Versicherung frei nach Bedarf: Bei der Insurance-on-Demand können Kunden genau jene Dinge versichern, die sie versichern wollen, und genau dann, wenn sie das wollen.
Versicherung frei nach Bedarf: Bei der Insurance-on-Demand können Kunden genau jene Dinge versichern, die sie versichern wollen, und genau dann, wenn sie das wollen.Quelle: Apple
Erschienen in Ausgabe 8-2018Märkte & Vertrieb

Push the Button

Versicherung-on-Demand bricht alte Deckungsmuster auf

Von Michael StanczykVersicherungswirtschaft

Mal angenommen, ein Downhill-Fahrer, der mit seinem Mountainbike einen Berg steil hinunterrasen will, bekommt plötzlich Zweifel, dass er unversehrt im Tal ankommt. Dann wäre es doch ein guter Service, ihm per App die Möglichkeit zu geben, spontan eine Unfallversicherung abzuschließen. Es ist eines von vielen möglichen Szenarien, die zur Entstehung der Insurance on Demand beigetragen haben dürften. Trov, Verifly, Slice, Sure oder Airsurety sind nur einige der Namen einer illustren Runde, die mit dem Ansatz auf die internationalen Versicherungsmärkte drängt.

Versicherer standardisieren zu wenig

Die Technologie trägt der digitalen Welt Rechnung, einer Welt, in der sich das Smartphone für viele Menschen zum Mittelpunkt des täglichen Lebens entwickelt hat. Kunden können genau jene Dinge versichern, die sie versichern wollen, und genau dann, wenn sie das wollen. Erreicht wird das, indem alle Interaktionen mit den Kunden vollständig über die App auf dem Smartphone gesteuert werden: Von der Erfassung eines neuen Gegenstandes z.B. durch Importieren einer Rechnung aus dem Mail-Postfach, über die Aktivierung der situativen Versicherung per Swipe, bis hin zur Schadensmeldung per Chat.

Die Versicherung auf Knopfdruck ist näher als die heterogene IT im Versicherungsumfeld vermuten lässt. Ihr Kernpunkt ist – logisch – die Erreichbarkeit. Die Taktik dafür lautet: mobile first. 2017 investierte die Baloise in die kalifornische Insurtech-Firma Trov. Der Versicherer verspricht sich davon einen finanziellen Mehrertrag, wenn das Unternehmen erfolgreich ist. „Zudem ergibt sich aufgrund des Know-how-Transfers ein strategischer Nutzen für das eigene Kerngeschäft“, berichtet Thomas Sieber, Leiter Corporate Center Baloise Group.

Die Partnerschaft ist sinnvoll, der Markt vielversprechend und die Versicherer auf neue Denk- und Deckungsmuster angewiesen. Gerade, wenn es um Schnelligkeit geht, haben die traditionellen Player ein hausgemachtes Problem: sie brauchen sofort alle relevanten Informationen, um präzise kalkulieren zu können. Um beim Beispiel des Downhill-Fahrers zu bleiben: Handelt es sich um einen routinierten Fahrer, der sich mit Abfahrten am Berg auskennt? Wie risikobereit ist er? Wie ist sein Konditionszustand? Hat er ein gerade ein neues Rad oder eine Helmkamera erstanden, die im Versicherungsschutz mit eingeschlossen sein sollten? Über das Smartphone und die Spuren des Bikers in den sozialen Medien sollten Antworten auf einige der Fragen zu finden sein, etwa anhand von Daten über seinen aktuellen Standort über GPS, Informationen über seinen Trainingszustand über sein Fitness-Armband und seine Risikobereitschaft über Posts auf Facebook von den letzten Abenteuern. Relevante Daten müssen gefunden und zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Hier allerdings tun sich die Versicherer schwer. „Die Unternehmen in der Branche nutzen bisher ihre individuellen Geschäftsprozesse, deren Standardisierungsgrad gering ist“, erklärt Olaf Schönfelder, Global Head of Insurance Cloud von SAP, der Versicherern dazu rät „nicht immer alles anders machen zu wollen als die Wettbewerber rechts und links, da die Unterschiede objektiv betrachtet gar nicht so groß sind wie die Versicherer selbst denken.“

Gamification-Ansatz setzt Anreize

Indes eröffnet das Insurance-on-Demand-Konzept sowohl aus Kunden- als auch Versicherersicht interessante Potenziale. Ein schneller und flexibler Abschluss via App erlaubt einen bedarfsgerechten Abschluss. Einzelobjekte, die zum Beispiel in einer allgemeinen Hausratversicherung nicht oder nur unzureichend versichert sind, können besonders geschützt werden. Durch den reinen Onlineverkauf und die digitale Verarbeitung aller Informationen sind die Betriebskosten des Versicherers gering. Zudem sind zahlreiche neue ­Versicherungsmärkte – Stichwort Mikroinsurance – nur über diese Form des Kundenzugangswegs zu erreichen. „Vermutlich spielen aber bei vielen Versicherten Gesichtspunkte eine Rolle, die nicht einer rein normativ-rationalen Vorgehensweise folgen, sondern verhaltenswissenschaftliche Bereiche ansprechen. Die An-/Aus-Logik des Konzepts, die Fotografie des zu versicherten Gegenstandes und der dahinterstehende Prozess der On-Demand-Insurance-App mit spielerischen Elementen könnte im Sinne einer „Gamification“ von breiten Kundengruppen positiv aufgenommen werden“, schreibt Hato Schmeiser von der Universität St. Gallen in der Handelszeitung. „Des Weiteren dürfte auch der Denomination Effect eine Rolle spielen: Bei kleineren Beträgen für Versicherungsdeckungen mit kurzen Zeiträumen und geringen Versicherungssummen reagieren Kunden typischerweise weniger preiselastisch. Von daher darf vermutet werden, dass prozentuale Aufschläge auf die erwarteten Entschädigungszahlungen im Bereich von On-Demand-Versicherungen möglich sind, die deutlich über denjenigen in traditionellen Versicherungsverträgen liegen.“ Hinzukommen könne, dass Kunden nach einer Phase der Risikoerhöhung und des Abschlusses eines On-Demand-Kontrakts nicht auf off stellen, und damit letztlich einen regulär laufenden Vertrag zu möglicherweise ungünstigen Konditionen bedienen. Trov-Vorstand Scott Walchek bestätigt, dass viele Kunden den Versicherungsschutz 24/7 eingeschaltet lassen. Schließlich werden Versicherungen selten aktiv nachgefragt. Im Falle des situativen Versicherungsschutzes müssen sich Kunden aber aktiv darum kümmern. Von situativen Versicherungsschutz und Kundeninteraktion kann zumindest in diesem Zusammenhang allerdings nicht mehr gesprochen werden.

Nach Ansicht von Versicherungsexperten Schmeiser müsse zudem das im Kontext von On-Demand-Insurance häufig angeführte Argument, man bezahle nur, wenn man die Deckung auch tatsächlich brauche, differenzierter betrachtet werden. „Das Konzept kann im Rahmen einer Self-Selection geeignet sein, Probleme des moralischen Risikos und adverser Selektion zu reduzieren, falls sich die Schadenverteilungen zwischen On-Demand-Versicherten und traditionellen Versicherungsnehmern signifikant unterscheiden. In einem solchen Fall würde es dann in einem Markt mit On-Demand-Insurance auch zu Rückkopplungen auf das bisherige traditionelle Kollektiv kommen.“ Dass Versicherte eine höhere Schadenexponierung besitzen müssen, ist dabei nicht gesagt. „Vielleicht liegt ein ausgeprägtes ­Risikobewusstsein vor und es werden – trotz Versicherungsschutz – bessere Maßnahmen bzgl. Schadenverhütung getroffen als dies in der Gruppe der traditionell versicherten Personen der Fall ist. Solche Maßnahmen zur Schadenverhütung können dabei sowohl vom Versicherungsnehmer als auch vom Versicherer ausgehen. Wenn es allerdings zu einer größeren Preisdifferenzierung im Markt via On-Demand-Versicherung kommt, werden sich nicht alle Versicherten besserstellen können“, sagt Schmeiser.

Axa schaut bei Trov ab

Der französische Axa-Konzern jedenfalls lässt sich nicht beirren. Mitte Juni sorgte das Unternehmen für Aufsehen, als Vorstandschef Thomas Buberl eine strategische Partnerschaft mit der Großbank ING ankündigte. Ziel ist die Bereitstellung einer leistungsfähigen Plattform, die es den Kunden erlaubt, mit wenigen Klicks ein maßgeschneidertes Angebot für eine Versicherung zu erhalten. Unternehmenskreise erläuterten, dass Axa bereits eigene digitale Plattformen besitze. Doch erreiche man über ING eine spezielle Klientel, die „sehr mobil und digital“ sei. Der Versicherer will über das gemeinsame Portal Policen für Schadens-, Kranken- und Vorsorgeversicherungen anbieten. Buberl spricht von modularen Produkten, die flexibler an die Bedürfnisse der einzelnen Kunden angepasst werden können. Ganz nach dem Beispiel von Trov. Was soll denn da noch schiefgehen?