Frank Ellenbürger
Frank EllenbürgerQuelle: KPMG
Erschienen in Ausgabe 1-2019Schlaglicht

„Sowohl in der Prüfung  als auch in der Beratung herrscht ein sehr starker Wettbewerb“ 

Frank Ellenbürger, Bereichsvorstand Insurance bei KPMG in Deutschland, über Prüferrotation, regulatorische Reformen und Regeltreue

Von David GorrVersicherungswirtschaft

KPMG ist einer der führenden Abschlussprüfer für Versicherungsunternehmen in Deutschland. Was ist das Besondere an den Bilanzen von Versicherern im Vergleich zu Banken oder Industrieunternehmen? Sind diese komplizierter oder einfacher?

Lassen Sie mich eine persönliche Anmerkung vorausschicken: Seit ich mich im Studium zum ersten Mal mit Versicherungsbilanzen befasst habe, kann ich mir persönlich kaum etwas Interessanteres vorstellen als die Rechnungslegung und Erfolgsmessung der Versicherer. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass das Geschäftsmodell und seine Abbildung eine Reihe von außergewöhnlichen Fragestellungen mit sich bringt. Die Prüfung der Jahres- und Konzernabschlüsse von Versicherungsunternehmen erfordert ein tiefes Verständnis des Geschäftsmodells von Versicherungsunternehmen. Durch den starken regulatorischen und versicherungsmathematischen Bezug müssen bei der Abschlussprüfung von Versicherungsunternehmen die entsprechenden Experten z.B. für Solvency II oder die Prüfung der versicherungstechnischen Rückstellungen vorgehalten werden. Ebenso muss den steuerlichen Gegebenheiten der Versicherer Rechnung getragen werden. Der Einsatz von IT ist das Rückgrat für das Versicherungsgeschäft. Auch hier müssen Versicherungsspezialisten zum Einsatz kommen. Insbesondere durch den versicherungsmathematischen und regulatorischen Bezug unterscheidet sich die Prüfung eines Versicherungsunternehmens von der eines Industrieunternehmens. Bei der Prüfung von Banken spielt die Einhaltung aufsichtsrechtlicher Vorschriften eine ganz besondere Rolle.

KPMG prüft rund ein Drittel aller Mandate der Dax-Familie (Dax30, MDax, SDax, TecDax). Was machen Sie besser als die anderen?

KPMG hat kontinuierlich in die Qualität ihrer Prüfungspraxis investiert. Dies betrifft zum einen die Ausbildung und Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Daneben legen wir einen großen Wert auf die Facharbeit, z.B. im Institut der Wirtschaftsprüfer, die es uns ermöglicht, unsere Kunden proaktiv durch die neuen Entwicklungen in der Rechnungslegung und Regulatorik zu begleiten. Nicht zuletzt verfügt KPMG im Rahmen ihres digitalen Prüfungsansatzes über innovative Prüfungstools, die es uns ermöglichen, eine effiziente und transparente Durchführung der Prüfung sicherzustellen. Hierauf baut auch unsere hochmoderne Berichterstattung an Vorstand und Gremien mit unserem Kommunikationsformat ‚KPMG Audit Insights‘ auf.

Seit Juni 2016 gilt die Prüferrotation. Unternehmen müssen künftig spätestens nach zehn Jahren ihr Prüfungsmandat ausschreiben. Herrscht jetzt ein Dauer-Wettbewerb unter den Big-Four-Prüfern um die besten Mandate? Hat damit die Dominanzstellung von KPMG ein Ende?

Durch die gesetzlich vorgegebene Prüferrotation muss KPMG langjährige Prüfungsmandate abgeben. Gleichzeitig haben wir die Chance, uns um freiwerdende Abschlussprüfungen zu bewerben. Wie die Praxis zeigt, können wir bei diesen Ausschreibungen durch unsere Expertise und Erfahrung erfolgreich neue Mandate gewinnen. Wichtig ist, dass wir unseren bisherigen Prüfungskunden zukünftig als enger Berater zur Seite stehen. KPMG wird damit für die deutsche Assekuranz die gleiche Bedeutung haben wie in der Vergangenheit.

Wie groß ist der Aufwand für ein Unternehmen den Bilanzprüfer zu wechseln? Welche Faktoren sind einem Unternehmen bei einem neuen Bilanzprüfer wichtig?

Versicherungsgruppen umfassen in der Regel eine Vielzahl von Unternehmen öffentlichen Interesses, für die jeweils separate Ausschreibungen durchzuführen sind. Zudem führte die Anwendung der neuen Rotationsregeln zu einer ganzen Reihe von ungeklärten Rechtsfragen, die im Einzelnen zu klären waren. Nicht zu unterschätzen ist auch der Aufwand, der den Unternehmen entsteht, wenn sich der neue Abschlussprüfer in das Unternehmen einarbeitet. Aus unserer Erfahrung sind vor allem folgende Faktoren von Bedeutung: Nachhaltig verfügbare und erfahrene Teams, Kenntnisse der Branche bzw. des Unternehmens, digitale Prüfungstools und das Vorhalten von Spezialisten für alle denkbaren Fragestellungen. Natürlich spielen Faktoren wie Vertrauen, Transparenz und proaktive Kommunikation auch immer eine entscheidende Rolle.

Seit 1890 prüft KPMG die Bilanzen der Allianz. Damit ist es nun vorbei – das Mandat geht an PwC. Wie sehr schmerzt das? Wie eng war das Verhältnis zu dem Versicherer auch auf der persönlichen Ebene?

Bei allen Mandanten, die wir zukünftig nicht mehr als Abschlussprüfer betreuen können, werden wir die Häuser als Berater unterstützen. Unter der Überschrift ‚Client for Life‘ werden wir unseren Kunden in der Assekuranz, unabhängig davon, ob sie mit uns als Berater oder als Abschlussprüfer zusammenarbeiten, zur Seite stehen. Das bedeutet auch, dass wir die guten persönlichen Kontakte mit den Entscheidungsträgern bei den Versicherungsunternehmen beibehalten und ausbauen wollen, um die bisherigen Prüfungsmandate kompetent zu beraten.
Frank Ellenbürger, KPMG: „Bei allen Mandanten, die wir zukünftig nicht mehr als Abschlussprüfer betreuen können, werden wir die Häuser als Berater unterstützen."
Frank Ellenbürger, KPMG: „Bei allen Mandanten, die wir zukünftig nicht mehr als Abschlussprüfer betreuen können, werden wir die Häuser als Berater unterstützen."Quelle: KPMG über Vimeo

 Ist die Bilanzprüfung ein Türöffner für andere Beratertätigkeiten, die Sie Ihrem Mandanten anbieten? (z.B. IT-Beratung und M&A-Deals). Schließlich sehen Sie die Bilanz und kommen mit weiteren Ideen für Einsparmöglichkeiten.

In der Tat gewinnt der Abschlussprüfer bei seiner Tätigkeit tiefe und detaillierte Einblicke in das zu prüfende Unternehmen. Gleichzeitig erfordern die durch die Vorschriften zur Prüferrotation verschärften Unabhängigkeitsvorschriften ein hohes Maß an Zurückhaltung bei der gleichzeitigen Übernahme von Beratungsaufträgen durch den Abschlussprüfer. Die Entwicklung in den letzten Jahren führt zu einer immer stärkeren Trennung von Prüfungs- und Beratungstätigkeiten durch die Mandanten. Auch vor diesem Hintergrund ist die Prüferrotation eine Chance für KPMG, mit unseren Kenntnissen aus den bisherigen Prüfungsmandaten zukünftig als Berater einen echten Mehrwert für unsere Kunden zu schaffen. Wir helfen ihnen u.a. bei der Bewältigung regulatorischer Anforderungen, bei der Einführung neuer Rechnungslegungssysteme, bei der Steigerung ihrer Effizienz und Performance, bei der digitalen Transformation ihrer Geschäftsmodelle und wir stehen ihnen bei Transaktionen und Bewertungsfragen zur Seite.

Kann der Wettbewerb dazu führen, dass KPMG und die Konkurrenz sogar mehr verdienen?

Sowohl in der Prüfung als auch in der Beratung herrscht ein sehr starker Wettbewerb, so dass sich in den Proposalprozessen die angemessenen Marktpreise herausbilden. Als KPMG fühlen wir uns in dem stark wachsenden Beratungsmarkt für die Versicherungsunternehmen sehr wohl. Für beide Bereiche, Prüfung und Beratung, werden wir unverändert in die Qualität unserer Mitarbeiter, unsere fachliche Expertise und unsere IT-gestützten Tools investieren.

Ist der Aufwand für die Prüfungsgesellschaften so groß, dass die Millionen-Honorare gerechtfertigt sind? Aus was setzt sich so ein Honorar für die Bilanzprüfung zusammen?

Niemand muss sich Sorgen machen, dass die Honorare der Abschlussprüfer zu hoch sind. Bei der Ausschreibung oder Verlängerung von Prüfungsmandaten wird mit den Vorständen und Aufsichtsräten hart diskutiert. Da sitzen auf beiden Seiten des Tisches Profis. Aber jedem muss klar sein: Qualität hat ihren Preis. Ein wesentlicher Aufwandsfaktor für die Prüfungsgesellschaften ist natürlich das Personal. Hier konkurrieren die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften am Markt um die gleichen Talente wie die Assekuranz, also um Data Analysts, Aktuare oder IT-Fachleute. Jeder weiß, dass solche fachlichen Qualifikationen nicht zum Nullpreis zu bekommen sind. Investitionen in IT-gestützte Prüfungstools und die Facharbeit sind ebenfalls wesentliche Kostenfaktoren.

Ab 2021 gelten neue Bilanzierungsvorgaben (IFRS 17). Was halten Sie von dieser Reform? Wird das die Arbeit von Wirtschaftsprüfern stark beeinflussen?

Die Erstanwendung für den Bilanzierungsstandard IFRS 17, der für die börsennotierten Unternehmen gilt, wurde auf das Jahr 2022 verschoben. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass dieser Standard das komplexe Geschäftsmodell der Versicherer durch ebenso komplexe Rechnungslegungsvorschriften abbilden möchte. Die Arbeit an diesen Standards hat mehr als 20 Jahre gedauert. Im Ergebnis kommt es durchaus zu einer stärkeren Vereinheitlichung der Rechnungslegung der börsennotierten Versicherungsunternehmen. Es wird z.B. mehr Information über den Wert des Neugeschäfts oder über verlustbringende Portfolios geben. Damit stellt die Anwendung dieses Standards eine positive Weiterentwicklung der internationalen Rechnungslegung dar, die wegen der Komplexität des Standards allerdings auch mit hohen Aufwendungen verbunden ist. Vergleichbar mit der Prüfung von Solvenzbilanzen oder Embedded Values basiert die Rechnungslegung nach IFRS 17 sehr stark auf zukunftsbezogene Annahmesetzungen, die erhebliche Schätzspielräume eröffnen. Der Umgang mit diesen Schätzspielräumen und die vor diesem Hintergrund weiter zu entwickelnden Wesentlichkeitskonzepte sind für KPMG kein neues Thema, setzen aber noch einmal eine vertiefte Befassung mit diesen Fragen voraus. Nicht zuletzt erfordert die Anwendung und Prüfung des Standards eine starke versicherungsmathematische Kompetenz, was allerdings für KPMG mit 100 Aktuaren an Bord kein Problem darstellt.

Vor 17 Jahren wurde Enron insolvent, weil der Konzern immense Schulden außerhalb der Bilanz versteckte. Auch Wirtschaftsprüfer gerieten damals ins Visier der Aufsicht. Hierzulande hätten die Wirtschaftsprüfer (E&Y) die Schlecker-Pleite früher aufdecken können. Ist die Macht der Wirtschaftsprüfer nicht zu groß, wenn die Prüfer Jahresabschlüsse als einwandfrei attestieren, obwohl das nicht der Fall ist. Braucht es eine zusätzliche Kontrolle?

Die Anforderungen an die Qualität und Unabhängigkeit der Abschlussprüfer sind hoch. Die Prüfungsgesellschaften setzen alles daran, diesen Anforderungen gerecht zu werden.
Die Arbeit der Wirtschaftsprüfer unterliegt bereits heute einer Vielzahl von internen und externen Qualitätssicherungsmaßnahmen. So wird die Abschlussprüfung bei allen Versicherungsunternehmen laufend einer internen Qualitätskontrolle unterzogen. Als externe Kontrolle sei hier insbesondere der Arbeit der APAS (Abschlussprüferaufsichtsstelle) erwähnt, die sich in vor-Ort-Prüfungen intensiv mit der Qualität der Facharbeit des Risikomanagements und der Prüfungsorganisation der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften insgesamt als auch einzelner Engagements auseinandersetzt.