Versicherungswirtschaft: 10/2019
11-2019
Briefing
Für die feine Klientel
Trotz heißer Konkurrenzsituation im Kfz-Segment bleibt die Württembergische Versicherung cool. Sie punktet mit gutem Preis-/Leistungsverhältnis und erstklassiger Schadenregulierung durch den rund um die Uhr erreichbaren Service. Bei den Beitragsgewinnern der Kfz-Versicherung 2018 steht der Versicherer immerhin auf Platz acht. Und die Schwaben bieten Außergewöhnliches: Bugatti, Ferrari oder Lamborghini zu versichern? Kein Problem,  Supersportwagen sind gerne gesehen. Auch an neue Formen der Mobilität ohne eigenes Fahrzeug ist gedacht. Und Geheimnisse bleiben gewahrt. Aber der Reihe nach. 
Der Versicherer sieht sich als Kfz-Serviceversicherer und  bietet zwei Produktlinien mit „starken Leistungen“ an, Premium- und Kompakttarife.   Die Produktwelt werde, laut Pressesprecherin Dörte Lochner, laufend an Kundenbedürfnisse und Marktgegebenheiten angepasst. Franke + Bornberg bewertetet die Premiumlinie mit hervorragend (FFF), die Kompakten immerhin mit gut (FF). FOCUS MONEY bescheinigte der Kfz-Versicherung  2019 erneut die "Fairste Schadenregulierung" und vergab die Note "sehr gut". 

All-Inclusive bei Premiumkunden

Ein Blick ins Innenleben der Tarife zeigt die Details. Beide Produktarten leisten über die gesetzlichen Höchsthaftungsgrenzen hinaus mit einer pauschalen Deckungssumme von 100 Millionen Euro, für geschädigte  Personen davon je 15  Millionen Euro. Die Mallorca-Police ist im Kompaktschutz sechs Wochen eingeschlossen, bei Premium unbegrenzt. Außerdem bietet Premium einen Ausland-Schaden-Schutz. Im Teilkasko versichern beide Tariflinien natürlich die  üblicherweise versicherten Gefahren Brand, Explosion, Entwendung, Wetterkapriolen, Glasbruch und Kurzschluss.  Premium schützt überdies gegen erweiterte Naturgefahren wie Lawinen, Erdrutsch, Muren, Steinschlag, Erdfall, Erdsenkung und Erdbeben. Kompakt geschützt darf das Auto mit Wild, Federwild, Rind, Schaf, Ziege, Pferd und Waschbär zusammenstoßen, im Premiumschutz mit allen Tieren. Bei Kompakt darf nur der Marder zubeißen, und das auch nur bis 1.000 Euro. Mit Premium dürfen wieder alle Tiere beißen, diesmal bis 10.000 Euro.  Beide Tarifarten verzichten auf Abzüge „neu für alt“ und den Einwand bei grober Fahrlässigkeit (sofern der Fahrer nicht bekifft oder betrunken war). Nach Totalschaden oder Diebstahl  wird der Neu- bzw. Kaufpreis bei Premium  24 Monate erstattet,  bei Kompakt zwölf Monate, aber nur mit Vollkasko. Optional kann die Neupreisentschädigung mit dem Zusatzbaustein „Wertausgleich+“  auf 48 Monate ausgedehnt werden, jedoch nur mit Premium und  Vollkasko. Bei Vollkasko schützen beide Tariflinien klassisch gegen selbst verursachte Schäden und solche durch  Vandalismus. Premium umfasst noch GAP-Deckung, Brems-, Akku- und Cyberschäden sowie Eigenschadenversicherung und Überführungskosten. 96,5 Prozent der Kunden sind  Premiumkunden.
Optional können außer dem Wertausgleich die Bausteine Fahrerschutz, Notfall-Service, Rabattschutz und Schutzbrief Classic eingeschlossen werden. Der „Schadenservice+“ ist das „Rundum-sorglos-Paket“ im Schadensfall mit Mobilitätsgarantie und kostenlosem Hol- und Bringservice für das kaputte Fahrzeug. Repariert wird in DEKRA- und TÜV-zertifizierten Partnerwerkstätten ausschließlich mit Originalersatzteilen, bei Glas mit Ersatzteilen in Erstausrüsterqualität. Der Kunde erhält sein Fahrzeug komplett gereinigt zurück mit Garantie von sechs Jahren auf die durchgeführten Reparaturarbeiten.

Kfz-Tarife bei Digitalschwester Adam Riese noch nicht geplant

Zielgruppe des Versicherers sind zum einen Privatkunden, die „(…) eine leistungsstarke Versicherung an ihrer Seite haben möchten“, so Lochner.  Zum andern sind es mittelständische Unternehmen, die individuellen Kfz-Versicherungsschutz wünschen. Für ihre Kleinflotten von vier bis neun Fahrzeugen gibt es bis zu 40 Prozent Nachlass. Eine weitere Zielgruppe ergibt sich wohl aus der Heimat von Versicherer und Versicherten in der wirtschaftsstarken  Region Stuttgart: die Württembergische ist Marktführer für Old- und Youngtimer-Besitzer. Wer  also ein irgendwie geartetes altes oder fast altes Liebhaberfahrzeug besitzt, kann es bei der Württembergischen Versicherung komfortabel versichern. Über einen Onlinerechner kann nicht nur ein Angebot errechnet, sondern die Versicherung sofort und direkt abgeschlossen werden, inklusive der notwendigen eVB-Nummer zur Zulassung. Kleiner Luxus für Luxuskunden.  Wie viele dieser Kunden der Versicherer hat,  verrät er leider nicht. 
Die Digitalmarke „Adam Riese“ der Württembergischen Versicherung hat die Kfz-Versicherung nicht im Portfolio.   Die Marke zielt auf  „Kunden, die sich wesentlich auf Preis und Leistung eines Produkts konzentrieren und Anbieter entsprechend vergleichen wollen (…)  “.  Dass der Riese lebt, zeigt eine aktuelle Erweiterung des Hausrattarifs. Lochner betont,  dass der Versicherer entschlossen sei, die Digitalisierung für sich zu nutzen. Die gesamte Branche befände sich in einem nie zuvor erlebten Umbruch und die Digitalisierung ändere alles. Aber sie böte dem, der sie nutze, Schwerpunkte richtig setze und den Kunden in den Mittelpunkt stelle, enorme Chancen. Die Württembergische prüfe entsprechend laufend, welcher Ausbau digitaler Möglichkeiten sie zur Erfüllung der Kundenwünsche überzeuge. Die Kfz-Versicherung wohl nicht. Interessant, wenn man bedenkt, dass Kfz-Versicherungen die höchste Online-Abschlussquote aller Versicherungen haben. Auch Allianz-Chef Bäte denkt in einem aktuellen Interview zu digitalisierten Abschlüssen zuerst an die Autoversicherung. Auf Nachfrage, ob die Kfz-Versicherung  bei Adam Riese in Planung sei, hält sich der Versicherer bedeckt.   

Man hält sich bei Zukunftsfragen bedeckt

Die Württembergische will sich von anderen Versicherern abheben, indem sie „vom Kunden her denkt“ und Kundenbedürfnisse besser als andere erfüllt. Ein Ergebnis dieser  Denke sind die recht neuen  „Kfz-Flex-Policen“.  Wer kein eigenes Auto besitzt und zum  Beispiel häufig einen Mietwagen nutzt, kann fahrzeugunabhängig Fahrer- oder Mobilitätsschutz abschließen. Zusatzfahrerschutz ist an das versicherte Auto gebunden und kann anlassbezogen für Familienangehörige abgeschlossen werden.  Über die W&W App Finanzguide gibt es die Möglichkeit, dass Pkw-Kunden  volldigital tageweise einen weiteren Fahrer mitversichern können.
Die Zukunft im Kfz-Segment liegt nach Expertenaussagen in weiteren Bereichen, wie Telematik und Ökosystemen. Bei Telematik  hat zum Beispiel der Kfz-Marktführer HUK-Coburg  nach  positiven Erfahrungen mit Telematik-Tarifen für junge Fahrer ein Produkt für alle Altersgruppen auf den Markt gebracht, mit möglichen Beitragsnachlässen von bis zu 30 Prozent. Auch die Allianz, Generali, VHV und HDI haben den Tarif geöffnet. Bei der Württembergischen Versicherung muss für Telematik-Einschluss der Versicherte jünger als 30 Jahre sein und mindestens zwei weitere Privatkundenverträge bei der W&W haben. Klingt restriktiv. Natürlich hat Telematik auch Nachteile, da sich Kunden überwacht fühlen.  Die Frage, ob der Versicherer hier noch weiteres Potenzial sieht, bleibt unbeantwortet. Für den gesamten Kompositbereich, also auch Kfz, sieht KPMG die Zukunft  in digitalen Ökosystemen zur Mobilität. Das bedeutet, mit Herstellern und Dienstleistungspartnern zu kooperieren.  Angeboten werden können beispielsweise Konnektivitäts-Services, die den Kunden vor  Stau warnen, freie Parkplätze anzeigen oder bei Bedarf einen Service-Termin vereinbaren. So kann ein Ökosystem Wettbewerbsvorteile schaffen. Leider bleibt die Württembergische die Antwort auf ihre Strategie zu Ökosystemen schuldig. Die Frage nach der Einschätzung des Versicherers zum Zukunftsthema „autonomes“ Fahren wurde bewusst vermieden. Prognosen sind ja bekanntlich schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Brancheninsider wissen, dass das gute Preis-/Leistungsverhältnis im Kfz-Bereich auch mit knapp kalkulierter Personalausstattung zusammenhängen könnte. Auch die im Vergleich zu anderen Häusern wenig kommunikative Kommunikationsabteilung nennt  Kapazitäts- vor Wettbewerbsgründen.  Oder es lag an der Urlaubszeit.  Wie auch immer: weiterhin gute Fahrt!