Erschienen in Ausgabe 6-2018Politik & Regulierung

Mit dem Altern richtig rechnen

Eine Vielzahl an Variablen macht Sterbetafeln zu einem hoch komplexen Gebilde, deren Auswirkungen sich zum Teil erst in 50 bis 70 Jahren zeigen. Die Aktuare stehen in der Kritik, mit zu hohen Lebenserwartungen zum Nachteil der Versicherten zu kalkulieren.

Von Dr. Johannes LörperVersicherungswirtschaft

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Die zukünftigen Sterbewahrscheinlichkeiten und damit die Lebenserwartung der Versicherten sind neben dem Zins die wichtigste Kalkulationsgrundlage für die private Rentenversicherung mit ihren lebenslangen Rentenzusagen und damit Vertragslaufzeiten von 30, 50 und mehr Jahren. Um derartige Garantien überhaupt aussprechen zu können, bedarf es einer fundierten Datengrundlage, die nicht nur eine aktuelle Momentaufnahme darstellt, sondern auch langfristige Entwicklungen berücksichtigt. Für die meisten Versicherungsunternehmen in Deutschland ist es nahezu unmöglich, die notwendige Datenbasis für eine sachgerechte Reservierung vorzuhalten. Deshalb hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) als Zusammenschluss der rund 5.200 Aktuare in Deutschland bereits vor vielen Jahren diese Aufgabe für die gesamte Branche übernommen und erstellt regelmäßig die DAV-Ausscheideordnungen zur Sterblichkeit, die auch als Sterbetafeln bekannt sind. Die eigentliche Ausgestaltung der Tarife obliegt aber dem jeweiligen Verantwortlichen Aktuar in den Unternehmen, der dabei die firmenindividuellen Verhältnisse zu berücksichtigen hat.

Vielzahl an Datenquellen

Für ein möglichst umfassendes Bild beruhen die DAV-Rententafeln auf einer Vielzahl von Quellen, von denen ein Datenpool mit den Todesfallstatistiken der Versicherungsunternehmen die wichtigste ist. Dank einer breiten Datenzulieferung kann die DAV dabei die anonymisierten Daten von 70 bis 80 Prozent aller deutschen Rentenversicherungsverträge auswerten. Darüber hinaus fließen die Daten zur allgemeinen Bevölkerungssterblichkeit,  die  jährlich  durch  das  Statistische  Bundesamt veröffentlicht werden, und Berechnungen von internationalen Forschungseinrichtungen wie der Human  Mortality  Database  und  der  Gerontology  Research Group zu sogenannten Supercentenarians – Personen über 100 Jahre – sowie Auswertungen der Deutschen Rentenversicherung in die Berechnungen mit ein.

„Für die Kunden wäre katastrophal, würden die Aktuare zu unvorsichtig rechnen, da dadurch das gesamte System der betrieblichen und privaten Altersvorsorge gefährdet wäre."
Johannes Lörper

Die aufwendige Auswertung dieser Daten ist aber nur der erste Schritt auf dem langen Weg zu sicheren Reservierungstafeln. Der zweite und für die Nachhaltigkeit der Tafeln wichtigere ist die Analyse der künftigen  Lebenserwartung – den Trends. So sinkt die Sterbewahrscheinlichkeit seit den 1950er-Jahren bis heute kontinuierlich um durchschnittlich zwei bis drei Prozent pro Jahr. Hierzu…