Quelle: Audi
Erschienen in Ausgabe 9-2018Schlaglicht

Einmal Werkstatt und zurück

Jahr für Jahr verzeichnet das deutsche Kraftfahrtbundesamt (KBA) weit über 150 sicherheitsbedingte Rückrufaktionen. Obwohl nur selten alle Modelle einer Serie betroffen sind, steht die Automotive-Industrie mächtig unter Druck - und geht konsequent in Regress gegen die Zulieferer. Die Regulierungspraxis zeigt, dass die meisten Fälle eine Gemengelage von Schnittstellenverantwortlichkeiten und unreflektierten Freigaben sind.

Von Dirk GroteVersicherungswirtschaft

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Jahr für Jahr verzeichnet das deutsche Kraftfahrtbundesamt (KBA) weit über 150 sicherheitsbedingte Rückrufaktionen. Man unterscheidet dabei zwischen freiwilligen, durch den Automobilhersteller (Original Equipment Manufacturer – OEM) initiierten, Maßnahmen und solchen, die vom KBA angeordnet werden. Die überwiegende Anzahl der Aktionen werden dabei durch die OEM selbst eingeleitet. In den USA, einem der wichtigsten Exportländer der deutschen Automotive-Industrie, liegt die Anzahl der zurückgerufenen Fahrzeuge inzwischen über den Neuzulassungen der einzelnen OEM. Diese Statistik erfasst allerdings nicht die reinen Gewährleistungsaktionen, die vor allem der Kundenzufriedenheit dienen und Mängel beseitigen, die nicht sicherheitsrelevant sind. In den USA heißen sie folgerichtig auch „Consumer Satisfaction Campaigns“ (CSC) und werden dort werbewirksam als Qualitätsoffensive von den OEM vermarktet.

Zulieferer wird bei der Suche nach der sogenannten „Root Cause" früh involviert

Die Anzahl der in Deutschland durchgeführten Consumer Satisfaction Campaigns wird von den bei diesen Aktionen technisch oder juristisch eingeschalteten Experten mindestens genauso hoch eingeschätzt wie die sicherheitsbedingten Rückrufaktionen über das KBA. Da diese durch den OEM bei einer Gefährdung für die Gesundheit von Personen gemäß der herrschenden Rechtsprechung quasi ohne weiteren Ermessensspielraum durchgeführt werden müssen, erfolgen sie meist sehr schnell nach Auftauchen des Problems im Felde. Der Zulieferer wird relativ früh involviert bei der Suche nach der sogenannten „Root Cause“ und erhält eine Ahnung, was am Ende finanziell auf ihn zukommen mag. CSC sind reine Gewährleistungsfälle wegen nicht sicherheitsrelevanter Mängel, die behoben werden, wenn der Kunde mit der Reklamation in die Werkstatt kommt. Je nach nationalen „Garantiefristen“, die formaljuristisch als Gewährleistungsfristen bezeichnet werden müssten, können daher Kosten über mehrere Jahre auflaufen, bevor der OEM sich an den Zulieferer zwecks Kostenübernahme wendet. Allerdings kann bei den CSC auch eine Tendenz zur proaktiven Durchführung verzeichnet werden, indem der OEM die Händler und sogar die Kunden dazu aufruft, zur kostenlosen Reparatur in die Werkstatt zu kommen.

Im Einzelfall entstehende Kosten können dreistellige Millionenbeträge erreichen

Sicherheitsbedingte Rückrufaktionen und CSC stellen aufgrund der Plattformstrategie für die OEM eine enorme Herausforderung dar, da nicht selten mehrere hunderttausend…