Erschienen in Ausgabe 1-2019Unternehmen & Management

Neuer Anstrich

Retrospektive Haftpflicht-Deckung beim Grenfell Tower ist gefragt

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Während manche Versicherer mit Schrecken den Streit der Abgeordneten über das Brexit-Abkommen von Premierministerin Theresa May beobachten, blicken andere auf den Ratenabrieb in vielen Sparten oder sind noch mit dem Tageschäft von den Schadenereignissen aus den vergangenen zwei Jahren beschäftigt.  Am 24. Juni 2017 brannte der Grenfell Tower, ein 24-geschossiges Wohnhochhaus im Westen Londons, weitgehend aus. Es hatte 80 Todesopfer gegeben. Primäre Schadenursache war der Kurzschluss im Kühlschrank eines Mieters gewesen, das Feuer hatte sich jedoch innerhalb der etagenweisen, horizontale Segmentierungen aufweisenden, neuen Dämmfassade der Marke Reynobond PE (PE=Polyethylen) ungehindert ausbreiten können. Die Sach- und Haftpflichtversicherung des Gebäudes liegt bei der norwegischen Protector Forsikring, welche eine Reserve von insgesamt 50 Mio. Pfund stellte und bei einem Selbstbehalt von 2,5 Mio. Pfund wohl im Wesentlichen durch Munich Re rückersichert ist. 
Es geht jedoch auch um Haftpflichtansprüche gegen Architekten, Bauingenieure, Installateure und den Hersteller der Dämmfassade, Arconic, eine 2016 erfolgte Abspaltung vom Aluminium-Hersteller Alcoa. Thema sind nicht nur Ansprüche von Opfern aus Anlass des Grenfell-Ereignisses, sondern auch die Kosten des behördlicherseits geforderten Wieder-Abbruchs von Reynobond-Fassaden an Dutzenden von anderen Gebäuden. In der 2017er GuV verzeichnet Arconic lediglich Grenfell bedingte Rechtsverteidigungskosten von 14 Mio. Dollar, aber keine über wohl bestehende Haftpflichtpolicen hinausgehende Haftungs-Rückstellungen. Arconic streitet jede Verantwortlichkeit ab, eine mögliche Produkthaftung wird derzeit jedoch im Rahmen des Versuchs der Arconic-Aktionäre relevant, die ins Rampenlicht geratene Gesellschaft zu veräußern. Einem Bericht der Financial Times zufolge wird derzeit über eine retroaktive Produkthaftpflichtdeckung nachgedacht, welche für einen Arconic-Erwerber (im Rennen: Blackstone/The Carlyle Group sowie Apollo Global Management) deren Exponierung kalkulierbar machen würde. Die Börse bewertet Arconic Inc. derzeit mit 10,4 Mrd. Dollar. Der Börsenkurs von Arconic war infolge des Grenfell-Ereignisses um drei Mrd. Dollar kollabiert, dies gibt eine Vorstellung von der Größe der erforderlichen Retro-Deckung.