Torsten Leue, Talanx-CEO: „Unternehmen werden von Menschen geführt, nicht von Strukturen. Der Mensch steht immer Mittelpunkt."
Torsten Leue, Talanx-CEO: „Unternehmen werden von Menschen geführt, nicht von Strukturen. Der Mensch steht immer Mittelpunkt."Quelle: Talanx
Erschienen in Ausgabe 8-2018Köpfe & Positionen

„Schneller sein als die Außenwelt“

Im Profil: Torsten Leue, Vorstandschef Talanx

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft

Torsten Leue ist schon viel rumgekommen in seiner Karriere. Um den halben Erdball, vielleicht sogar um den gesamten, haben die Reisen den Manager, der am 7. Juni seinen 52. Geburtstag feierte, in Diensten der Versicherungswirtschaft geführt und damit für eine internationale Grundierung in der Persönlichkeit des Managers gesorgt. Davon will man in Hannover nun verstärkt profieren. Seit 8. Mai leitet Leue als Vorstandsvorsitzender die Geschäfte der Talanx – zuständig u.a. für die Ressorts Auditing, Communications, Corporate Development, Human Resources und nicht zuletzt für den Bereich Investor Relations. Auf die Frage, wo er denn nach zwölf Jahren Herbert Haas, den er als erst neunter Vorstandsvorsitzender an der Konzernspitze beerbt, neue Akzente setzten wolle, antwortete Leue: „Zunächst ist mir einmal sehr wichtig, gut zuzuhören. Ich werde im zweiten Halbjahr 2018 mehr sagen können, wo ich andere Akzente setzen will", um aber dann doch auf Nachfrage zu konkretisieren: „Grundsätzlich sehe ich, dass der Konzern mit seiner kundenorientierten Holdingstruktur und mit seiner dezentralen Ausrichtung gut positioniert ist. Schließlich müssen wir schneller agieren in dieser von Digitalisierung und Verdrängungswettbewerb geprägten Welt. Die Voraussetzungen, dem zu begegnen, sehe ich grundsätzlich als gut an."

Auf der Überholspur

Leue muss es wissen, denn nach seiner Lehre zum Bankkaufmann 1987 bei der Deutschen Bank und anschließendem BWL-Studium in Berlin und Montpellier mit den Schwerpunkten Finanzen und Personal, wechselte der damals 27-jährige schnell auf die Überholspur und qualifizierte sich über das Fast-Track-Programm der Allianz so schon früh für höhere Aufgaben. „Das Programm ist die hausinterne Ausbildung zum IT-Consultant. Für das Programm, welches mehrmals im Jahr startet, werden engagierte Personen gesucht, die sich insbesondere durch ihre Kommunikationsstärke und IT-Affinität auszeichnen. Im Anschluss folgt ein "Training on the Job" in Form eines Einsatzes in der Abteilung "Organisation & Planung der Allianz oder im hauseigenen IT-Tochterunternehmen", wie es in der Selbstauskunft der Allianz zum Thema heißt. Damit sind auch schon die Leitplanken beschrieben innerhalb derer sich die Karriere Leues abspielen wird: IT und HR. Es folgten ein Jahr als Assistent des Regional-Managers der Allianz SE Berlin, ein weiteres Jahr als Regionalvertriebsleiter ebenfalls in Berlin, dem sich ein fünfjähriges Engagement als Regional-Manager für Mittel- und Osteuropa im Hauptquartier in München anschloss. Über diese, ihn prägende Zeit sagt Leue heute im Rückblick: „Ich hatte sehr gute Mentoren. Meine Erfahrung ist, dass eine faire, offene sowie konsequente Führung enorm wichtig für die eigene Leistungsbereitschaft." Ab 2004 denn der erste Einsatz im Ausland als Präsident des slowakischen Kfz-Geschäfts der Allianz und noch im selben Jahr die Übernahme für das Gesamtgeschäft in der Slowakei, nun als Vorstandsvorsitzender der Allianz Slowakei. In dieser Funktion renovierte Leue das darbende Geschäft in dem osteuropäischen Land so erfolgreich, dass der Manager ab 2008 als Deutscher sogar die Präsidentschaft des slowakischen Versicherungsverbandes übernahm. Als Bonus gab es die Mitgliedschaft im Strategieausschuss des Comité Européen des Assurances (CEA, heute unter dem Label Insurance Europe - Europäischer Versicherungsdachverband) oben drauf. Spätestens zu dieser Zeit muss der polyglotte Manager, der fließend in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Slowakisch parliert, Herbert Haas, der damals bereits im vierten Jahr die Geschicke der Talanx AG als Vorstandsvorsitzenden leitete, aufgefallen sein. Einer ersten Kontaktaufnahme folgte alsbald ein Treffen in Wien, bei dem Haas versuchte, Leue für sein Unternehmen zu gewinnen. Doch letzterer ließ sich nicht in die Karten schauen – wie sich das für einen Vertreter der Versicherungsindustrie gehört. In dem Gefühl, mit der Akquise gescheitert zu sein, dachte Haas "der kommt nicht. Er war so zurückhaltend". Doch Leue sagte zu und verließ als Allianz-Eigengewächs sein Mutterhaus. Haas muss mit seinen Argumenten und Perspektiven überzeugt haben, denn schon im September 2010 kam Leue als Vorstand für das internationale Retail-Geschäft zur Talanx-Gruppe, dem inzwischen mit mehr als 8.000 Mitarbeitern personalstärksten Geschäftsbereich im Konzern. In dieser Zeit hat der Manager das Prämienvolumen und die Profitabilität des Geschäftsbereichs kontinuierlich durch organisches und anorganisches Wachstum ausgebaut. Dabei konnten die Prämieneinnahmen in Leues Verantwortung von 2,2 Mrd. Euro im Jahr 2010 innerhalb von sechs Jahren auf fast fünf Mrd. Euro hochgeschraubt werden. Das operative Ergebnis (EBIT) stieg im gleichen Zeitraum von 27 Mio. Euro auf 212 Mio. Euro 2016. Schreiben konnte Leue diese Erfolgsgeschichte dank seiner Osteuropakompetenz. Nur zwei Jahre nach seinem Wechsel von der Isar an die Leine zog er für Talanx mit der Übernahme des polnischen Versicherers TUiR Warta SA einen weiteren dicken Fisch an Land und eroberte so für die Talanx Platz zwei in Polen. „Mit der Akquisition der Warta partizipieren wir in größeren Maße als bisher an der Entwicklung eines sehr dynamischen Versicherungsmarktes und kommen damit der Erfüllung unseres strategischen Wachstumsziels einen weiteren wichtigen Schritt näher", kommentierte Leue diesen ersten Mega-Deal, dem mit der Übernahme der polnischen TU Europa ein erster Schritt vorausgegangen war. Weitere werden sicher folgen, nur auf welchen Märkten und in welchen Segmenten lässt das Unternehmen weiter offen. Anfragen zur neuen Ausrichtung, zur Strategie und zu konkreten Maßnahmen zur Effizienzsteigerung werden hartnäckig auf den Herbst verwiesen.

Effizienzgewinne durch KI

Die Ressorterweiterung als Arbeitsdirektor der Talanx-Gruppe mit der Verantwortung für den Personalbereich komplettierte dann 2017 Leues Zuständigkeitsbereich. „In dieser Funktion hat er die Transformation hin zu agilen Arbeitswelten mit eingeleitet, um künftig die Umsetzungsgeschwindigkeit im Konzern weiter zu erhöhen", wie dazu die Talanx-Kommunikation auf der Unternehmenswebseite schrieb und dazu ein Leue-Zitat angehängt hatte: „Unternehmen werden von Menschen geführt, nicht von Strukturen. Der Mensch steht immer Mittelpunkt". Das hört sich schön an, muss aber mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen im Feld der Digitalisierung etwas relativiert werden: „Versicherer Talanx setzt bei der Personalauswahl auf Computer." Diese Schlagzeile Anfang des Jahres schreckte die Konkurrenz, Personalchefs, Mitarbeiter und solche, die es werden wollen auf. Denn ab sofort verzichtet das Unternehmen auf sogenannte Assessment Center, bei denen Kandidaten für Führungspositionen, psychologisch begleitet, in tagelanger Detailarbeit analysiert und bewertet werden. Zukünftig reicht ein Telefonat mit einem Computer, der im Hintergrund dem Algorithmus des „Precire"-Programms gehorcht um mit 90-prozentiger Sicherheit feststellt, ob ein Bewerber für die Position in der Company geeignet ist. Mögliche Fragen der Maschine an Führungskräfte lauten: „Auf wieviel Prozent schätzen Sie Ihr Management-Talent in Ihrem Skilltree?“ „Wann haben Sie das letzte Mal ein Update in Sachen Social-Medi-Competence gemacht?“ oder „Wie lange haben Sie Ihren Führungsstil nicht mehr gelevelt?“ Das Ganze dauere etwa eine halbe Stunde, koste etwa 1.000 Euro und wird vom Computer geführt - ein Assessment Center dagegen dauert ein bis zwei Tage und koste meist fünfstellige Beträge, erläutert Leue in diesem Zusammenhang. „Ich habe mich auch diesem Instrument gestellt und war begeistert." Effizienzgewinne durch den Einsatz künstlicher Intelligenz und mehr Digitalisierung, lautet das Ziel. Zurzeit arbeitet das Unternehmen daran, dieses Sprach-Analyseprogramm auch bei der Früherkennung von Depressionen im medizinischen Bereich einzusetzen, weitere Möglichkeiten sind sicher nicht auszuschließen, eine gesellschaftliche Diskussion um moralisch-ethische Fragen wohl auch nicht.  

Situativer Führungsstil                    

In Zukunft erwartet das Unternehmen im Auslandsgeschäft mit Privat- und Firmenkunden die höchsten Wachstumspotenziale, eben genau der Bereich in dem Leue bisher wirkte und für sein Haus das Geld verdiente. „Wir müssen schneller sein als die Außenwelt, um den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden. Wir müssen sicherstellen, dass die Talanx-Gruppe auch in Zukunft in einer immer dynamischeren Umwelt Agilität beweist", fordert Leue. Wie schrieb noch die Presseabteilung zur Berufung Leues als neuen Vorstandsvorsitzenden der Talanx? „Mit seiner Internationalität, seiner Erfahrung als generalistischer Manager und seiner Konsequenz soll Leue die Gruppe erfolgreich in die Zukunft führen. Seine Berufung steht als Zeichen für Kontinuität, aber auch für Mut zur Veränderung." Mut wird Leue brauchen, um die großen Schuhe, die Vorgänger Herbert K. Haas in zwölf Jahren an der Spitze der Talanx hinterlassen hat, auszufüllen. Bei dessen Verabschiedung am 8. Mai sprachen Aktionärsvertreter vom Ende einer Ära, den Titel muss man sich erst einmal verdienen. Trotz Naturkatastrophen, trotz Niedrigzinspolitik, trotz kritischer Begleitmusik zum Börsengang und trotz immer neuer Aufsichtsregimes konnte Haas liefern: Im Schnitt 16 Prozent Return on Invest pro Jahr, inklusiver Kursanstieg und Dividende. Aber so wie Weggefährten Leue kennen, wird der ehrgeizige Manager sicher versuchen dieses Maß noch zu toppen. Denn die Digitalisierung steht –vor allem in der Versicherungswirtschaft –noch ganz am Anfang und damit auch deren Profitabilitätsgewinne. Das weiß auch Leue.