Quelle: Rapahael Dautigny
Erschienen in Ausgabe 7-2018Köpfe & Positionen

Vive la Révolution

Im Profil: Axa-Chef Thomas Buberl

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft
Mit 45 Jahren an die Spitze eines Weltkonzerns, das schaffen nicht viele Manager. Als Deutscher an die Spitze eines französischen Euro-Stoxx-50-Konzerns, das schafft nur Thomas Buberl. Der gebürtige Wuppertaler, Vater zweier Kinder und verheiratet mit einer englischstämmigen Frau aus Südafrika hat geschafft, was viele Kollegen anstreben: Alle vier bis fünf Jahre einen großen Schritt auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, dabei trotzdem jugendlich-charmant zu bleiben und den Wandel in einer konservativen Branche erfolgreich zu organisieren. Doch wer eigentlich ist der Manager, der bei seiner Vorstellung in Paris mit freundlichem Applaus begrüßt wurde?

„Wie schaffen wir es, das bestehende Geschäftsmodell so zu optimieren, dass wir die negativen Effekte des Marktes kompensieren können? Zweitens und zur gleichen Zeit: Wie schaffen wir es, uns zu transformieren, in ein neues Kundenerlebnis, in eine Beziehung zu den Kunden, wo wir uns von der Zahlstelle zu einem Partner des Kunden entwickeln?" So beschrieb vor knapp zwei Jahren Buberl die wichtigsten strategischen Ziele, die er sich als Nachfolger von Henri de Castries an der Spitze des Axa-Konzerns auf die Fahnen geschrieben hatte. Nach knapp 17 Jahren de Castries wollte Buberl nichts weniger als die Maßstäbe neu definieren, "redefining insurance" lautet passend dazu der Werbe-Claim.

Ein deutscher Manager an der Spitze eines französischen Unternehmens ist nach wie vor alles andere als ein Selbstverständlichkeit. Zu groß sind jenseits des Rheins die Vorbehalte, was nicht nur historisch unterlegt ist. Auch die Mentalitäten sind deutlich verschieden: Diplomatische Konzilianz drüben, forsch-direkte An- und Aussprache hüben. Doch der fließend französisch sprechende Buberl vereint als geborener Rheinländer beide Lebenswelten in seiner Person. Geboren am 24. März in Haan nahm Buberl nach einer Lehre zum Bankkaufmann das Studium der Betriebswirtschaftlehre an der Otto Beisheim School of Management, einer international ausgerichteten unabhängigen Elite-Hochschule in Vallendar, auf. Es folgten die Studienstationen Lancaster University und schließlich die Hochschule St. Gallen, wo Buberl zur Fragestellung "Kreditrisikobezogene Determinanten von Bond Spreads: Eine empirische Untersuchung am US Bondmarkt" promovierte. Nach fünf Jahren Engagement bei der Boston Consulting Group wurde Buberl im Jahr 2005 Mitglied der Geschäftsführung für das Ressort Marketing und Vertrieb bei der Winterthur Gruppe. Ein Jahr später engagierte sich dort die Axa, übernahm die Winterthur Gruppe und Buberl wurde später, mit nur 35 Jahren, zum CEO der Zurich Financial Services Schweiz berufen. 2012 dann der Durchbruch: Thomas Buberl wird Vorstandsvorsitzender der Axa Konzern AG in Köln und damit Chef von mehr als 11.000 Mitarbeitern, die rund 16 Millionen Versicherungsverträge von acht Millionen Kunden betreuen. Bis ganz nach oben, an die Spitze der Axa S.A. Paris, sollte es nur noch weitere vier Jahre dauern. In diesen vier Kölner Jahren baute Buberl die Deutschlandfiliale komplett um, ging dabei keiner Konfrontation aus dem Wege, holte neue Manager u.a. auch von Boston Consulting in den Vorstand und verschlankte die Mitarbeiterzahl auf rund 9.000. Dabei hat er sich zwar im Unternehmen nicht nur Freunde gemacht, aber mit diesem harten Konsolidierungskurs sicher für höhere Aufgaben empfohlen. Buberl will aktiv gestalten und sich nicht einfach treiben lassen von externen Ereignissen, unabhängig will er sein von Politik und Regulatorik. Diese gelte es als conditio sine qua non zu akzeptieren, das Geschäft darf darunter aber nicht leiden.

Google und Co. Fest im Blick

Zum Start des neuen CEO sagte de Castries vor Journalisten in Paris, Thomas Buberl werde „sehr viel besser sein als ich“. Das wurde nicht nur als Lob, sondern vor allen Dingen auch als Herausforderung an den Nachfolger interpretiert. Dazu sagte Buberl, der im Gegensatz zum Vorgänger seine Macht mit Denis Duverne, dem 20 Jahre älteren Non-Executive Chef des Verwaltungsrates, teilen muss: „Die Axa zu führen ist ein großes Privileg für mich. Den Strategieplan Ambition 2020 will ich mit Unterstützung aller Mitarbeiter umsetzen und nehme die Herausforderung mit Enthusiasmus an. Die Qualität und Breite unserer Talente ist eine unserer größten Stärken. Deren Erfahrungen und Visionen werden uns im Management Committee unterstützen und dazu beitragen, die Axa mit Fokus auf die Transformation der Customer Experience in eine neue Entwicklungsphase zu führen".

Wie das konkret gehen soll hat Buberl in der Vergangenheit mehrfach formuliert, Stichwort Digitalisierung. Hier stehe die Versicherungswirtschaft noch ganz am Anfang, konstatierte der Manager: „Wenn man sich dem Kundenwunsch entlang orientiert, muss man die Verschmelzung der Offline- und Onlinekanäle gut orchestrieren. Es genügt nicht, die physischen Produkte einfach online abzubilden. Der gesamte Verkaufsprozess muss völlig neu abgestimmt sein. Zudem ist der Aspekt entscheidend, wie wir im Backend manuelle und formulargetriebene Tätigkeiten stärker automatisieren können. Mit Automatisierung werden Fehler reduziert und Convenience verbessert. Das sind die Stellschrauben, an denen wir arbeiten." Daneben hat Buberl vor allen Dingen die sogenannten GAFAs (Google, Apple, Facebook und Amazon) im Blick: „Schon heute machen wir uns Gedanken, wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird? Neben der Frage, wie wir auf das veränderte Kundenverhalten eingehen können und die Prozesse automatisieren, stellen wir uns noch eine ganz andere Frage: Was passiert in anderen Wirtschaftssektoren, die unter Umständen in unser Feld eintreten? Nehmen sie an, Amazon würde morgen eine Haushaltsversicherung anbieten, Autos wären selbstfahrend und klassische Medizinanbieter würden in den Krankenversicherungsbereich eindringen. Über diese Dimensionen muss man sich Gedanken machen." Eine besondere Rolle kommt hier laut Buberl den aufstrebenden Fintechs zu. Diese sieht er nicht direkt als Konkurrenten, sehr wohl aber als Partner wenn er formuliert: „Wir haben die Reichweite und Insurtechs haben Ideen und Apps, eine Zusammenarbeit scheint da sinnvoll zu sein. Ich will unsere potentiellen Wettbewerber von morgen zu Partnern von heute machen“, erklärte der Manager gegenüber dem belgischen Magazin Trends. Beispielhaft für diese Strategie steht das Engagement der Axa beim Start-up Biobeats. Biobeats bietet digitale Produkte, die den Menschen ein besseres Wohlgefühl verschaffen, die Kontrolle über sich und ihre Gefühle zu gewinnen und darüber eine bessere Stress-Resilienz zu erhalten. Das soll am Ende den Kunden wie dem Unternehmen dienen. Mittlerweile hat die Axa im Rahmen ihrer Plattform-Strategie rund 150 solcher Partnerschaften aufgelegt. Maestro Health, Uber, Blablacar, deliveroo oder Alibaba.com lauten die illustren Namen, die allerdings noch zu einem Gesamtkonzert zusammengebunden werden müssen. All diese Aktivitäten gehorchen einem Diktum: „Vom Payer zum Partner" will man werden, statt nur nach Schadenereignissen Kosten zu erstatten, sollen Dienstleistungen angeboten werden, Dienstleistungen die zukünftig auch kostenpflichtig werden könnten und das addressiert auch „die 80 Prozent unserer Kunden, die keine Schäden haben“, wie Buberl erläutert.

Kritik von Seiten der Vermittler

Wo bleiben in diesem Szenario die Vertreter und Makler, die Buberl intern Intermediäre nennt? Das fragen sich die Betroffenen tatsächlich und mit gutem Grund, denn Buberl will klar näher heran an den Kunden und da sitzen traditionell eben noch Vermittler. Mittelfristig ist deren Position wohl gefährdet, weswegen sich Buberl in der Vergangenheit von deren Seite erhebliche Kritik hat gefallen lassen müssen. Aber das ist wohl auch der Grund, weswegen er für den Posten in Paris auserwählt wurde. Dass die Wahl auf ihn fiel hat auch Buberl selbst überrascht. Die Entscheidung für den Deutschen und gegen den Franzosen Nicolas Moreau wurde auch gegen den Widerstand in der französischen Politik durchgesetzt. Keine leichte Hypothek also, die Buberl nur mit positiven Ergebnissen und perspektiv-reichen Nachrichten entkräften kann. Für einen echten Paukenschlag, der weit über die Branchengrenzen hinaus Beachtung fand, sorgte Thomas Buberl jüngst mit der milliardenschweren Übernahmen des Industrie- und Rückversicherers XL Group von den Bermudas im März 2018. Damit machte der Manager die Axa mit einem Schlag zum größten Industrieversicherer der Welt. Ob sich das mehr als fünfzehn Milliarden Dollar teure Investment rechnet, wird erst die Zukunft zeigen, aber ein Abstand zum Dauerrivalen Allianz ist immerhin geschafft. „Thomas der Eroberer" nannte das Manager-Magazin Buberl daraufhin, weil er als deutscher Manager einen französischen Konzern mit einem bermudanesischen Unternehmen verschmolz. Neben dem großen Wachstumspotenzial, welches Buberl für die Axa im Sachversicherungsgeschäft für Unternehmen erkannt hat, war wohl auch die günstige Gelegenheit, das Gewicht der Finanzmarktrisiken zugunsten rein versicherungstechnischer Risiken abzubauen, treibende Motivation für diesen riskanten Schritt. Die Börse zumindest hat den Mut des jungen Deutschen noch nicht belohnt, der Kurs stürzte steil ab und hat sich auch bis heute nicht wirklich davon erholt. Doch einen Macher wie Buberl ficht dies nicht an. Die Zahlen, die er Anfang des Jahres nach seinem ersten eigenverantworteten Geschäftsjahr vorlegte, konnten sich sehen lassen: „Das ist ein neuer Rekord. Wir haben erstmals einen Gewinn von über sechs Milliarden Euro erzielt", sagte Buberl im Rahmen seiner ersten Bilanzpressekonferenz in Paris. Nachdem Axa S.E. im Vorjahr eine strategische Wende eingeleitet hatte, konnte man nun die ersten Früchte ernten. Und das hohe Tempo geht weiter. Bis 2020 sollen die Kosten vor Steuern jährlich um 2,1 Mrd. Euro gesenkt werden, die Zahl der Mitarbeiter in den Leitmärkten Deutschland, Frankreich und Italien deutlich sinken. Wachstum sieht Buberl vor allen Dingen in den Schwellenländern, hier vor allem in Asien aber auch in der Hebung der digitalen Schätze aus den umfangreichen Datenbeständen des Versicherers.

Engagement abseits der Pariser Vorstandsetage: Thomas Buberl auf dem One Planet Summit 2017 in Paris.
Engagement abseits der Pariser Vorstandsetage: Thomas Buberl auf dem One Planet Summit 2017 in Paris.Quelle: One Planet Summit/ Flickr

Geschäft der Zukunft digital

Sicher ist, die Arbeit wird dem 45-jährigen Manager nicht ausgehen. Der Blick in die einschlägigen Bewertungsportale offenbart zur Zeit nämlich eine ausgesprochene Kunden-Unzufriedenheit. Auf Trustpilot bewerten gut 90 Prozent der Versicherungsnehmer, egal ob für die Bereiche Kfz oder Kranken, den Versicherer ganz aktuell mit dem Testurteil „ungenügend". Dabei wollte man doch vom Kunden her denken, ihn in den Mittelpunkt stellen und somit für mehr Convenience sorgen. Diese Agenda gilt mehr denn je. Auch wenn sich für den Deutschen der Traum vom Leben wie Gott in Frankreich erfüllt haben mag, das Geschäft wird auf der Erde gemacht und das Geschäft der Zukunft ist digital. Aber das braucht man einem Thomas Buberl nicht zu erklären. Nach seinem Studium hatte er bei dem Unternehmensberater Boston Consulting Group intensive Gelegenheit sich auf die Zukunft vorzubereiten: Als Mitarbeiter an einem geheimen Projekt zur Entwicklung eines völlig neuen Onlineversicherers. Das Projekt hatte durchschlagenden Erfolg und hört heute auf den Namen Huk24. Man darf also neugierig sein, welche spannenden Nachrichten die Axa demnächst liefern wird. Und spannend ist auch die Frage, was macht Thomas Buberl in zwei bis drei Jahren? Seine Vorgänger im Chefsessel der Axa blieben jeweils bis zur Pensionierung im Amt. Auch dazu hat sich Buberl schon geäußert und bekundet es Claude Bébéar und Henri de Castries gleichzutun und bis zur Pensionierung in Paris zu verbleiben. Das ist bei dem Buberl´schen Rhythmus zwar schwer vorstellbar, aber nicht ausgeschlossen. Für die Zukunft bieten sich dennoch zahlreiche weitere Anknüpfungspunkte: So ist der international bestens vernetzte Manager Mitglied der Young Global Leaders des World Economic Forums und seit 2015 sitzt er zudem im Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung mit guten Kontakten zu Liz Mohn. Schließlich, wer als erster Deutscher an der Spitze eines französischen Großkonzerns reüssiert, der kann noch ganz andere Aufgaben meistern.