Munich-Re-Chef Joachim Wenning: „Ich habe gelernt, wie der Weg von einer Idee seinen langen und manchmal undurchsichtigen Weg durch die Organisation bis zu einer Entscheidung nimmt."
Munich-Re-Chef Joachim Wenning: „Ich habe gelernt, wie der Weg von einer Idee seinen langen und manchmal undurchsichtigen Weg durch die Organisation bis zu einer Entscheidung nimmt."Quelle: Munich Re
Erschienen in Ausgabe 6-2018Köpfe & Positionen

Im Profil: Joachim Wenning

„Ich kann auch gegen den Strom schwimmen“

Von Wolfgang OtteVersicherungswirtschaft

Er hat das beste Image der Branche, wie aus einem aktuellen CEO-Ranking des Mediendienstleisters Unicepta hervorgeht: Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender von Munich Re, ist zwar erst seit etwas mehr als einem Jahr im Amt, kann sich aber schon mit diesem Titel schmücken. Das kommt nicht von ungefähr. Im Gespräch wirkt er locker, freundlich und überzeugend, wahrt aber stets auch eine gewisse Distanz. Wenning setzt im Unternehmen klare Akzente, lässt sich allerdings noch nicht so recht in die Karten schauen. Vor allem, wenn es darum geht, die mittelfristige Strategie von Munich Re darzulegen, blockt er ab. Für ihn sind zurzeit offensichtlich die Ziele Gewinnsteigerung, digitale Transformation und Komplexitätsreduktion vorrangig. Zu den Großeinkäufen anderer Rückversicherer, die dadurch anorganisch wachsen wollen, macht er keine Aussagen. Eigene Zukäufe seien durchaus im Bereich des Möglichen. Wenning sagt von sich selbst, nicht „Everybody`s Darling“ sein zu wollen. Er schwimme auch gegen den Strom, extern wie intern, wenn es denn nötig sei. Falls er in bestimmten Situationen Entscheidungen treffe, die nicht allen gefallen, nehme er dabei auch ein Knirschen in Kauf. Das sei in Ordnung, solange man die Personen- von der Sachebene trenne. Ihm selbst sei es wichtig, auch unangenehme Wahrheiten zu hören. Deshalb nehme er auch umgekehrt kein Blatt vor den Mund. „Ich bin durchaus sehr fordernd und kann nicht jedem Wunsch nach persönlicher Aufmerksamkeit nachkommen“, gibt der in Jerusalem geborene Wenning zu.

Auf der Sonnenseite des beruflichen Lebens

Der Opernfreund mit einer Vorliebe für Verdi-Aufführungen, der früher gerne Klavier spielte, hat eine tadellose Karriere auf der Sonnenseite des beruflichen Lebens hingelegt. Diese ist gekennzeichnet von absoluter Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber. Beruflich wäre er, so sein Kindheitstraum, gern Kapitän eines Schiffes oder Flugzeugs geworden. Dann, als Jugendlicher, wollte er Auslandskorrespondent werden. Zunächst aber studiert er Volkswirtschaft in München und tritt gleich nach seinem Diplom 1991 in die vornehme Münchener Rückversicherung ein. Dort ist er bis Anfang 1997 als Vertragsreferent mit der technischen Betreuung von Lebensrückversicherungs-Kunden in Deutschland befasst. Parallel dazu arbeitet er an seiner Dissertation, die er 1995 mit der Promotion beendet. Das Thema der Doktorarbeit ist auch heute noch aktuell: „Aufsicht, Wettbewerb und Verbraucherschutz in der deutschen Lebensversicherung“. Stark geprägt hat ihn dann ein zweijähriger Aufenthalt bei der damaligen Konzerntochter Hamburg-Mannheimer. Während dieser Zeit befasst er sich mit diversen Strategieprojekten zur Neuausrichtung des Vertriebs. Mehrere Monate begleitet Wenning Vertriebsleute auf ihren Touren von Haustür zu Haustür. Bei dieser Gelegenheit lernt er, wie Verkäufer ticken und wie deren Kunden auf sie reagieren. Er habe seitdem großen Respekt vor der Tätigkeit im Vertrieb, betont er. Danach sammelt er in der Zentrale für ein halbes Jahr Erfahrungen im knochentrockenen Controlling.

„Ich bin durchaus sehr fordernd und kann nicht jedem Wunsch nach persönlicher Aufmerksamkeit nachkommen“
Joachim Wenning
Ab Mitte 2000 wird ihm die Leitung der Abteilung Lebensrückversicherung Lateinamerika, Südeuropa und Mittlerer Osten übertragen, und damit die Verantwortung für die dortigen Länder. Fünf Jahre später ereilt ihn der Ruf nach Genf, wo er zum CEO der Tochter Neue Rück (New Re) bestellt wird. Sein Zuständigkeitsbereich umfasst die strategische Weiterentwicklung der Gesellschaft durch Mandatserweiterung für Financial Solutions Life & Health sowie der Aufbau des Financial-Institutions-Geschäfts. Vor allem lernt er in den vier Jahren in der französischen Schweiz, wie man erfolgreich ein Unternehmen führt. Im Januar 2000 geht es dann auf der Karriereleiter weiter steil nach oben und zurück in die ehrwürdigen Konzernräume in einem mehr als hundert Jahre alten Palais nahe des Englischen Gartens in München: Der Weg an die Spitze des größten Rückversicherers der Welt ist geebnet. Wenning übernimmt das Vorstandsressort Life, das für rund 20 Prozent des Umsatzes verantwortlich ist. Von 2013 an kommt die Verantwortung für den Zentralbereich Human Resources hinzu. Zusätzlich schmückt ihn der Titel Arbeitsdirektor. Betriebsräte und Gewerkschaften sehen in ihm einen fairen Verhandlungspartner. 26 Jahre hält er inzwischen Munich Re die Treue.

Baustelle Ergo

Kindheit und Jugend Wennings verlaufen spannend. Sein Vater ist Textilingenieur und arbeitet selbstständig sowie für Firmen vor Ort, so auch in Jerusalem, wo Joachim zur Welt kommt. Im Alter von einem Jahr zieht die Familie nach Istanbul um. Damit wird die Türkei zu seiner vorläufigen Heimat. Er spricht – ebenso wie sein Bruder – im Gegensatz zum Vater sehr gut türkisch. Erst 1980 führt der Weg nach Deutschland. In der bayerischen Landeshauptstadt macht Wenning sein Abitur, absolviert den Wehrdienst bei den Gebirgsjägern und studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität. Der verheiratete Vater einer erwachsenen Tochter ist erst der neunte Vorstandschef seit Gründung des Unternehmens im Jahr 1880 und der erste, der kein Jurist ist. Sein Vorgänger Nikolaus von Bomhard hat viele Jahre den global agierenden Konzern geprägt. Das Kerngeschäft ist trotz einiger Blessuren grundsolide aufgestellt. Allerdings bleibt nicht verborgen, dass die Gewinne in den letzten Jahren stark zurückgehen. Naturkatastrophen beuteln das Geschäft zusätzlich. Bomhard hat mit dem zur Gruppe gehörenden Ergo-Konzern seinem Nachfolger außerdem eine Baustelle vermacht, die in den letzten Jahren deutliche Spuren in der Bilanz des Münchener Versicherungsriesen hinterlassen hat. Immerhin kommen rund ein Drittel der gesamten Beitragseinnahmen aus dem Düsseldorfer Tochterunternehmen. Wenning ist nicht unbedingt zu beneiden, wenn es darum geht, diesen großen Erstversicherer wieder auf Trab und zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Die Fähigkeiten dazu dürfte er besitzen, sonst wäre ihm, der für manche als Überraschungskandidat für den Firmenvorsitz galt, diese Aufgabe sicher nicht übertragen worden. Die Nachrichten aus der Ergo waren in der Vergangenheit nicht immer erfreulich. Eine marode IT-Landschaft, inzwischen zurückgezogene Pläne für einen Verkauf des Altbestandes in der Lebensversicherung und die Nachwirkungen des inzwischen mehr als zehn Jahre zurückliegenden Skandals um eine Party mit Prostituierten während einer Vertriebsreise nach Budapest sorgten für unschöne Nachrichten in der Öffentlichkeit. Während der Vorgänger in den letzten Jahren eher Nachsicht walten ließ, ist nachgiebiges Verhalten von Wenning kaum zu erwarten. Und tatsächlich ein Lichtblick: Ergo meldet für das  Geschäftsjahr 2017 mit 273 Mio. Euro gegenüber 41 Mio. Euro im Jahr zuvor wieder einen stark gestiegenen Gewinn. Das aufgelegte Strategieprogramm trägt erste Früchte.

„Den Abwärtstrend der letzten Jahre gilt es entschlossen zu stoppen und umzukehren“
Joachim Wenning
Erfolgreich aufgestellt zu sein und zu operieren, so lautet Wennings Anspruch. Dabei verspricht er den Anlegern nicht das Blaue vom Himmel, sondern bleibt bei aller Zuversicht durch und durch Realist. Er macht Nägel mit Köpfen und stellt sich der anspruchsvollen Aufgabe, aus einem traditionsbewussten Versicherer einen technologisch auf höchstem Stand agierenden Konzern zu bauen. „Den Abwärtstrend der letzten Jahre gilt es entschlossen zu stoppen und umzukehren“, verkündet Wenning, dessen Lieblingsautor Gabriel Garcia Marquez ist. Das Rückversicherungsgeschäft war in den zurückliegenden Jahren immer stärker unter Druck geraten. Hohe Belastungen durch Naturkatastrophen verhagelten zusätzlich die angepeilte Zielmarke von über zwei Milliarden Euro Nettogewinn. 2017 blieben gerade mal 393 Mio. Euro. Das sind rund 85 Prozent weniger als im Jahr zuvor mit 2,58 Mrd. Euro. Für die Aktionäre gab es allerdings eine gute Nachricht: Die Dividende blieb mit 8,60 Euro je Aktie stabil. Es ist eine betriebswirtschaftliche Binsenweisheit, dass die Kosten mehr und mehr darüber entscheiden, wer im Wettbewerb um Kunden und Geschäft gewinnt, und wer verliert. Obwohl er betont, dass es nicht vorranging um Einsparungen geht, will Wenning die Rückversicherungs-Sparte mit einem Transformationsprogramm und einer Digitalisierungs-Offensive wieder fit machen. Ziel ist es, die Führungsrolle von Munich Re bei der digitalen Transformation der Branche auszubauen. Parallel zum Aufbau zusätzlicher digitaler Kapazitäten sollen daher an anderer Stelle über freiwillige Maßnahmen Arbeitsplätze abgebaut werden. Der CEO spricht von weltweit 900 Stellen, betroffen ist sogar erstmals auch die Hauptverwaltung in München. Die Hälfte der Arbeitsplätze wird über natürliche Fluktuation abgebaut, der Rest über Altersteilzeit und großzügige Abfindungsangebote.

Wenning dreht an der Kostenschraube

Die Munich Re beschäftigt im Rückversicherungsgeschäft rund 11.500 Mitarbeiter. Bei aller Gradlinigkeit, die ihn auszeichnet, gibt Wenning, der kaum über sein Privatleben spricht, zu, dass er generell hohe Ansprüche habe. Er wisse, dass er damit manchmal andere Menschen überfordere, sagt er von sich. Es sei ihm allerdings wichtig, weniger über Programme und Prozesse zu führen, als über Personen. Er verlange viel von seinen Mitarbeitern, die ihm zurückspiegelten, dass sie die gewährten Freiheitsgrade schätzten und sich gleichermaßen gefordert und gefördert fühlten. Mitarbeiter, denen man vertraue, handelten eben umso verantwortungsvoller, weiß er zu berichten. Wenning kennt den Unterschied zwischen der Theorie der Universität und der Praxis eines Unternehmens. „Ich habe gelernt, wie der Weg von einer Idee seinen langen und manchmal undurchsichtigen Weg durch die Organisation bis zu einer Entscheidung nimmt“. Wichtig sei ebenso, in der täglichen Arbeit von Anfang an neben der Sach- auch die Personenebene zu beachten und zu pflegen. „Mir fielen die Anpassungsprozesse zu Beginn meiner Karriere manchmal schwer“. Sie seien vereinzelt auch schmerzhaft gewesen. Heute bekennt er, dass sie ihn gestärkt haben. Den Satz, „der Erfolg von gestern ist nicht mehr als das Ticket für den Wettbewerb von morgen“, findet er gut. Er zeige sich dankbar gegenüber Mentoren, die ihm zugetraut hätten, rasch in neue Aufgaben zu wachsen und neue Herausforderungen zu bewältigen. Dieser Top-Manager will mehr Macher sein als Visionär – vermutlich die richtige Einstellung, um auf Dauer erfolgreich gegen den Strom anzukommen. Auch wenn es darum geht, durch kluge Botschaften ein Gefühl von “Offenheit für alles” auszustrahlen ohne sich zu tief in die Karten blicken zu lassen ist Wenning ein Könner.