Quelle: dpa
Erschienen in Ausgabe 9-2018Köpfe & Positionen

Gegen den Sturm

Im Profil: Christian Mumenthaler, Chief Executive Officer der Swiss Re

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft
Er hat als Jugendlicher für ein Musikmagazin geschrieben und sogar schon mal ein Computerspiel programmiert. Auch ein Drehbuch hat Christian Mumenthaler, Group Chief Executive Officer der Swiss Re verfasst, realisiert wurde es jedoch nie. Ganz im Gegensatz zum Drehbuch für den Transformationsprozess, den der Topmanager seit seiner Berufung als CEO vor zwei Jahren dem Unternehmen verordnet und angeschoben hat. Wohin die Reise geht wird für die Betroffenen aber langsam klar. Mumenthaler will die Welt resilienter gegen Risiken machen, und das ist in der Tat sein Job.   

Vom Doktor der Physik zu CEO der Versicherungswirtschaft

Die Versicherungswirtschaft ist ein enzyklopädischer Wirtschaftszweig, der in seinem Querschnittscharakter alle privaten und öffentlichen Bereiche berührt und sich auch deshalb deren Mitarbeiter und Führungskräfte aus beinahe jedem relevanten Berufsfeld rekrutieren. Beeindruckendes Beispiel hierfür ist Christian Mumenthaler, Doktor der Physik und seit zwei Jahren Group Chief Executive Officer der Schweizer Rueckversicherungs-Gesellschaft Swiss Re.

Mumenthaler hat 1996 über die „Selbstkorrigierende Abstandsgeometrie für die automatische Zuordnung von NMR-NOESY-Spektren und die Vorhersage von Protein-Tertiärstrukturen" am Institut für Molekularbiologie und Biophysik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) promoviert. Mitwirkender und Doktorvater war kein geringerer als Kurt Wüthrich, seines Zeichens Schweizer Chemiker und seit 2002 Nobelpreisträger. Dazu ist noch wichtig zu wissen: Die NMR-Spektroskopie ist eine Methode zur Untersuchung der elektronischen Umgebung einzelner Atome und der Wechselwirkungen mit den Nachbaratomen. Dies ermöglicht die Aufklärung der Struktur und der Dynamik von Molekülen sowie deren Konzentrationsbestimmungen.

Von der Analyse von Atomen zur Analyse einer Firma oder einer ganzen Branche ist es dabei nur noch ein kleiner Schritt. Denn nach seinem Engagement als Associate bei der Boston Consulting Group 1997 landete Mumenthaler bereits 1999 bei der Swiss Re, wo er mit der Leitung von wichtigen Unternehmensprojekten betraut wurde und sich hier seine ersten Meriten und den, für die weitere Karriere in einem dezidiert konservativen Umfeld, so wichtigen Stallgeruch verdiente. Dabei interessierte sich Mumenthaler, wie er freimütig im Interview mit dem Universitätsmedium ETH Life über seinen damaligen Berufseinstieg verriet, für wirtschaftliche Zusammenhänge nicht groß. Und weiter: „Als ich nach meiner Dissertation bei der Boston Consulting Group ein Vorstellungs-Interview hatte und gebeten wurde eine Kostenrechnung zu erstellen, musste ich passen: ich wusste nicht, was das war." Doch gemäß dem Motto „Wir können sein, wer wir wollen" entschloss sich der 30-jährige für eine Karriere bei dem schweizerischen Unternehmen überhaupt, der Swiss Re.

Strukturiert Denken und viel Durchhaltevermögen

Dennoch war die Zeit an der ETH prägend für den späteren Manager, denn er habe die ETH vor allem als Ort erlebt, um selbständig und strukturiert denken zu lernen. Das seien in der Tat Qualitäten, die sehr geschätzt würden in der Wirtschaft. Auch eine Portion Durchhaltewillen brauche es, um ein Studium durchzustehen. Und um Vorstandsvorsitzender eines der größten Rückversicherungsunternehmen der Welt zu werden umso mehr, wie bei der nächsten Station Mumenthalers deutlich wird. Ab 2002 wird Christian Mumenthaler mit dem Aufbau einer eigenen Abteilung zur Stärkung und Kontrolle der Risiko- und Kapitalbasis der Swiss Re, genauer der Group Retro & Syndication, beauftragt und zu deren Chef ernannt. Der Lohn der Mühe war die Position als Chief Risk Officers, welche Mumenthaler von 2005 bis 2007 bekleidete. Ab 2007 wurde ihm die Leitung der Abteilung Life & Health übertragen, und ab Januar 2011 folgte für den 42-jährigen die Berufung in die Geschäftsführung als Chief Marketing Officer Reinsurance, der wichtigsten Sparte im Unternehmen. Noch im selben Jahr dann der Aufstieg zum Chief Executive Officer Reinsurance, die Mumenthaler bis zum Juli 2016 bekleidete, bis ihn schließlich die Berufung zum Group Chief Executive Officer 2016 in den Chefsessel eines der größten Rückversicherers der Welt katapultierte. 17 Jahre war Christian Mumenthaler da schon im Unternehmen, kannte wegen seiner Tour d´Horizont mittlerweile jeden Winkel der legendären Hauptverwaltung am Mythenquai am Zürichsee und war damit für seine Förderer Jacques Aigrain, Rudolf Kellenberger und Walter Kielholz, dem jetzigen Präsidenten des Swiss Re Verwaltungsrates, zum würdigen Nachfolger von Michel M. Liès gereift. „Der Kontinuierliche" wurde Christian Mumenthaler nach Inauguration von diversen Kommentatoren genannt und Kontinuität wollte der Verwaltungsrat mit dessen Ernennung ganz sicher auch in die Branche und an die Kundschaft signalisieren. Doch ob Kontinuität in diesen disruptiven Zeiten die richtige Strategie ist, dass muss und wird erst noch die Zukunft beweisen.

Kritik an der Marschrichtung

Aktuell wurden die bisherigen Maßnahmen Mumenthalers, zumindest von der Börse, noch nicht wirklich honoriert. Das ist, angesichts eines Gewinnrückgangs von 17 Prozent im ersten Halbjahr 2018 bei gleichzeitig geringer Schadenlast, nicht verwunderlich. Auch wenn dies in der 155-jährigen Geschichte der Schweizerischen Rückversicherungsgesellschaft lediglich eine Momentaufnahme darstellt, der Unmut ist spürbar, bei den Investoren wie den Mitarbeitern. Erstere monieren die im Vergleich mit den Wettbewerbern wie Munich Re, Hannover Rück oder Scor schlechtere Performance der Aktie und letztere kritisieren die ganze Richtung Mumenthalers.

Ein für die Versicherungswirtschaft im Allgemeinen und für die schweizerische Unternehmenskultur im Besonderen unerhörter Vorgang war in diesem Zusammenhang die Veröffentlichung eines anonymen offenen Briefes, der mit „Lieber Christian" überschrieben und auf dem Fachportal Inside Paradeplatz mit einem ganzen Strauß an Vorwürfen und Kritiken gegen das Management aufwartete. Darin hieß es etwa: „Du schreibst einmal im Quartal in Deinem Blog an die Belegschaft und erzählst immer das Gleiche" und weiter: „Du bedienst Dich immer der gleichen und vorgefertigten Mottos: We make the world more resilient, We are a knowledge company, so der Ankläger um zu antworten: „Ja, das glauben wir Dir. Aber auch eine Firma ohne operative Kultur. Ja wir wollen inspiriert werden. Aber Du kommst nie zu uns runter und fragst uns, wie es so läuft. Warum verlässt Du nicht mal Dein Büro und verbringst ein wenig Zeit mit Deinen Truppen?"

Fast 170 Kommentare in zehn Tagen generierte diese Philippika, viele zustimmend. Auf diesen Brief bei der Vorstellung der diesjährigen Halbjahreszahlen angesprochen zeigte sich der Chef persönlich enttäuscht, vielmehr nehme er offen geübte Kritik ernst. Zudem befinde sich die Swiss Re derzeit in einer Transformationsphase. Dabei sieht es jedoch so aus, dass sich offensichtlich nicht alle Mitarbeiter bei diesem Prozess mitgenommen fühlen. Auch wie der Transformationsprozess konkret ausgestaltet und mit welchen Ergebnissen dereinst zu rechnen sein wird, bleibt bislang im Dunkeln. Ein Paukenschlag war in diesem Zusammenhang die Nachricht vom Einstieg des japanischen Mischkonzerns Softbank bei Swiss Re. Dieses Vorhaben hatte sich jedoch nach fast viermonatigen Verhandlungsbemühungen wieder zerschlagen, der Imageschaden war da aber schon in der Welt. Wohin der CEO das Unternehmen führen möchte, lässt sich trotz der vielen Allgemeinplätze, die in den Interviews abgesteckt werden, langsam aber sicher identifizieren: „Ich habe mir vorgenommen", so schreibt Mumenthaler im Unternehmensprofil 2017 in einem Brief an die Aktionäre, „Swiss Re in den kommenden Jahren verstärket als `Risk Knowledge Company´ zu positionieren“. Was das heißt? Swiss Re nutzt ihre jahrzehntelange Erfahrung sowie Know-how im Risiko-Management, um gemeinsam mit ihren Kunden innovative Versicherungslösungen zu entwickeln, um noch mehr Menschen erreichen zu können. „So machen wir die Welt widerstandsfähiger." Deckungslücke lautete hierzu das Stichwort. Noch ganz unter dem Eindruck der US-Wirbelstürme „Harvey" und „Irma" konkretisierte Mumenthaler später im Interview mit dem Handelsblatt, wie er sein eigenes Unternehmen widerstandsfähiger machen möchte: „Ich finde, die Branche sollte eigentlich einen viel besseren Ruf haben angesichts dessen, was sie tut. Sie macht die Welt sicherer und widerstandsfähiger. Es könnte kein Flugzeug ohne die Branche starten, kein Haus gebaut werden, keine Brücke. Aber wir sind sehr schlecht in der Kommunikation dieser Sinnhaftigkeit, die mich persönlich jeden Tag motiviert. Und um ehrlich zu sein, noch sind wir teilweise auch schlecht in der Praxis. Wir sind als Gesamtsystem vielfach noch zu teuer, zu langsam, zu wenig kundenfreundlich. Aber ich denke, das werden und müssen wir ändern."

Missverständnis darüber, was Versicherer leisten können und was nicht

Dazu wird Mumenthaler, verheiratet mit einer Italienerin und Vater zweier Kinder, sein ganzes diplomatisches Geschick aufbieten müssen. Aber wer in seinem Studium gelernt hat, Strukturvorhersagen für Biomoleküle zu treffen, der kann auch Prognosen für das komplexe Ökosystemystem Swiss Re treffen. Dass Menschen keine Moleküle sind und auch für Experimente wenig zugänglich hat der Manager schon früh gelernt. Im eingangs zitierten Gespräch mit seiner früheren Ausbildungsstätte ETH sagte Mumenthaler mit Blick auf seine ersten Erfahrungen in der Wirtschaft: „Es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern wie die politische Konstellation ist, wie die Interessen der Leute liegen, es geht um Emotionen. Mit anderen Worten, es gibt viele Kräfte, die nichts mit Logik zu tun haben, aber die wirtschaftliche Realität prägen."

In so einer Situation ist es dann mehr als hilfreich mehrere Sprachen zu sprechen, fließend zwischen Englisch, Französisch, Italienisch und Schwyzerdütsch wechseln zu können, dabei freundlich konziliant im Ton, aber hart in der Sache zu sein und dem Gegenüber das Gefühl exklusiver Freundlichkeit zu signalisieren auch wenn die Fragen banal sind.
Nicht nur wie der Kunde an sich „tickt" will der oberste Chef von seiner Marktforschung wissen, sondern wie der Mensch überhaupt gestrickt ist. Das wird für die Entscheider neueren Typs, wie Allianz-Chef Oliver Bäte, Axa Group CEO Thomas Buberl oder Zurich-Chef Mario Greco immer wichtiger, denn, so Mumenthaler „Menschen sind irrationale Wesen" und Swiss Re will wissen, mit wem sie es zu tun haben. Dazu wurde eine eigene Abteilung gegründet, um sich mit den „weichen Faktoren" der menschlichen Existenz und ihrer Entscheidungsgrundlagen zu befassen. Denn nicht nachvollziehbar ist für einen streng rationalen Manager wie Christian Mumenthaler z.B. das Verhalten zahlreicher Kalifornier. Diese wüssten zwar, dass sie auf einem Pulverfass lebten, aber dennoch fast keine Risikovorsorge für den Ernstfall träfen. Hier wartet noch sehr viel Aufklärungsarbeit auf Mumenthaler, wenn er in einer TV-Talkshow bekundet: „Es gibt noch sehr viel Erziehungsarbeit zu leisten, denn es gibt nach wie vor ein großes Missverständnis darüber, was Versicherer leisten können und was nicht. Regierungen wissen zum Teil nicht mal, wie man Risiken misst." Aber mit Messungen kennt sich der Molekularforscher ja bestens aus. Seine Ergebnisse und Konsequenzen werden mit Spannung erwartet.