Abbildung 1: Das S-Kurven Modell nach Christensen (1997)
Abbildung 1: Das S-Kurven Modell nach Christensen (1997)Quelle: Universität St. Gallen
Erschienen in Ausgabe 9-2019Politik & Regulierung

Die Kunst der organisationalen Mehrhändigkeit

Die Versicherungswirtschaft sieht sich mit dem Dilemma des Innovators konfrontiert. Digitalisierung und verändertes Kundenverhalten setzen das klassische Geschäftsmodell unter Druck. Der alleinige Fokus auf das Sicherheitsbedürfnis reicht nicht mehr. Statt organisationaler Beidhändigkeit (Ambidextrie) ist sogar Mehrhändigkeit gefragt.

Von Prof. Dr. Alexander Braun und Dr. Frank Walthes und Martin Fleischer und Markus HaasVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

Die rasante Verbreitung neuer Technologien verändert Verhalten und Erwartungen der Konsumenten. Da diese zunehmend in Alltagswelten denken, bietet sich neuen Wettbewerbern die Chance, mit innovativen Lösungen zu punkten, welche die Kundenbedürfnisse umfassend abdecken. Infolgedessen gerät das traditionelle Geschäftsmodell vieler etablierter Branchen unter Druck. Als typische Reaktion auf diese Entwicklung beobachtet man häufig ein Erwachen des organisationalen Immunsystems zur Verteidigung der etablierten Wertschöpfung. In den entwickelten Versicherungsmärkten deuten eine Reihe von Schlüsselindikatoren wie beispielsweise die Umsätze der zentralen Produktlinien auf eine Marktsättigung hin. Wachstum findet praktisch nur noch in Nischen und in Schwellenländern statt. Nichtsdestotrotz scheinen viele Versicherer nach einer Phase des Aktionismus im Zusammenhang mit dem Aufkommen erster InsurTech-Startups in 2016 und 2017 wieder zur Tagesordnung übergegangen zu sein. Da das klassische Geschäftsmodell nach wie vor profitabel ist, wird die Dringlichkeit einer Neupositionierung offenbar als eher moderat eingestuft. 

Im Dilemma des Innovators?

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, in welchem Teil ihrer S-Kurve sich die Versicherungsbranche befindet (siehe Abbildung 1) und ob sie vor dem berüchtigten Dilemma des Innovators steht. Der vorliegende Artikel geht diesen Überlegungen nach und zeigt mögliche Disruptionsszenarien sowie Auswege aus dem Dilemma auf. Als Gemeinschaftswerk von Experten aus Wissenschaft und Praxis stellt er ein Vademecum für Entscheider in der Versicherungswirtschaft dar. Auf Basis einschlägiger Managementkonzepte und konkreter Innovationsprojekte wird postuliert, dass die bestehende Theorie der organisationalen Beidhändigkeit (Ambidextrie) im aktuellen Kontext der Branche zu kurz greift. Tatsächlich ist sogar Mehrhändigkeit erforderlich, weil neben der erfolgreichen Weiterführung des Altgeschäfts mindestens drei Lösungsansätze parallel anzustreben sind: die Digitalisierung der bestehenden Wertschöpfungskette, die Ausrichtung auf Ökosysteme und die Entwicklung gänzlich neuer Geschäftsmodelle. Ein wesentlicher Treiber hinter diesen Überlegungen ist die Ausweitung des Leistungsversprechens über das reine Sicherheitsbedürfnis des Kunden hinaus, um gleich mehrere Ebenen der Maslowschen Bedürfnispyramide parallel abdecken zu können. Die vorliegende Kurzfassung dieses Artikels wird durch eine ausführliche Online-Version ergänzt, in welcher…