Sorge vor dem Sturm: Extremwetterereignisse werden laut Global Risks Report des World Economic Forum sehr wahrscheinlich zunehmen und durch die globalen Lieferketten nicht nur in der Region zu spüren sein, in der sich eine Naturkatastrophe ereignete.
Sorge vor dem Sturm: Extremwetterereignisse werden laut Global Risks Report des World Economic Forum sehr wahrscheinlich zunehmen und durch die globalen Lieferketten nicht nur in der Region zu spüren sein, in der sich eine Naturkatastrophe ereignete.Quelle: Fotolia: Sabphoto 
Erschienen in Ausgabe 9-2018Schlaglicht

Es braut sich was zusammen

Globale Lieferketten machen die Wirtschaft bei Wetterextremen verwundbarer 

Von Frank DrolsbachVersicherungswirtschaft

Laut dem „Global Risks Report 2018“ vom Weltwirtschaftsforum sehen Ökonomen den Klimawandel derzeit als größtes Risiko für die Weltwirtschaft an. Extremwetterereignisse werden sehr wahrscheinlich zunehmen und durch die globalen Lieferketten nicht nur in der Region zu spüren sein, in der sich eine Naturkatastrophe ereignete. Um die daraus resultierenden finanziellen Verluste zu minimieren, gilt es, die Schadenprävention des Unternehmens kontinuierlich zu verbessern. Im Sommer 2018 befanden sich Teile Japans im Ausnahmezustand: In Osaka und östlich der Megametropole Tokio ereigneten sich Erdbeben der Stärke 6,1 und 6,0, die dichtbesiedelten Provinzen Gifu und Kyoto erlebten noch nie dagewesene Niederschläge und auch in den Millionenstädten Nagasaki und Fukuoka herrschte Katastrophenalarm. Überschwemmungen und Erdrutsche hinterließen eine Spur der Zerstörung und sorgten dafür, dass rund sechs Millionen Menschen aufgefordert waren, ihre Häuser zu verlassen.

Die Lehren aus Japan

Es ist kein Geheimnis, dass Japan zu den Naturkatastrophen reichsten Ländern der Welt zählt und sich durch dortige Ereignisse bereits die eine oder andere Lehre ableiten ließ. Ein Beispiel: Nach dem Tōhoku-Erdbeben 2011 benötigte ein asiatischer Automobilhersteller sechs Monate, um seine Produktion wieder auf das ursprüngliche Niveau zu bringen. Im ersten Monat nach der Naturkatastrophe ging die weltweite Produktion des Automobilherstellers um mehr als 48 Prozent zurück, in Japan sogar um über 74 Prozent. Als primärer Grund für den enormen Produktionsausfall galt das Single Sourcing eines bestimmten Produktionsteils, dessen Produktionsstätte im Laufe der Katastrophe zerstört worden war.  Das Ereignis zeigt, welche Nachteile zu schlanke Lieferketten haben können. Doch wenn Unternehmen die zunehmenden Extremwetter nicht in ihren Strategien einplanen, können sie zum Beispiel aufgrund von Single Sourcing eine ähnliche Schadenerfahrung erleben wie einst der asiatische Automobilhersteller. Als Lehrmeister kann Japan jedoch auch in der Prävention vor Erdbebenschäden gesehen werden. Strenge Bauvorschriften wie „Puffer“ im Fundament, die zusammen mit Stahlbetonskeletten dafür sorgen sollen, dass Erdbebenstöße „abgefedert“ und „gedämpft“ werden können, haben dazu beigetragen, dass das Ausmaß des Erdbebens im Sommer 2018 in Osaka als Erfolg gewertet wurde – ohne Präventionsmaßnahmen hätte es weitaus schlimmer kommen können.

Flutbedingte Ausfälle werden steigen

In der Bauweise liegt einer der Hauptunterschiede zwischen Japan und anderen Naturkatastrophengebieten wie zum Beispiel China. Der BRIC-Staat ist weiterhin ein attraktiver Produktionsstandort, wird aber laut Aussage des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in den nächsten 20 Jahren allein durch zunehmendes Hochwasser die stärkste Zunahme wirtschaftlicher Einbußen haben. Mithilfe einer speziellen dynamisch-ökonomischen Computersimulation haben die Forscher untersucht, wie stark sich die zunehmenden Überschwemmungen auf die Weltwirtschaft auswirken werden. Die Computersimulation ließ erkennen, dass sowohl die Europäische Union als auch die USA indirekt von den Überschwemmungen ihres asiatischen Handelspartners betroffen sein werden. Wird nicht reagiert, drohen international Ausfälle von rund 600 Milliarden US-Dollar. Von diesen flutbedingten Einbußen werden mehr als 380 Mrd. US-Dollar China zugerechnet. Dies entspricht etwa fünf Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes und einem Anstieg von flutbedingten Ausfällen um 80 Prozent.

Kein Halt vor Industrienationen

Doch mittlerweile ziehen sich globale Lieferketten nicht mehr nur durch die BRIC-Staaten. Auf der Suche nach kostengünstigen Produktionsstandorten führen Lieferketten auch in die sogenannten „Next Eleven“-Länder oder in die Staaten des Verbands Südostasiatischer Nationen „ASEAN.“ Betrachtet man jedoch die Ergebnisse des „Globalen Klima-Risiko-Index 2018“ von Germanwatch fällt auf, dass sich etliche dieser Staaten unter den Top 10 der am meisten von Extremwetter betroffenen Länder von 1997 bis 2016 befinden (Langfrist-Index). Staaten wie Indien und Vietnam zählen laut Germanwatch ferner zu der Gruppe, die regelmäßig von Extremwetterereignissen betroffen sind und dadurch keine Zeit hätten, sich dazwischen zu regenerieren. Mit Zunahme der Extremwetter, wird diese mögliche Erholungsphase zunehmend kürzer ausfallen. Die aktuelle Studie zeigt aber auch, dass Industrienationen im Umgang mit Klimafolgen aktiver werden müssen. Befand sich die USA in der letzten Ausgabe des Index noch auf Platz 21, liegt sie nun aktuell auf Platz 10. Allein 2016 verzeichnete das Land Schäden in Höhe von mehr als 47 Milliarden US-Dollar. Und auch Deutschland bleibt nicht verschont und rückte im aktuellen Index von Platz 64 auf Platz 42 vor. Im Langfrist-Index liegt Deutschland sogar auf Platz 23 und ist damit nach Frankreich und Portugal die am drittstärksten betroffene Industrienation. Die USA aber auch Deutschland zählen ferner in der bereits erwähnten Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zu den Staaten, bei denen das Hochwasserrisiko in den kommenden Jahren zunehmen wird. Überschwemmungen und Unterspülungen von Straßen- und Schieneninfrastrukturen durch Flusshochwasser sowie Sturm- und Sturzfluten – vor diesen zunehmenden Risiken warnte auch bereits die Bundesregierung. Die USA hingegen musste bereits durch eine schadenreiche und extreme Hurrikan-Saison 2017 selbst erfahren, was es bedeutet, wenn wichtige wirtschaftliche Knotenpunkte plötzlich nicht mehr intakt sind.

Resilienz stärken

Die Auswirkungen des Klimawandels können jeden treffen. Ganz gleich also, wo das nächste Extremwetter stattfinden wird: Durch die globalen Lieferketten sind Unternehmen verwundbarerer geworden. Stehen die Maschinen eines wichtigen Zulieferers unter Wasser oder hat ein Sturm die eigene Produktionshalle zerstört, können Aufträge nicht mehr fristgerecht ausgeführt werden und finanzielle Einbußen folgen – zusätzlich zu den durch die Naturkatastrophe verursachten Schäden. Damit es nicht zu dieser Situation kommt, sind eine Analyse der möglichen Unternehmensrisiken und eine damit einhergehende aktive Schadenprävention die zentralen Maßnahmen.Um Worst-Case-Szenarien zu minimieren, gilt es zu verstehen, wo in der Welt die wichtigsten Vermögenswerte liegen, die dort vorhandenen Risiken zu identifizieren und eine geeignete Schadenprävention zu integrieren. Denn einen Schaden erst gar nicht erlitten zu haben oder ihn auf ein Mindestmaß reduzieren zu können, ist für jedes Unternehmen definitiv der favorablere Zustand. Wer es schafft, die Resilienz seines Unternehmens zu stärken, wird in Zeiten der Extremwetter einen entscheidenden Vorteil haben.

Retrozession 2018 – nach Harvey, Irma und Maria

Retrozession 2018 – nach Harvey, Irma und Maria

In diesem Jahr war die Retrozession – insbesondere infolge der Schäden durch Naturkatastrophen in 2017 HIM, California Wildfires, Mexikanische Erdbeben, etc. – eines der wesentlichen Themen, die bei dem 15. Kölner Rückversicherungs-Symposium des Instituts für Versicherungswesen (IVW) der Technischen Hochschule Köln am 5. Juni diskutiert wurden. Laut Professor Stefan Materne hätten die Ereignisse im Rückversicherungsmarkt nur zu leicht steigenden Preisen geführt. Das Renewal verlief in Folge der ausgebliebenen durchgreifenden Verhärtung von Preisen und Konditionen für die Rückversicherer enttäuschend. Im ILS Markt, welcher den Schätzungen zu Folge ca. 65 Prozent des Retromarktes repräsentiere, seien ebenfalls nur kaum spürbare Auswirkungen sichtbar gewesen, so dass Prof. Materne davon ausgehe, dass es den in der Vergangenheit beobachteten Rückversicherungszyklus nicht mehr gebe.

IT-Großprojekte scheitern häuftig an zu hoher Erwartungshaltung

Dieter Winkel, President, Liberty Mutual Reinsurance, erläuterte, wie professionell sich der ILS-Markt entwickelt habe. Im Gegensatz zu 2005 – als nicht ausreichend Kapazität zur Verfügung stand – wurde wieder Kapital in Höhe von ca. EUR 10 Mrd. zur Erneuerung 2018 bereitgestellt. Dirk Lohmann, CEO Secquaero, erklärte die Reaktion der Investoren vor allem dadurch, dass es sich insbesondere bei Harvey und Irma um keine in der Höhe überraschenden Schäden, sondern um Ereignisse im Rahmen der Erwartungen gehandelt habe. Auch die Tatsache, dass ein Großteil der Catbonds nicht getroffen wurde, habe die Investoren eher ermutigt. Sollte es in 2018 jedoch erneut zu hohen Belastungen aufgrund von Naturkatastrophen kommen, sei sich Lohmann nicht sicher, ob das alternative Kapital in diesem Maße auch weiterhin zur Verfügung stehen werde. Kate Vacher (CEO, Aspen Bermuda) bestätigte dies und ergänzte, dass sich die Rating- und Modellierungsansätze – anders als nach den Ereignissen 2005 nicht geändert hätten.

IBM-Versicherungsexperte Stefan Riedel bezeichnete die IT als „Fertigungsstraße“ der Versicherungswirtschaft und betonte so die Wichtigkeit für die Branche. Statt „Artificial Intelligence“ spreche er lieber von „Augmented Intelligence“ – also erweiterte Intelligenz – die derzeit unser ganzes Leben durchdringe. Der Anteil von gescheiterten IT-Großprojekten führe er auf die häufig sehr hohe Erwartungshaltung zurück. Es ließen sich nicht immer 100 Prozent der Wünsche realisieren, aber nach dem Pareto-Prinzip seien 80 Prozent davon häufig auch ausreichend.

Torsten Utecht, Finanzchef der Zurich Deutschland indes erklärte die Lage der Lebens- (Rück-) Versicherung. Nachfrage nach Lebensversicherungsprodukten werde es seiner Meinung nach immer geben, doch es stünden große Herausforderungen bevor. Mit der Zinszusatzreserve (ZZR) könne man insgesamt in der derzeitigen Ausgestaltung umgehen. Doch die Branche sei sehr heterogen und er könne nicht ausschließen, dass der eine oder andere Lebensversicherer doch vor sehr großen Herausforderungen stünde. Für die hohen Belastungen – die wohl noch bis 2021/2022 anhalten werden – seien Rückversicherungskonzepte bereits bekannt. Jedoch seien deren Kosten häufig unattraktiv.

Zu dem Thema Run-off sehe Utecht die Kosten der Plattformen aufgrund der eher geringen Volumina derzeit noch als deutlich zu hoch an. Um Economies of Scale erzielen zu können, seien Run-Off-Gesellschaften an einem Fortbestand der erworbenen Verträge interessiert, was den Kunden zu Gute kommen sollte. Für die Branche insgesamt sei es wichtig, die seitens der Politik eröffneten Chancen – die die Politik geboten hat – wie z.B. das Lebensversicherungsreformgesetz – zu nutzen und das negative Image der Lebensversicherung zu verbessern.