Erschienen in Ausgabe 7-2018Köpfe & Positionen

Jobkiller Digitalisierung

„Die Unzufriedenheit der Beschäftigten ist gestiegen und das aus gutem Grund.“

Von Martina GrundlerVersicherungswirtschaft

Nach wie vor sind die Arbeitsbedingungen in der deutschen Versicherungsbranche im Vergleich zu vielen anderen Wirtschaftsbereichen vergleichsweises gut. Allerdings gilt das nicht mehr für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Rahmenbedingungen haben sich ausdifferenziert. Ein Mitarbeiter in einer ausgelagerten, tariflosen Servicegesellschaft hat eine völlig andere Arbeitsrealität, als der Kollege in der IT-Abteilung eines großen Versicherungsunternehmens oder der Sachbearbeiter in der Schadenabteilung. Auch von Unternehmen zu Unternehmen unterscheidet sich die Situation, weil je nach wirtschaftlicher Situation und Kultur des Unternehmens, sich auch der Umgang mit dem eigenen Personal unterscheidet. 
Die Unzufriedenheit der Beschäftigten ist in den letzten Jahren gewachsen und das aus gutem Grund. Offensichtlich haben Umstrukturierungen und Kostensenkungsprogramme zu einer deutlichen Zunahme des Arbeitsdrucks geführt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Steigende Krankheitsquoten sprechen eine klare Sprache. Natürlich steht die Branche unter Druck, steht vor großen Herausforderungen, aber das darf nicht dazu führen, dass Arbeit so organisiert wird, dass sie die Menschen krankmacht. Zwar bieten viele Unternehmen vielfältige Maßnahmen zur Gesundheitsförderung an, aber das Problem liegt tiefer. Die Arbeitsorganisation und die Personalbemessung in den Unternehmen muss dringend unter die Lupe genommen werden, denn sie sind der eigentliche Grund für wachsenden Druck und Überforderung. Regemäßige Gefährdungsbeurteilungen sind der erste Schritt, aber sie helfen nicht, wenn die Ergebnisse dann nicht ernst genommen werden und konkrete Maßnahmen abgeleitet werden. Das kostet natürlich Geld – mehr Geld als die Rückenschule oder das Seminar zum Umgang mit Stress. Arbeit im Unternehmen darf aber nicht nur unter Effizienzgesichtspunkten gestaltet werden, wenn man zufriedene, gesunde und motivierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen will.
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen sich heute ernsthaft Sorgen um die Zukunft, haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Diese Sorge speist sich einmal aus Erfahrung, denn in den vergangenen Jahren sind tausende von Arbeitsplätzen in der Branche bereits abgebaut worden und es werden weitere Abbauziele von den Unternehmen veröffentlicht. Natürlich sind auch neue Arbeitsplätze entstanden. Aber diese Netto-Betrachtung mag zwar nach draußen das Bild vermitteln, dass die Branche sehr gemäßigt mit Arbeitsplatzabbau umgeht, dem vom Abbau betroffenen Beschäftigten bringt sie wenig, denn er kommt für diese neu entstandenen Arbeitsplätze meist gar nicht in Betracht. Noch ist es gelungen den Abbau weitgehend ohne betriebsbedingte Kündigungen umzusetzen, weil Menschen freiwillig die Unternehmen verlassen haben und viele ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter frühzeitig ausgeschieden sind. Jetzt ist aber zu befürchten, dass mit der Digitalisierung viele Arbeitsprozesse weiter automatisiert und industrialisiert werden und Arbeitsplätze in bisher nicht gekannter Dimension wegfallen könnten.
Auch wenn die Prognosen über den künftigen Arbeitsplatzabbau unterschiedlich ausfallen, wünschen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Branche hier an erster Stelle klare Aussagen von ihren Vorständen und keine Beschwichtigungen. Natürlich ist der Hinweis berechtigt, dass im Zusammenhang mit dem digitalen Umbau auch neue Arbeitsplätze entstehen werden. Aber auch hier gilt: Die Netto-Betrachtung von der hohen Flugebene bringt den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wenig. Wo sind meine Zukunftschancen, was muss ich tun, damit ich auch in der digitalisierten Versicherungswelt noch eine berufliche Zukunft habe und was passiert mit den Kolleginnen und Kollegen, die sich diesen Veränderungsprozessen nicht mehr stellen können? Auf diese Fragen wollen die Belegschaften Antworten. Da, wo diese Antworten noch nicht gegeben werden können, brauchen die Beschäftigten aber das Vertrauen, dass diese Fragen überhaupt bearbeitet werden und einen wichtigen Stellenwert in der Unternehmensstrategie haben.

Man braucht Mitarbeiter, die heute noch arbeiten

Geld ist nicht alles, auch nicht bei der Beurteilung der eigenen Arbeitssituation., aber wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Eindruck haben, bestimmte Beschäftigtengruppen werden vom Management nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen, dann sinkt die Motivation und Arbeitszufriedenheit deutlich und dann verlieren die Menschen das Vertrauen in ihre Unternehmensleitungen. Wer – auch im Zusammenhang mit Tarifverhandlungen – trotz guter Unternehmensergebnisse bei Mitarbeiter sparen will, der muss sich nicht wundern, dass die Stimmung sinkt. Denn hier geht es eben nicht nur um Geld, sondern auch um die Wertschätzung des Beitrages den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Unternehmenserfolg erbringen, egal ob im Vertrieb, in den operativen Einheiten oder in den Stäben. Die Unternehmen brauchen zur Gestaltung der digitalen Zukunft auch die Menschen, die heute in den Unternehmen arbeiten. Sie brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit Engagement auf den Weg in die Zukunft machen. Damit das gelingt, muss man Menschen begeistern und sie mitnehmen. Dazu muss man in Mitarbeiter und ihre Zufriedenheit investieren und muss auch in bewegten Zeiten Sicherheit und Perspektive für die Beschäftigten schaffen. Niemand begeistert sich für eine Zukunft, in der er selber nicht mehr vorkommt. Deshalb brauchen wir verbindliche soziale Leitplanken zur Gestaltung von Digitalisierungsprozessen und Unternehmensvorstände, die bereit sind, hier verbindliche Regelungen im Rahmen der Sozialpartnerschaft mit Betriebsräten und Gewerkschaften zu vereinbaren. Nur so entstehen Veränderungsbereitschaft und Innovation und eine Unternehmenskultur in der alle an der digitalen Zukunft des Unternehmens arbeiten.