich die Bevölkerungs-Sterberaten kontinuierlich, noch dazu im langjährigen Mittel mit ansteigender Trend-Geschwindigkeit. So hat sich die Sterberate 60- oder 80-jähriger Männer in Deutschland seit 1960 mehr als halbiert. Viele der Faktoren, die diese Dynamik angetrieben haben, wären damals kaum absehbar gewesen: die Erfolge im Kampf gegen Krebs, der Rückgang der Raucherquoten und die erheblichen Fortschritte in der Behandlung und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Tunnelblick auf Großbritannien und die USA irreführend

Aber worauf basiert die eingangs geschilderte Ansicht, das Limit beim Altern sei erreicht? Seit etwa 2012 war ein Einbruch der jährlichen Sterblichkeitsverbesserungen in Großbritannien und den USA zu beobachten. Beide Länder dominieren die internationale wissenschaftliche Diskussion, Forschung und Entwicklung bei…