Quelle: Huk-Coburg
Erschienen in Ausgabe 1-2019Köpfe & Positionen

„Auch wir müssen lernen zu kooperieren“

Im Profil: Klaus-Jürgen Heitmann, Vorstandssprecher Huk-Coburg

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft

Wenn Klaus-Jürgen Heitmann aus seinem Büro in der Coburger Innenstadt aus dem Fenster seines Vorstandsbüros schaut, blickt er direkt auf die alles überragende Veste Coburg, einer traumhaft erhaltenen Burganlage aus dem 10. Jahrhundert, die in ihrer wechselvollen Geschichte niemals erobert wurde. „Fränkische Krone" wird die architektonisch einzigartige Anlage liebevoll genannt und als solche ist sie nicht nur für die Menschen der Region ein identitätsstiftendes Denkmal von überregionaler Bedeutung, sondern auch für die Huk-Coburg Haftpflicht-Unterstützungs-Kasse Kraftfahrender Beamter Deutschlands a.G. in Coburg, kurz Huk, markenbildender Bezugspunkt, der sich nicht nur im Namen niedergeschlagen hat sondern auch im schildartigen Wappen stolz die Fahne reckt.

Huk und Coburg sind damit nicht nur in der Wahrnehmung der Versicherungskunden in Deutschland eine Einheit. Dies soll nach dem Willen von Heitmann, der den Verein auf Gegenseitigkeit seit dem 1. August 2017 als Sprecher des sechsköpfigen Vorstandes leitet, auch in Zukunft so bleiben. Die Gene dafür bringt der „bullige Wirtschaftsingenieur“, so das Manager Magazin in einer Zuschreibung, auf jeden Fall mit. Heitmann ist ein geborener Achtundzechziger, allerdings ohne das Präfix „Alt“: Geboren am 27. März 1968 in Stade und aufgewachsen hinterm Elbdeich im elf Kilometer entfernten Steinkirchen im Alten Land, gewinnt er schon in frühester Kindheit tiefe Einblicke in das Versicherungsgeschäft: der Vater ist Agenturinhaber bei der Concordia Versicherung und im Nebenberuf Apfelbauer. Nach dem Abitur in der Hansestadt Stade am Vincent-Lübeck-Gymnasium, einem 1863 als „Städtische Töchterschule" gegründeten Lyzeum, welches erst ab den 1970er Jahren auch männlichen Schülern offenstand, schloss sich, nach Ableisten des Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr, auf elterlichen Wunsch hin, eine zweijährige Lehre zum Versicherungskaufmann in Hamburg an.

Berkeley, Beratung, Branchenexpertise

Ab 1990 verlagerte Klaus-Jürgen Heitmann seinen Lebensmittelpunkt vom hohen Norden in den Südwesten der Republik und nahm in der Fächerstadt Karlsruhe ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens mit der Fachrichtung, natürlich, Versicherungswirtschaft auf. Für den kühlen Norddeutschen waren dabei, nach eigener Aussage, auch die besonders heißen Sommer in Karlsruhe eine echte Herausforderung. Auch einen Auslandsaufenthalt absolviert der Student Heitmann und absolviert an der Universität Kalifornien in Berkeley ein Auslandssemester. Mit 28 Jahren schließt sich der frisch gebackene Wirtschaftsingenieur 1996 dem Unternehmensberater Mummert und Partner in Hamburg an. Das Unternehmen, mit europaweitem Zuschnitt, ist fokussiert auf Dienstleistungsbranchen sowie die Kombination von Branchenexpertise, Prozess- und Technologie-Know-how. Hier lernt der Berufseinsteiger die Theorie in die Praxis umzusetzen und hat damit Erfolg.

 

Als Senior Manager und Partner bleibt er von 1996 bis zum Ende des Jahres 2002 dem Unternehmen treu. Doch Heitmann will mehr und steigt bereits Anfang 2003 bei seinem Langzeitkunden dem Kfz-Spezialisten Huk in Coburg ein und auf: Sein Mentor und Förderer ist der spätere GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen, der zu dieser Zeit bereits zwölf Jahre die Huk als Sprecher der Vorstände leitet und Heitmann auf die großen Aufgaben vorbereitet. 2004 wird er Vorstandsmitglied mit der Zuständigkeit für den Bereich Schaden- und Unfallversicherung. Damit legt der gerade mal 36-jährige Manager den Grundstein für seine weitere Karriere bei der Huk. Schon in dieser Zeit muss er auch Wolfgang Weiler, dem weiteren langjährigen Vorstandsvorsitzenden des Kraftfahrtspezialisten aufgefallen sein. Denn schon bald darf er als Consultant beim Aufbau des heute erfolgreichsten Onlineversicherers der Huk24 mitarbeiten und seine ersten Meriten verdienen. Es wird ein Meisterstück in einer Zeit, als so mancher Mitbewerber noch nicht mal ahnt, was im Onlinegeschäft so alles möglich sein wird. Hier im Maschinenraum des Unternehmens lernt der Jungmanager nicht nur alle Winkel und Ecken der Huk kennen, sondern auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter und deren Sorgen und Nöte, denn auch dafür interessiert sich eine sozial orientierte Persönlichkeit wie sie Heitmann exemplarisch repräsentiert. Themen, die den dreifachen Familienvater umtreiben, trägt der großgewachsene Norddeutsche mit sanfter und ruhiger Stimme vor. Er weiß zu überzeugen, ist spontan und humorvoll und versteht es, die Menschen für sich zu gewinnen.

Waghalsige Experimente sind Tabu

Wie sieht die Zukunft der Kraftfahrzeugversicherung in Zukunft aus, wie können wir unsere kraftvolle Marke auch in Zukunft weiterentwickeln und welche Rolle spielen demnächst die großen Aggregatoren, wie Google, Facebook und Co. beim Thema Mobilität? Das sind die Fragen, die den Chef umtreiben. Als Verantwortlicher für mehr als 10.000 Mitarbeiter, die vornehmlich aus der Region kommen, als Großsponsor zahlreicher Aktivitäten rund um Kultur, Sport und Wissenschaft in der ehemaligen Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Coburg trifft jede Entscheidung, die in der „C-Suite", in den Vorstandsbüros gefällt wird, gleich halb Oberfranken. Dessen ist man sich im Team um Klaus-Jürgen Heitmann voll bewusst. Waghalsige Experimente verbieten sich vor diesem Hintergrund ganz von selbst, sie liegen auch nicht in der Natur des geerdeten Managers.

Vorsichtig in die Zukunft tasten will man sich in Coburg und setzt dabei ganz auf die eigenen Stärken, wie Marke, Kosten und Full Service. Auch wenn Heitmann die Herausforderungen, vor denen sein ehemaliger Beamtenapparat steht, klar im Blick hat, so ist er sich sicher, nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Themen wie das autonome Fahren oder die vernetzte Mobilität dominieren zwar eine nervöse öffentliche Diskussion, Heitmann rechnet jedoch erst um das Jahr 2050 mit einem vollautomatisierten Individualverkehr. Bis dahin soll die Huk unter seiner Führung zum 360-Grad-Mobilitätsanbieter entwickelt werden. Das heißt konkret, mehr Service rund um das Thema Kfz, mehr Berührungsflächen zwischen Unternehmen und Kundschaft. Man will schließlich verhindern, dass die Bigtechs plötzlich die Kundenschnittstelle besetzten und dann die Konditionen bestimmen. Man will selbst Fakten schaffen, sein eigenes „Ökosystem“, wie es Neudeutsch so schön heißt, entwickeln und sich nicht treiben lassen. Kooperationen nur dort, wo sie sinnvoll sind und sich vielmehr auf die eigenen Assets konzentrieren. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn das Unternehmen aus der Provinz ist nach Stückzahl der Policen und nach Beiträgen deutscher Marktführer in Sachen Autoversicherung und markiert mit seiner Kostenstruktur sogar für die große Allianz aus der bayerischen Landeshauptstadt München so etwas wie eine Benchmark. Erst kürzlich hat deren Chef Oliver Bäte zur Offensive in Bereich Kfz geblasen und als Leitmotiv die Parole „Simplicity“ erkoren. Das dürfen die Coburger als Ritterschlag empfinden, ist doch die Einfachheit deren Produkte, wie die Einfachheit im Vertrieb mittlerweile zur historischen Selbstverständlichkeit geworden. Von den Besten lernen will die Allianz und das kann sie in der Sparte Kfz durchaus auch hier vor der eigenen bayerischen Haustür.  

Huk can do it alone: Diesem Motto scheint man sich auch beim Thema Vergleichsportale verschrieben zu haben. Aus dem preistreibenden Wettbewerb auf Check24 hat man sich strategisch zwar zurückgezogen und verzichtet damit auf Sichtbarkeit und Präsenz beim Kunden, gleichzeitig vertraut man in Coburg auf die Stärke der Marke. Zurecht, wie eine Kundenbefragung des Deutschen Instituts für Service-Qualität belegt. Bei den in allen Belangen das eigene Automobil betreffend höchst kritischen Deutschen, erreichen Huk-Coburg und Huk24 - als bester Direktversicherer überhaupt - Bestwerte in der Kategorie Preis-Leistungs-Verhältnis (+88 Prozent) bei gleichzeitig drittniedrigster "Ärgernisquote". Das muss man erst einmal schaffen.

Trial and Error

Dafür muss man Autos lieben und Versicherung, beides tut Heitmann, der sich kürzlich einen BMW 440i Cabrio mit 326 Pferdestärken in die Garage gestellt hat. Auf die Frage, wo sehen sie die Huk in den nächsten fünf bis zehn Jahren antwortet Heitmann: „Unser Kerngeschäft wird auch dann noch eine große Rolle spielen und bis dahin wollen wir große Fortschritte als Mobilitätsdienstleister gemacht haben, außerdem brauchen wir mehr Kundenkontakte in den Bereichen Kfz und Gesundheit. Wir wollen mehr Relevanz und Berührungsflächen mit der Kundschaft und wir müssen auf dem Schirm bleiben. Auch müssen wir lernen zu kooperieren, denn wir können nicht überall der Orchestrator sein.“

Raus aus der „Randbeteiligung“ gilt in Coburg als Motto für die Weiterentwicklung des Kerngeschäfts. Angeboten werden Autofinanzierung, Wartung, Hauptuntersuchung und zukünftig vielleicht sogar ein eigener Autohandel? Die Grundlagen dafür sind vorhanden, erste Versuche werden unternommen, ganz nach dem Prinzip von Trial and Error. Dabei werden, ganz agil, Geschäftsmodelle mutig getestet, aber bei drohendem Misslingen auch sofort wieder einkassiert, wie das Beispiel Transparo beweist, wo man sich mit einem eigenen Vergleichsportal eine blutige Nase geholt hat. Die Mittel dafür sind vorhanden, der Wille zur Transformation ebenso. „Wir wollen breiter werden, wir wollen nicht Lieferant von Versicherungsschutz für einen Autohersteller, für ein Vergleichsportal oder ein Insurtech sein, der dann austauschbar ist“, präzisiert Heitmann seine Ziele, und ob „Pay as you Drive" ein Erfolgsmodell wird ist auch noch nicht klar, denn das wird an der Kundenfront entschieden. Rund 40.000 telematikgestützte Verträge hat die Huk bis dato in ihrem eigenen Bestand. Auch wenn sich die neue Mobilität mit ihren ganzen Chancen und Risiken bereits am Horizont abzeichnet, die Übergangszeit wird lang andauern und einen individuellen Verkehr wird es noch sehr lange geben, zeigt man sich in Coburg überzeugt. Dennoch, die Zeiten des stürmischen Wachstums, in der die Huk jährlich 400.000 neue Verträge verbuchen konnte sind erstmal vorbei, dessen ist sich Heitmann im Klaren, doch noch bis zum Jahr 2020 rechnet der Manager mit weiterem, moderatem Wachstum, dann ist der klassische Markt wohl gesättigt und die neue Dynamik der automatisierten Verkehrswelt fängt an zu greifen. Bis dahin will man in Prozesse und Verfahren investieren, die Produktwelt weiter standardisieren und das Schadenmanagement weiter optimieren, wie dies schon mit der Einbindung externen Werkstätten gelungen ist.

Verzichtet wird weiter auf teure Vertriebswege und die daraus gewonnenen Vorteile sollen an die Kunden weitergereicht werden. Mit Unbehagen sieht Heitmann die Rolle der Autohersteller, im Fachjargon OEMs genannt. Wenn sich deren Produkte mehr und mehr zu rollenden Computern entwickeln, die ihre Daten permanent an die Hersteller senden ist dieser Zugang vielleicht demnächst versperrt. Und wenn via E-Call diese auch noch nach einem Unfall als erste die Nachricht eines Schadenfalls erhalten und Hinweise zum weiteren Verfahren an den Fahrzeugführer übermitteln wollen, sieht Heitmann eine rote Linie überschritten. Schließlich ist der Versicherer der Vertragspartner im Schadenfall und nicht der Hersteller. Hier hat die Politik zu kurz gedacht, sagt Heitmann. „Ich habe doch das Fahrzeug gekauft und damit gehören die Daten mir.“

Diese Diskussion steht gerade erst am Anfang, doch Heitmann hat das Format, um auch dicke Bretter konsequent zu bohren. Klar ist jedoch, und da macht sich auch der Vorstand keine Illusionen, die neuen Assistenzsysteme werden die Schäden reduzieren, den Wettbewerb verschärfen und möglicherweise auch Auswirkungen auf den Personalbestand haben, wenn zukünftig weniger zu verteilen ist. In dieser Gemengelage will man den Kunden Orientierung geben und appelliert auch deshalb an die Politik: Belasst es bei der Halterhaftung statt Produkthaftung, denn dieses System ist für das Unfallopfer vorteilhafter. Und wenn Heitmann schon über die Politik spricht, ist auch die Kritik an der Niedrigzinspolitik nicht fern. „Negativzinsen hätte ich nicht erwartet“, so Heitmann zum aktuellen Niveau, dies sei eine Belastung für die Unternehmen wie die Kunden und gehöre überprüft bzw. beendet. Nicht nur als Chef von 5.600 Mitarbeitern allein am Standort Coburg engagiert sich Klaus-Jürgen Heitmann in Coburg, sondern auch als Beirat im örtlichen Sportverein, schließlich spielen die Söhne, drei an der Zahl, Fußball und der Papa schaut in seiner Freizeit gern zu. Die verbringt der erklärte Familienmensch am liebsten mit Frau und Kindern in den Alpen. Im Sommer beim Wandern und im Winter auf Ski. Auch auf dem Tennisplatz trifft man den Manager manchmal, wenn die Zeit es zulässt.

Die Veste Coburg wurde, wie erwähnt, zwar niemals erobert, jedoch wurde sie im Dreißigjährigen Krieg mittels einer List dann doch einmal eingenommen. Nach knapp halbjähriger Belagerung gelang es mit einem gefälschten Brief, der die Übergabe befahl, den Wiederstand zu brechen. Einer solchen Finte wird die Huk mit ihrem Chef Klaus-Jürgen Heitmann an der Spitze heute ganz sicher nicht mehr aufsitzen, aber die Zeiten sind wieder unruhig geworden. Doch mit Führungskraft, Beharrungsvermögen, Widerständigkeit und Inspiration sollten diese Klippen umschifft werden können. Und wenn alles glatt verläuft kann er mit 65 Jahren 2033 die Geschäfte in neue Hände übergeben. Dann hat er, wie seine Vorgänger Weiler und Hoenen, auch lange Jahre dem Unternehmen gedient. Aber wer Heitmann kennt, muss damit rechnen, dass er weitermacht, wo auch immer. Hoenen und Weiler wurden nach ihren Jobs als CEO der Huk GDV-Präsidenten. Auch das kann man sich bei Klaus-Jürgen Heitmann vorstellen. Die Ausdauer für große Aufgaben bringt er auf jeden Fall mit.