Führungskräfte leben riskant: Eine falsche Entscheidung kann Manager im schlimmsten Fall wirtschaftlich ruinieren.
Führungskräfte leben riskant: Eine falsche Entscheidung kann Manager im schlimmsten Fall wirtschaftlich ruinieren.Quelle: Fotolia/ kasto
Erschienen in Ausgabe 8-2018Politik & Regulierung

Wenn der Manager sich verzockt

Eine Umfrage zur Leistungsstärke der D&O-Versicherung

Von Ulrich Kremer und Markus GülichVersicherungswirtschaft

Die D&O-Versicherung ist die wichtigste Versicherung für Unternehmensleiter schlechthin. Seit langer Zeit ist der D&O-Markt ein Käufermarkt. Dabei ist das Schadenaufkommen hoch, die Zufriedenheit mit der Schadenbearbeitung aber manchen Stimmen zufolge gering: sperrige Regulierung und Ablehnungen seien an der Tagesordnung. Trifft dies wirklich zu? Die Autoren haben hierzu eine Umfrage und Interviews unter spezialisierten D&O-Versicherungsvermittlern durchgeführt. Es dürfte kaum bestritten werden, dass die deutschen D&O-Versicherer seit Jahren hohe Schadenaufwendungen haben. Dem stehen über einen langen Zeitraum sinkende Prämien gegenüber. Die Versicherungsbedingungen werden häufig von – auf D&O spezialisierte, aber auch anderen – Maklern vorgegeben. Die Deckung wächst um immer neue Ergänzungen und Erweiterungen an, bis hin zur sprichwörtlichen Hamsterklausel. Dabei bedarf es aus Versicherersicht keiner besonderen Bemühungen, um die Versicherungssumme aufzubrauchen: Leistungen für Abwehr und Schadenersatz sind anerkanntermaßen hoch. „Deutschland zählt weltweit zu den Ländern mit den schärfsten Haftungsregeln für Manager“, sagt Diederik Sutorius, Geschäftsführer des Kölner D&O-Spezialanbieters VOV. „Die Schadenquoten sind vergleichsweise hoch, mit steigender Tendenz. Der Markt ist gekennzeichnet durch scharfen Wettbewerb und Versicherungsbedingungen, die immer umfassendere Deckungen vorsehen und damit immer mehr Ansprüche begründen.“ Sutorius dürfte damit vielen Versicherern aus der Seele sprechen.

Umfrage für den Erkenntnisgewinn

Die Versicherer haben also hohe Schadenaufwendungen. Woher kommt aber dann die scheinbar weitverbreitete Unzufriedenheit mit dem Produkt D&O, die Pressebeiträge und Werbematerialien oft nahelegen? Diesem Widerspruch wollten die Autoren nachspüren. Dazu führten sie eine Online-Umfrage und individuelle Interviews durch. Ziel des Projektes ist eine verlässliche – wenngleich nicht wissenschaftlich genaue – Momentaufnahme der subjektiven Zufriedenheit der Vermittler mit der D&O-Versicherung im Schadenfall zu gewinnen und dabei einige Sonderthemen und Trends zu berücksichtigen. Die Umfrage im Umfang von zehn Fragen richtete sich an 35 ausgewählte Makler und andere nichtanwaltliche Berater in Deutschland mit Spezialisierung auf D&O-Versicherung. Kriterien für die Auswahl der Adressaten waren deren Selbsteinschätzung und -darstellung (z.B. Homepage) als D&O-Spezialisten, und/oder eine entsprechende Bewertung durchführende D&O-Versicherer. Die Auswahl der zur Teilnahme eingeladenen Häuser wurde sorgfältig und so neutral wie möglich getroffen, erhebt aber nicht den Anspruch, vollständig objektiv oder abschließend zu sein. Die – anonyme – Online-Umfrage wurde von 15 der 35 Vermittlerhäuser beantwortet, wovon zwei Antworten jedoch unvollständig und somit nicht auswertbar waren. Im Ergebnis gab es damit einen verwertbaren Rücklauf von etwas mehr als einem Drittel (37%) der ausgewählten Vermittlerhäuser. Ihr Einverständnis, als Teilnehmer der Online-Umfrage genannt zu werden, haben die Köberich Financial Lines GmbH, die Dr. Ihlas GmbH, Willis Towers Watson und BDJ Versicherungsmakler erteilt.

Wie viele Schäden wurden bearbeitet? Gefragt wurde zunächst nach der Anzahl der D&O-Schäden (Versicherungsfälle), welche die Umfrageteilnehmer in den letzten fünf Jahren bearbeitet und/oder verantwortlich betreut haben. Die Antworten verteilen sich auf die fünf Antwortkategorien „1-10“, „11-20“ etc., bis „51 oder mehr“ derart, dass rechnerisch von 359 Versicherungsfällen insgesamt auszugehen ist.

Wer sind die Anspruchsteller? Der nächste Punkt bezog sich auf den jeweiligen Anteil verschiedener Anspruchsteller. Innenverhältnisansprüche (versichertes Unternehmen gegen versicherte Person) machten demnach 61% der Ansprüche aus und sind damit signifikant häufiger als Außenverhältnisansprüche (Dritte gegen versicherte Person). Als Anspruchsgrundlagen für Innenverhältnisansprüche dürften i.d.R. § 43 Abs. 2 GmbHG oder § 93 Abs. 2 AktG oder diesen verwandte Normen zur Anwendung gekommen sein. Außenverhältnisansprüche betragen 39%: sie setzen sich zusammen aus 24%, in denen Steuerbehörden oder Sozialversicherungsträger Ansprüche erheben, und aus 15%, in denen Ansprüche von sonstigen Dritten stammen. Ansprüche durch Insolvenzverwalter wurden nicht in die Umfrage einbezogen, da in diesen Fällen das Vermittlerhaus regelmäßig nicht beteiligt ist (siehe aber persönliche Interviews).

Wie verhält es sich mit unmittelbaren Zurückweisungen? Hier wurde nach dem Anteil der Zurückweisungen gefragt, die vom Versicherer nach Meldung des Versicherungsfalls aus bestimmten Gründen ausgesprochen wurden. Soweit es in diesem Sinne qualifizierte unmittelbare Deckungsversagungen gab, beriefen sich die Versicherer in 27,5% der Zurückweisungen auf Ausschlüsse. Schon wesentlich seltener wurde vorgebracht, dass der Versicherungsfall oder die Pflichtverletzung nicht im versicherten Zeitraum lagen (19%) oder darauf, dass es sich nicht um einen Versicherungsfall im Sinne der Bedingungen handelte (18,5%). Versagungen wurden seitens der Versicherer allerdings auch in Bezug auf die versicherte Person vorgenommen: So wendeten die Versicherer in 13% der Zurückweisungen ein, dass sich die Inanspruchnahme gegen eine nicht versicherte Person richtete, und in 4,5% der Fälle soll die Mitwirkung der versicherten Person bei der Geltendmachung des Versicherungsanspruches gefehlt haben. Nicht ganz überraschend ist, dass in 7,5% dieser Zurückweisungen vom Versicherer moniert wurde, dass die Inanspruchnahme der versicherten Person nicht ernsthaft gewesen sei. In den verbleibenden 10% wurde die Ablehnung auf sonstige Gründe gestützt. (Zu endgültigen Deckungsversagungen siehe unten.)

Grund der VersagungAnteil in % (an Versagungen, nicht: Versicherungsfällen)
Berufung auf Ausschluss27,5
Versicherungsfall oder Pflichtverletzung außerhalb des versicherten Zeitraumes19,0
Kein Versicherungsfall im Sinne des Versicherungsvertrages18,5
Betroffene Person(en) nicht versichert13,0
Keine Ernsthaftigkeit der Inanspruchnahme7,5
Keine Mitwirkung der versicherten Person(en)4,5
Andere/sonstige Gründe10,0

Versicherte Personen blieben so gut wie nie auf Abwehrkosten sitzen

Wie häufig wurde Abwehrdeckung gewährt, und wie hoch ist die Ablehnungsquote? In 80,5% aller Schadenfälle haben die Versicherer Abwehrdeckung und damit Versicherungsschutz gewährt, entweder durch Übernahme der Vergütung außenstehender Kanzleien oder durch eigene Durchführung der Abwehr. Damit liegt die Ablehnungsquote rechnerisch von vornherein bei maximal 19,5%. Tatsächlich dürfte sie weit niedriger sein. Dies ergibt sich aus einem (hier nicht belegten) Anteil von Schäden, in denen der Versicherer unmittelbar vom Haftpflichtanspruch freigestellt hat („Zahlschäden“), sowie einer Dunkelziffer von Fällen, in denen D&O-Sachverhalte vorsorglich und in Kenntnis des Vermittlers, dass keine Deckung vorliegt, gemeldet werden. 60% der Teilnehmer gaben übrigens an, dass der Versicherer in jedem einzelnen Fall Abwehrdeckung gewährte. Aus all dem dürfte zu folgern sein, dass Versicherer in aller Regel ihrer Verpflichtung zur Gewährung von D&O-Versicherungsschutz ordnungsgemäß nachkommen, und Zurückweisungen nicht häufiger erfolgen als in anderen Sparten.

Ist die Abwehr erfolgreich? Soweit Abwehrdeckung gewährt wurde, war sie in 66,5% der Fälle erfolgreich. Alle Teilnehmer haben übrigens schon selbst erlebt, dass versicherte Personen erfolgreich verteidigt wurden. Dies spricht dafür, dass versicherte Personen in aller Regel guten Schutz durch die Abwehrfunktion der D&O-Versicherung genießen.

Bleiben die versicherten Personen auf Kosten sitzen? So gut wie nie blieben versicherte Personen auf Abwehrkosten (auch nur teilweise) sitzen. Vielmehr trifft dies in lediglich 4,5% der Fälle zu, in denen die Abwehr nicht erfolgreich war, und in 2,5% der Fälle erfolgreicher Abwehr. Damit dürften sowohl die marktgängigen Versicherungsbedingungen hinsichtlich Abwehrkostentragung und Anwaltsvergütung, als auch die Regulierungspraxis der Versicherer grundsätzlich den Bedürfnissen der versicherten Personen entsprechen.

Wie häufig sind endgültige Deckungsversagungen? Gefragt wurde nach der Anzahl von endgültigen Versagungen aus bestimmten Gründen. Vorsatz/wissentliche Pflichtverletzung wurde dabei in 42% als Grund angegeben. Ebenfalls 42% entfielen auf „andere Ausschlüsse“. 16% der Ablehnungen wurden auf Obliegenheitsverletzungen gestützt. Vor allem unter zwei Gesichtspunkten überrascht die hohe Anzahl an Versagungen wegen Vorsatzes/wissentlicher Pflichtverletzung: So gewähren viele Versicherungsbedingungen Versicherungsschutz bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Vorsatz/wissentliche Pflichtverletzung qualifiziert festgestellt wurde. Zudem ist neben anderen Faktoren in diesem Kontext die Business Judgment Rule zu beachten. Bei den „anderen Ausschlüssen“ – von denen es in Standardbedingungen nur noch wenige gibt – hingegen mögen mit Blick auf das konkrete Risiko individuell einbezogene eine gewisse Rolle gespielt haben, so dass aus deren Ablehnungsquote keine allgemeingültige Folgerung möglich ist. Erstaunlich ist auch – da sich die Befragung nur auf den Rückzeitraum bis 2013, also nach der VVG-Reform 2008 bezog – der hohe Anteil, der hinsichtlich Versagungen wegen Obliegenheitsverletzungen angegeben wurde.

Wie häufig sind gerichtliche Deckungsrechtsstreite? Sofern es zu einer endgültigen Deckungsversagung gekommen ist, schlossen sich in etwa der Hälfte der Fälle (54%) Deckungsprozesse an. Etwas mehr als die Hälfte der Vermittler (53%) hat jedoch noch nie einen gerichtlichen Deckungsrechtsstreit in D&O-Versicherungsfällen geführt.

Was ist das Ergebnis der Prozesse? Deckungsprozesse endeten am weitaus häufigsten (51,5%) durch Vergleich, in 25,5% durch Urteil zugunsten der Versicherten, in 23% zugunsten des Versicherers. Diese Quoten dürften in anderen Sparten ähnlich sein.

Wird die D&O-Versicherung weiterhin empfohlen werden? 100% der teilnehmenden Vermittler gaben an, den Abschluss einer D&O-Versicherung  auch weiterhin zu empfehlen.

„D&O-Versicherung schon Existenzen gerettet"

Harald Köberich, Geschäftsführer der Köberich Financial Lines, Marcus Kuhn, Fachbetreuer Financial Lines Willis Towers Watson und Niels Jöhnk, Leiter Financial Lines und Prokurist Oskar Schunck, über persönliche Erfahrungen mit der Managerhaftpflicht

Im zweiten Teil der Erhebung wurden persönliche Interviews geführt, um einzelne Punkte der Online-Umfrage aus individueller Sicht einiger Vermittler zu illustrieren. Die Interviews fanden in Einzelgesprächen mit Harald Köberich, Geschäftsführer der Köberich Financial Lines, Marcus Kuhn, Fachbetreuer Financial Lines Willis Towers Watson und Niels Jöhnk, Leiter Financial Lines und Prokurist Oskar Schunck , statt

Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen bei Inanspruchnahmen durch den Insolvenzverwalter die versicherte Person nicht durch die D&O-Versicherung geschützt wurde?

Harald Köberich: Wir hatten noch nie einen Insolvenzfall bei einem unserer direkten Kunden, letztlich bedingt durch unseren Fokus auf Großkunden, die weniger insolvenzgeneigt sind als dies möglicherweise im Mittelstand der Fall ist. Daher ist die Antwort nein.

Marcus Kuhn: Angaben zu Ansprüchen durch Insolvenzverwalter kann ich nicht machen, der Makler bekommt hiervon meist nichts mit. Er hat ja weder ein Mandat der versicherten Personen noch des Insolvenzverwalters. Gelegentlich wird er von der Versicherungsnehmerin mit der Klärung von Deckungsschwierigkeiten beauftragt, sofern sie hierzu in der Lage ist.

Niels Jöhnk: Als Makler verlieren wir das Mandat mit der Insolvenzeröffnung. Auch als Sachwalter der Versicherungsnehmerin kommt es immer wieder vor, dass man der versicherten Person – ohne gegen Pflichten zu verstoßen – noch zu helfen versucht. Generell stehen wir auf Seite der Versicherungsnehmerin, so dass eine Beratung der versicherten Person ausscheidet. Je nachdem wie der Insolvenzverwalter sich verhält, wird der Kontakt zur Versicherungsnehmerin unterbrochen.

Haben Sie Erfahrungen mit Kartellrechtsfällen?

Harald Köberich: Kartellrechtsfälle kommen schon mal vor, aber definitiv machen sie unter 5% der Versicherungsfälle aus. Dabei sind sich die Kunden regelmäßig schon bewusst, dass es hinsichtlich der Versicherbarkeit solcher Sachverhalte Fragezeichen gibt. Ich nenne da nur die Qualifizierung als Schadenersatzanspruch, und die Regressierbarkeit und Versicherbarkeit von Bußgeldern. Ich denke, die Maklerschaft wäre froh über eine Klärung dieser Streitfragen.

Marcus Kuhn: In einem Kartellrechtsfall wandte der Versicherer ein, der dem Unternehmen entstandene und gegenüber der versicherten Person geltend gemachte Schaden sei ein Annex zum Bußgeld, und daher ausgeschlossen. Der Fall endete durch Vergleich; eine ausdrückliche Klärung der Frage fand nicht statt.

Niels Jöhnk: Ich hatte nur einen „nicht-klassischen“ Kartellrechtsfall. Es handelte sich um eine Inanspruchnahme in der weiteren Folge eines Kartellrechtsfalls, und ein niedriger sechsstelliger Betrag wurde sauber ausgeschüttet.

Welche Zeitspanne liegt typischerweise zwischen Pflichtverletzung und Inanspruchnahme?

Harald Köberich: Das sind meist mehrere Jahre, wobei die Zeitspanne bei Innenverhältnisansprüchen regelmäßig länger ist als bei Außenverhältnisansprüchen. Das liegt daran, dass bei Innenverhältnisansprüchen meist besonders schwere Pflichtverletzungen im Raume stehen, die gleichwohl mit Rücksicht auf das Tagesgeschäft nicht sofort aufgearbeitet werden. Häufig bedarf es zur Aufarbeitung eines besonderen Anlasses, z.B. eines Wechsels in der Geschäftsführung.

Marcus Kuhn: Dazu kann ich nur eingeschränkt Angaben machen. Mitbekommen haben wir aber, dass in Innenverhältnisfällen manchmal fünf bis zehn Jahre vergehen, in Außenverhältnisfällen dürfte diese Spanne meist kürzer sein. 

Niels Jöhnk:: Wir hatten einen Fall, da dauerte es nach der Umstandsmeldung zwei Jahre. In unserem Segment – hauptsächlich kleinerer Mittelstand – dauert es meist nicht so lange.

Wurde Deckung je wegen des Ausschlusses von Vorsatz oder wissentlicher Pflichtverletzung versagt?

Harald Köberich: Im Rahmen meiner Maklertätigkeit ist das noch nicht vorgekommen. Ich erinnere mich aber an einen solchen Fall bei einem ehemaligen Arbeitgeber. Zugrunde lag dem ein Sachverhalt, wo der Tatbestand einer wissentlichen Pflichtverletzung im Vorstandsprotokoll festgehalten worden war. Allerdings ist das viele Jahre her. Klar ist, dass mit Blick auf die heute gängigen Formulierungen zum Vorsatzausschluss – dolus directus, Vorsorgedeckung und Beweislast beim Versicherer – der Versicherer kaum eine Chance hat, sich wirksam darauf zu berufen. Damit würde heute wohl auch der zuvor genannte Fall anders ausgehen. Der Vorsatzausschluss ist heute vielfach ein stumpfes Schwert. Häufiger anwendbar wäre er sicher in einer Form, die Versicherungsschutz versagt, wenn die versicherte Person zwar wusste, dass ihr Tun ihr nicht erlaubt ist, dies aber im Unternehmensinteresse dennoch tut, wenn also nicht nur direkter Vorsatz ausgeschlossen ist.

Marcus Kuhn: Eine Ablehnung aufgrund Vorsatzausschlusses ist mir noch nicht untergekommen. Hier ist allerdings der Versicherermarkt nach wie vor gefragt, tätig zu werden. Wichtig ist der häufig schon gegebene Feststellungsvorbehalt, d.h. der Versicherer leistet bis zur endgültigen Feststellung der Ausschlussvoraussetzungen. Eine gute Lösung fehlt aber immer noch in Fällen, in denen ein Teil der versicherten Personen Vorsatz vorzuwerfen ist, einem anderen Teil jedoch nicht. Auch eine Standardlösung für die Arglistanfechtung ist notwendig.

Niels Jöhnk: Aus dem Bauch: keine erfolgreich. In einem Fall wurde es probiert. In allen anderen Fällen war es so, dass wir als Makler im Grunde genommen schon den Kunden darauf hingewiesen haben, dass es wenig Sinn macht, weil es auf Vorsatz hinausläuft. Einmal war es eindeutig. Der Geschäftsführer wurde in einem parallel laufenden Fall verurteilt, und damit war der Vorsatz so umfassend gegeben, dass wir mit dem Versicherer schnell einig waren, dass wir das nicht weiter verfolgen müssen. Ich kenne wirksame Vorsatzausschlüsse, aber in den Schadenfällen, die ich begleitet habe, spielte das eigentlich keine Rolle; wenn der Versicherer das probiert, haben wir zumeist gute Argumente dagegen. Wir selbst benutzen seit 2014 eine sehr, sehr enge Formulierung – wahrscheinlich die engste am Markt –, die sich nur auf dolus directus bezieht und sogar von einem Großmakler kopiert wurde.

Hat ein Versicherer im Schadenfall schon einmal seine Pflichten gegenüber der versicherten Person – die ähnlich denen eines Rechtsanwalts sind – verletzt?

Harald Köberich: Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen sich der Eindruck aufdrängte, dass der Versicherer taktiert, z.B. mit Blick auf Verjährungsfristen Verzögerungen verursacht hat. Dies kann schon dadurch geschehen, dass der Versicherer Thesen aufstellt, die die versicherten Personen erstmal aus dem Raume schaffen müssen. Sicher sind mir auch schon Fälle untergekommen, in denen der Versicherer schlicht aus Unkenntnis und Unerfahrenheit des Schadensachbearbeiters Pflichtverletzungen begangen hat. Bei etablierten Versicherern kommt das wohl kaum vor, eher schon bei solchen, die die Schadenbearbeitung auslagern. Wird an Kanzleien ausgelagert, besteht natürlich ein Interesse an einer möglichst umfangreichen Schadenbearbeitung.

Marcus Kuhn: Dass ein Versicherer absichtlich die Regulierung hinauszögert, ist mir noch nicht untergekommen. Häufig findet die Kommunikation mit dem Versicherer aber ausschließlich über den Anwalt der versicherten Person statt, so dass wir davon nichts mitbekommen würden. Im Zweifel kann man sich ja auf Sofortkostenklauseln berufen. Im Übrigen habe ich volles Verständnis dafür, dass der Versicherer in diesen häufig komplexen und hohen Schäden erst einmal Ermittlungsarbeit leisten muss. Vereinzelte Verzögerungen gibt es natürlich, doch haben diese meist nachvollziehbare Gründe, wie sie in anderen Versicherungszweigen auch vorkommen.

Niels Jöhnk: Nein! Wenn so etwas vorkommt, dann würde ich es immer auf eine mangelnde Qualität des Schadensachbearbeiters beziehen wollen. Ich kenne keinen Problemfall, bei dem der Kunde uns widergespiegelt hat, dass er sich schlecht aufgehoben fühlt. Dies liegt aber natürlich ein Stück weit an unserer Auswahl der Versicherer, mit denen wir zusammenarbeiten.

Mussten sich versicherte Personen schon einmal von Anwälten verteidigen lassen, die sie nicht wollten, z.B. weil der Anwalt der Wahl zu teuer war?

Harald Köberich: Nein, das ist hier noch nicht vorgekommen. Die neuen Klauseln zur Angemessenheit von Gebühren dürfte es dem Versicherer auch schwer machen, sich hier querzustellen, selbst wenn er es wollte.

Marcus Kuhn: Ich kann nicht bestätigen, dass Versicherer Anwälte beauftragen, mit denen die Versicherten nicht einverstanden sind. Allerdings habe ich erlebt, dass der Versicherer empfohlen hat, nicht einen Familienrechtsspezialisten oder einen Junganwalt in komplexen Schäden zu wählen. Manche Versicherer neigen gar dazu, wenn die versicherte Person einen nicht so qualifizierten Anwalt beauftragen möchte, diesem einen Korrespondenzanwalt zur Seite zu stellen. Das kostet natürlich doppelt. Allerdings habe ich auch aus Maklersicht Bedenken, wenn ein Anwalt 10.000 EUR verlangt, ein anderer, der genau das Gleiche getan hat, aber 180.000 EUR, oder wenn Tätigkeiten von Junganwälten mit den Gebühren der Senior Partner veranschlagt werden.

Niels Jöhnk: Zwei Fälle kenne ich. Allerdings haben wir selbst darauf gedrängt. Im ersten Fall war der von der versicherten Person bzw. der Versicherungsnehmerin ausgesuchte Rechtsbeistand bei diesen D&O-Schadenverläufen nicht ideal. Wir haben darauf hingewirkt einen anderen Rechtsbeistand zu erhalten und konnten so dem Gesamtkonstrukt helfen, also sowohl der Versicherungsnehmerin als auch der versicherten Person. In einem anderen Fall war es so, dass die Versicherungsnehmerin Geschäftsführer von Tochtergesellschaften in Anspruch genommen hat, die Inanspruchnahme vom Rechtsanwalt aber nicht klug formuliert gewesen ist. Wir haben einen Anwaltswechsel vorgenommen, dann lief die Inanspruchnahme sauber durch. Es ging um einen Schadenersatz von über 400.000 EUR.

Hat eine rechtswidrige Versagung von Versicherungsschutz je zum Ruin einer versicherten Person geführt?

Harald Köberich: In unserem eigenen Bestand ist das noch nicht vorgekommen, allerdings habe ich von einem solchen Fall schon gehört.

Marcus Kuhn: Ich habe keine Kenntnis davon, dass je eine versicherte Person durch eine rechtswidrige Leistungsverweigerung des Versicherers ruiniert worden wäre. Denkbar ist natürlich, dass die Versicherungssumme nicht ausreicht, und hier muss der Makler seiner Verantwortung gerecht werden. Im Zweifel muss er eine höhere Versicherungssumme empfehlen, doch spielen natürlich auch wirtschaftliche Aspekte des Einkaufverhaltens eine große Rolle.

Niels Jöhnk: Ich kenne zwar Fälle, in denen Personen in den Bankrott gegangen sind, aber diese hatten schlichtweg keine D&O. Aufgrund der Klientel haben wir solche Fälle nicht gehabt. Zumindest ist niemand in den Bankrott gegangen, weil die D&O nicht so geholfen hat, wie sie helfen sollte.

Gab es (teilweise) Deckungsversagungen wegen Obliegenheitsverletzungen?

Harald Köberich: Eine auch nur teilweise Versagung wegen Obliegenheitsverletzung habe ich noch nicht erlebt.

Marcus Kuhn:Ich habe durchaus schon erlebt, dass der Versicherer wegen angeblicher Obliegenheitsverletzungen die Leistung mindestens teilweise zurückgehalten hat. Konkret ging es um eine Gefahrerhöhung. Dies hat den Versicherer in eine starke Verhandlungsposition gebracht. Doch waren dies Umstände, wie man sie auch aus anderen Versicherungszweigen kennt.

Niels Jöhnk:: Einmal wurde es probiert, in einem Vertrauensschadenversicherungs-Fall, den wir über die D&O eingesteuert hatten. Da ging es um die Mitwirkungspflichten im Schadenfall. Ansonsten – rein auf die Obliegenheiten – „Nein“.

Hat die D&O-Versicherung schon Existenzen gerettet?

Harald Köberich: Ja, das habe ich schon erlebt. Ist doch banal: wenn der Versicherer Millionen zahlt, für die anderenfalls die versicherte Person haften würde ohne über – und das ist natürlich die Regel – entsprechendes Vermögen zu verfügen, rettet dies ihre wirtschaftliche Existenz.

Marcus Kuhn: Ja, ich habe schon erlebt, dass die D&O-Versicherung Existenzen gerettet hat. Man darf hierbei nicht nur in unmittelbar finanziellen Kategorien, etwa millionenschwere Schadenersatzansprüche oder entsprechend hohe Verteidigungskosten, denken. Vielmehr kann eine erfolgreiche Abwehr häufig auch Karriere und Reputation der versicherten Person retten. Das ist genauso wichtig.

Niels Jöhnk: Ja, mindestens zwei Fälle, in denen wir von Existenzrettung sprechen. In allen anderen Fällen würde ich es aber – und das ist auch mein Job als Makler – immer aus Versicherungsnehmerin-Sicht sehen. Die D&O sehe ich aus meiner Sicht als Schutz für das Unternehmen. Die versicherten Personen sind an der Stelle die Nutznießer. Bei zwei Fällen würde ich sagen, dass es ohne die Wirksamkeit der D&O für die versicherten Personen schlecht ausgegangen wäre, weil auch die Versicherungsnehmerin sehr erfolgreich prozessiert hat. Beide Fälle endeten mit Vergleich.

Fazit

Weder aus der Online-Umfrage noch aus den persönlichen Interviews lässt sich eine besondere Unzufriedenheit spezialisierter Vermittler mit der D&O-Versicherung herleiten. Es ergibt sich auch kein Anlass dafür. Die Schadensachbearbeitung scheint eher von gelegentlicher fachlicher Unzulänglichkeit beeinflusst als von absichtlichem Taktieren. Dass komplexe Versicherungsfälle einen gewissen Aufklärungsbedarf nach sich ziehen, ist offenbar anerkannt. Der Anteil erfolgreicher Verteidigungen ist hoch. Anspruchsteller sind „die üblichen Verdächtigen“, auf die die Bedingungswerke abzielen. Der Anteil der Versagungen dürfte den in anderen Sparten nicht übersteigen; zeitliche Aspekte spielen keine übergeordnete Rolle. Verteidigung und Abwehrkosten sind angemessen geregelt. Klärungsbedarf besteht – nach wie vor – hinsichtlich des Vorsatzausschlusses, vielleicht auch mit Blick auf Obliegenheitsverletzungen und Kartellrecht. Hier sind alle Marktteilnehmer gefragt. Zweifelsfrei ergibt sich, dass die D&O-Versicherung schon wirtschaftliche Existenzen gerettet hat. Eindeutig ist schließlich auch die Einmütigkeit, mit der alle Umfrageteilnehmer auch künftig die D&O-Versicherung empfehlen wollen. Vielleicht ist ja doch alles nicht so schlecht.