„Die Kapazität an Rückversicherung übersteigt die Nachfrage weiterhin“,  sagt Dr. Michael Pickel, Vorstandsmitglied der E+S Rück und Vorstand der Hannover Rück, Schaden-Rückversicherung in Nordamerika und Kontinentaleuropa. 
„Die Kapazität an Rückversicherung übersteigt die Nachfrage weiterhin“,  sagt Dr. Michael Pickel, Vorstandsmitglied der E+S Rück und Vorstand der Hannover Rück, Schaden-Rückversicherung in Nordamerika und Kontinentaleuropa. Quelle: Hannover Re
Erschienen in Ausgabe 9-2018Trends & Innovationen

"Wir konnten steigende Preise durchsetzen"

Dr. Michael Pickel, Vorstand Hannover Re,über das neue Marktumfeld in der Rückversicherung

Von David GorrVersicherungswirtschaft

Rückversicherer blicken auf ein schadenträchtiges Jahr 2017 zurück. Ein Teil der Schadenkosten sollte wieder durch steigende Prämiensätze gedeckt werden. Schaut man auf die Halbjahreszahlen Ihrer Konkurrenten, ist das aber nicht gelungen. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Wir als reiner Rückversicherer haben natürlich mit anderen Thematiken zu kämpfen als viele unserer Mitbewerber. In der Schaden-Rückversicherung herrscht nach wie vor ein intensiver Wettbewerb. Daran hat die hohe Belastung der Rückversicherer durch die Großschäden aus den atlantischen Wirbelstürmen des Vorjahres nichts geändert. Die angebotene Kapazität an Rückversicherung übersteigt die Nachfrage weiterhin, auch wenn die Nachfrage nach Rückversicherung zuletzt gestiegen ist.
Dennoch konnte die Hannover Rück im laufenden Jahr insgesamt steigende Preise durchsetzen, wenn auch nicht in einem Maße, wie es von vielen Marktteilnehmern und auch von uns erwartet wurde. In den Erneuerungen zum 1. Juni und 1. Juli konnten wir das Prämienvolumen des erneuerten Portefeuilles um 16 Prozent steigern. Bei der Erneuerung der teils durch erhebliche Vorjahresschäden belasteten Rückversicherungsverträge in Florida, die Naturkatastrophenrisiken insbesondere aus Stürmen decken, haben wir unsere gewinnorientierte Zeichnungspolitik fortgesetzt. Damit bewegt sich unsere Exponierung aus Naturkatastrophenrisiken komfortabel innerhalb unseres zum Vorjahr unveränderten Risikoappetits. Zudem konnten wir bei einigen größeren Kundenbeziehungen, insbesondere in Nordamerika und Europa, unsere Position deutlich verbessern.
Insgesamt stieg die gebuchte Bruttoprämie in unserer Schaden-Rückversicherung zum 30. Juni 2018 um 19,2 Prozent auf 6,5 Mrd. EUR. Hier schlug sich neben den bereits erwähnten traditionellen Rückversicherungsverträgen erneut der anhaltende Bedarfsanstieg bei solvenzentlastenden Rückversicherungslösungen sowohl in Europa als auch in Nordamerika nieder. Prämienrückgänge in anderen Bereichen konnten damit mehr als kompensiert werden.

Im Rahmen der digitalen Transformation versuchen auch Rückversicherer Kooperationen mit Insurtechs einzugehen und gar gleich sich in einen Erstversicherer zu wandeln. Bleibt das Kerngeschäft Rückversicherung dabei nicht auf der Strecke? Oder kann man im Kerngeschäft aufgrund der Prämienerosion ohnehin nicht mehr wachsen?

Wir haben wiederholt gezeigt, dass profitables Wachstum in der Rückversicherung nach wie vor möglich ist. Nehmen Sie unsere in der vorigen Frage diskutierten Zahlen zum ersten Halbjahr als Beleg. Rückversicherer können von Start-ups, ihren Ideen und agilen Ansätzen lernen. Neue Technologien wie Blockchain, künstliche Intelligenz, Data Mining oder maschinelles Lernen werden unsere Branche beeinflussen.
Wir haben unter anderem in die auf FinTechs spezialisierte FinLeap in Berlin investiert. So können wir mit InsurTechs zusammenarbeiten oder in sie investieren. Ein globales Innovationsprogramm, das wir in vier internationalen Städten durchgeführt haben, hat zudem einige interessante Start-Ups hervorgebracht. Dennoch ist es das Kernstück unserer Strategie, uns auf die Rückversicherung zu konzentrieren. Daher werden wir keine neuen Versicherer gründen und aufbauen oder bedeutende Anteile an vielversprechenden Start-ups erwerben. Als Rückversicherer sind wir ein natürlicher Partner für Start-ups. Wir können sie mit traditionellen Rückversicherungsleistungen, Know-how, Kontakten und Kapital unterstützen.

Bund und Länder streiten über Soforthilfen und die Versicherungspflicht für Dürre-geschädigte Bauern. Doch die Versicherungsprämien für Mehrgefahrenversicherung hierzulande sind wären zu hoch – auch wegen der Versicherungssteuer und den ausbleibenden staatlichen Zuschüssen wie anders als im EU-Ausland. Wie soll das Problem Ihrer meiner Meinung nach gelöst werden?

Leider fokussiert sich in Deutschland die Agrarversicherung nahezu ausschließlich auf Hagelrisiken. Dürre und Trockenheit in Deutschland bislang kein Versicherungsthema. Im europäischen Ausland ist man hier bereits weiter, etwa in Spanien. Wir würden hier gerne unseren Beitrag leisten, eine Mehrgefahrendeckung auch in Deutschland anzubieten. Die USA könnten hier als Vorbild dienen. Dort gibt es eine Mehrgefahrenversicherung für Landwirte über die bis zu 90 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im Rahmen der Mehrgefahrenversicherung gegen Trockenheit versichert sind.

Mit welchem Know-how und Produkten können Rückversicherer den Folgen des Klimawandels entgegentreten?

Rückversicherer spielen beim Kampf gegen die Folgen des Klimawandels eine wichtige Rolle. Erst durch Rückversicherung ist es vielen Erstversicherern überhaupt möglich, Deckungen in von Unwettern besonders betroffenen Regionen anzubieten. Nur die globale Diversifikation dieser Risiken, die die Rückversicherung bietet, macht dies überhaupt möglich. Zudem haben wir Rückversicherer uns über die vergangenen Jahrzehnte ein breites Wissen über die historische Entwicklung und Risiken von Wetterextremen angeeignet. Darüber hinaus beraten wir unsere Kunden zudem auf Basis dieses Wissensschatzes bei Risikoprävention und Gebäudesicherheit.