Erschienen in Ausgabe 8-2018Trends & Innovationen

"Mit dem BGH-Urteil ändert sich nichts an den Prognosen"

Rafael Knop, Leiter Mathematik bei der Gothaer, über die Folgen für Verbraucher nach der rechtswirksamen Kürzung der Bewertungsreserven

Von Rafael KnopVersicherungswirtschaft

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Lebensversicherer dürfen laut dem Bundesgerichtshof aus finanziellen Gründen die Auszahlung der Bewertungsreserven an ihre ausscheidenden Kunden kürzen. Haben Sie mit dem Urteil gerechnet? Kann die Branche nun aufatmen?

Zunächst einmal stellen wir fest, dass das BGH-Urteil oft falsch verstanden wird. Es rufen uns viele Kunden an, die wissen wollten, ob ihre prognostizierten Leistungen nun sinken. Dem ist aber nicht so. Der BGH hat lediglich festgestellt, dass die vom Gesetzgeber im August 2014 getroffene Regelung korrekt ist. Da wir dieses Gesetz seit August 2014 befolgen, ändert sich nichts für die Prognosen, die wir seitdem an unsere Kunden geben.

Für den Bund der Versicherten bedeutet das Urteil eine „Enteignung“ der Kunden. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, der Gesetzgeber hat im Jahr 2014 eine Regelung korrigiert, die er selbst erst 2008 eingeführt hatte. Alle Kunden, die vor dem Jahr 2008 einen Vertrag abgeschlossen hatten, kannten diese Regelung nicht und konnten somit auch nicht davon profitieren.
Fakt ist: Die erwirtschafteten Erträge stehen weiterhin den Kunden zu, es geht hier um bilanzielle Werte, die überhaupt nicht realisiert sind. Die alte gesetzliche Fassung zwang Lebensversicherer dazu, hoch verzinste Papiere frühzeitig zu verkaufen und durch schlechter notierte Papiere zu ersetzen, um Kunden, die das Kollektiv verlassen, mehr Geld mitzugeben. Diese Kunden profitierten doppelt: sie haben in der Vergangenheit hohe Zinsen bekommen (und mussten nichts davon abgeben, weil es bis 2008 keine Regelung gab) und bekommen nun noch einmal eine Zusatzleistung. In der Vergangenheit mussten sie aber kein Kollektiv subventionieren. Das heißt aber auch, wenn ein Teil der Kunden mehr bekommt, erhält der andere weniger. Dieses Beispiel zeigt, dass die alte Regelung auch zu Verwerfungen und Ungerechtigkeiten auf Kundenseite führte. Darüber hinaus ist es wichtig zu erwähnen, dass der Gesetzgeber im Gegenzug im Jahr 2014 festgelegt hat, dass Kunden an den Risikogewinnen stärker beteiligt werden müssen als in der Vergangenheit. Heute stehen ihnen 90% dieser Gewinne zu, früher waren es nur 75%.

Das Bundesfinanzministerium sieht mögliche finanzielle Probleme bei 34 Lebensversicherern. Wie können diese Player aus dem engen Korsett von hohen Verwaltungskosten, niedrigen Zinsen und scharfen Auflagen durch Solvency II sich noch befreien? Oder ist es unabdingbar, dass einige Versicherer vom Markt verschwinden?

"Unabdingbar" ist für uns in diesem Zusammenhang die falsche…