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Erschienen in Ausgabe 6-2018Schlaglicht

Weggeknickt, Missgeschick

Die Verletzungsanfälligkeit von Fußballern eröffnet Versicherern ein rentables Geschäft. Doch nicht immer wird am Ende alles gut.

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft

Laut einer Liste des US-Magazins Forbes zählt Fußball zu den gefährlichsten Sportarten überhaupt. Kaum ein Profispieler kommt ohne Verletzung durch die Saison. Dabei sind Blessuren durch Zusammenstöße oder durch das Spielgerät Ball allein schon an der Tagesordnung und kaum der Rede wert. Pro Jahr erleiden im Schnitt zwei Spieler wirklich gefährliche Verletzungen. Neben Sehnen, Bändern und Muskeln der unteren Extremitäten sind häufig auch der Kopf- und Nackenbereich betroffen. Erschreckende Beispiele gibt es genug: Jeremy Menez von Girondis Bordeaux verlor in der Saison 2016 einen Teil der Ohrmuschel. Matis Concha vom VfL Bochum fiel 2010 wegen eines Schien- und Wadenbeinbruchs fast 400 Tage aus und André Hahn von Borussia Mönchengladbach musste nach einem Tritt des Gegenspielers auf das Kniegelenk im Jahr 2015 wegen einer Fraktur des Schienbeinkopfes und eines Risses des Außenminiskus geschlagene fünf Monate aussetzten.

„Eine Versicherung ist eine Versicherung und keine Geldanlage"

Simon Rolfes, ehemaliger Fußballprofi, über Fehler bei der Altersvorsorge

Versicherungswirtschaft: Gerade junge Menschen, dazu zählen auch Sportler, sind häufig unterversichert. Wieso befassen sich viele zu wenig mit dem Thema finanzielle Vorsorge und Versicherung?

Simon Rolfes: Ich habe in meiner Karriere zwar nicht festgestellt, dass Sportler unterversichert sind, aber das Thema Vorsorge gehen einfach wenige Sportler an. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen liegt der Zeitpunkt für den man etwas tun muss weit in der Zukunft. Damit erscheint es als nicht so dringlich. Darüber hinaus haben wir keine Kultur, wo es um das Thema Geldanlange geht. In der Schule oder zu Hause bekommen viele in diesem Punkt wenig vermittelt. So setzt das Interesse erst häufig maximal mit dem Zeitpunkt ein wo das erste Geld verdient wird.

Welchen Fehler begehen Fußballer am häufigsten nach und während der Karriere? Was sind Ihre Erfahrungen?

Der größte Fehler in Bezug auf die Finanzen ist schlicht und einfach, dass sie sich nicht darum kümmern oder wenigstens ein bisschen damit beschäftigen wollen. Alleine dadurch würden sie schon einige Fehler vermeiden.

Was fällt ihnen beim Umgang der Menschen mit Versicherungen auf? Welche Fehler werden am häufigsten begangen und welche haben sie gemacht? Was haben Sie daraus gelernt?

Ich stelle fest, dass vor allem Verknüpfungen von Geldanlage mit Versicherung sehr beliebt ist. Das habe ich auch in jungen Jahren einmal gemacht. Mittlerweile trenne ich die beiden Bereiche strikt. Eine Versicherung ist eine Versicherung und keine Geldanlage. Das führt zu einer viel klareren Bewertung des einzelnen Bausteins.

Vor einigen Jahren sorgte ein kritischer Kommentar einer Abiturienten für Aufsehen. Sie sprach davon, dass Sie Gedichte in vier Sprachen interpretieren kann, aber nichts über Steuern, Mieter oder Versicherung weiß. Welche Lehren muss man Ihrer Meinung daraus ziehen?

Wir sollten in der Schule auch das Fach Wirtschaft weiter stärken. Gerade in Zeiten der Globalisierung sollte jeder ein gewisses wirtschaftliches Grundverständnis haben, um Prozesse in der Welt für sich besser einschätzen und bewerten zu können.

Als Fußballspieler galten sie als sehr besonnen. Wie wichtig ist ein kühler Kopf beim Thema Geldanlage und Versicherung?

Sowohl im Fußball als auch bei der Geldanlage kommt der Erfolg durch eine langfristige gute Entwicklung. Deswegen ist es wichtig, auch in schwierigen Zeiten auf Kurs zu bleiben. Das ist in beiden Berufen ähnlich.

Landessportverbände in der Absicherungspflichtgegenüber Amateur-Fußballern

Gefahrenquellen für Profis liegen jedoch nicht nur auf dem Platz, sondern auch abseits des Spielbetriebs wie das Beispiel Boris Vukcevic zeigt. Der Hoffenheimer schwebte nach einem Verkehrsunfall in Lebensgefahr und lag sieben Wochen lang im Koma. Ursache war ein Zuckerschock, denn der Spieler ist Diabetiker. Diese kleine Liste zeigt, Sport ist zwar nicht Mord, aber gefährlich, weswegen Versicherer auch von Privatleuten Auskunft über deren Freizeitaktivitäten begehren, sofern sie sich als Basejumper in die Tiefe stürzen, „free solo“, also allein und ohne Seil, in steilen Bergwänden bewegen oder mehr als 60 Meter tief tauchen wollen. Aktivitäten als Amateur-Fußballer müssen aber nicht extra gemeldet werden, hier sind die Landessportverbände in der Absicherungspflicht gegenüber ihren Mitgliedern. Größter Player in diesem Markt ist hierzulande die Arag Sportversicherung, die heute 15 der bundesweit 20 Landessportbünde/ Landessportverbände und damit insgesamt mehr als 90 Prozent der organisierten Sportler in den Sportvereinen und -verbänden versichert. Das sind rund 20 Millionen Freizeitsportler in rund 80.000 Vereinen. Die weiteren fünf Landesportbünde und -verbände teilen sich auf zwei weitere Wettbewerber auf. Schutz bietet die Arag auch allen Leistungssportlern, die über die Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) als Kaderathlet gefördert werden. Das sind aktuell rund 4.000 Sportler. Die gezielte Absicherung des Profisports gehört nicht zum Geschäftsfeld, denn Profisportler, Profiklubs wie auch sportliche und kommerzielle Großveranstaltungen haben ganz eigene Anforderungen und Schwerpunkte – wie etwa im Profifußball die Spielunfähigkeitsversicherung als spezielle Berufsunfähigkeitsversicherung oder die durch die DFL obligatorisch vorgeschriebene Haftpflichtversicherung für den Spielbetrieb.

Riskantes Spiel: Pro Jahr erleiden im Schnitt zwei Spieler wirklich gefährliche Verletzungen. Neben Sehnen, Bändern und Muskeln der unteren Extremitäten sind häufig auch der Kopf- und Nackenbereich betroffen.
Riskantes Spiel: Pro Jahr erleiden im Schnitt zwei Spieler wirklich gefährliche Verletzungen. Neben Sehnen, Bändern und Muskeln der unteren Extremitäten sind häufig auch der Kopf- und Nackenbereich betroffen.Quelle: Aaron Sholl/ Flickr

Um Prämien und Ausgaben zu sparen wird nicht versichert

Erster Ansprechpartner für alle Fragen rund um den Profifußball und dessen vollständiger Absicherung für Vereine sowie Aktive ist in Deutschland Dieter Prestin, von 1975 bis 1989 246-facher Bundesligaspieler für den 1. FC Köln. Abwehrspieler Prestin, der nach eigener Sportinvalidität bei der Gothaer seine zweite Karriere als Versicherungskaufmann begann ist heute Berater, Vermittler und Vertrauensmann für die wichtigsten Vereine in Deutschland. Von den 18 Clubs der 1. Fußball-Bundesliga hat die Dieter Prestin Sportversicherungsmakler GmbH ein gutes Dutzend Vereine im Portfeuille und damit drei Viertel der Vereine im Boot, die überhaupt voll umfänglich versichern. Denn es gibt tatsächlich Vereine, die nicht wollen oder die einfach sagen, uns reicht die Absicherung für den Todesfall, wie Prestin erläutert. Mit Blick auf den medizinischen Fortschritt sei das Risiko einer dauerhaften Sportinvalidität gering, so die Denke in manchem Verein, aber um Prämien und Ausgaben zu sparen wird nicht versichert. Noch geringer wird die Durchdringung in den unteren Ligen zwei und drei. Bei den geringen Transfersummen, die hier gehandelt werden ist der Ausfall auch nicht gleich existenzbedrohend für den Club, wie Prestin in der Praxis erlebt hat. Weil die meisten Vereine ihre Profiabteilung heute in Kapitalgesellschaften ausgelagert haben, steht mittlerweile der Bilanzschutz im Mittelpunkt der Absicherung. Die Spieler selbst agieren und versichern sich eigenverantwortlich; ein Ergebnis der größeren Autonomie und der immer höheren Transferzahlungen im Profigeschäft. Einen limitierenden Faktor gibt es jedoch bei aller Abgehobenheit der Spielergehälter. Wegen des Bereicherungsverbotes darf eigentlich nicht mehr versichert werden, als der Spieler verdient hat, aber dazu gibt es Sonderlösungen. 

Glück im Unglück: Beim Bombenanschlag auf den BVB 2017 blieb das Gros des Teams physisch unverletzt. Im Worst-Case könnten schnell Schäden von 100 Mio. Euro zusammenkommen.
Glück im Unglück: Beim Bombenanschlag auf den BVB 2017 blieb das Gros des Teams physisch unverletzt. Im Worst-Case könnten schnell Schäden von 100 Mio. Euro zusammenkommen.Quelle: Ben Rijks/ Flickr

Verletzung von Manuel Neuer könnten Lloyd´s Millionen kosten

Hochkomplex und teuer wird es an der Spitze im Fußball-Oberhaus. Wenn zum Beispiel Nationaltorhüter und FC Bayern Nummer Eins Manuel Neuer nach drei Operationen am Fuß und einer mittlerweile fast neunmonatigen Auszeit weiter auf seinem alten Einkommensniveau leben möchte, muss er, oder einer seiner Berater, einen auf alle Unwägbarkeiten abgedichteten Versicherungsvertrag abgeschlossen haben. Dazu gehören obligatorisch die private Haftpflichtversicherung, eine Absicherung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall über die gesetzliche Frist von sechs Wochen hinaus, eine Absicherung gegen drohende Invalidität sowie schließlich das Krankentagegeld. Wenn Neuer und sein Berater vorausschauend gehandelt haben, muss der Nationalspieler trotz seiner langen Verletzungszeit mit keinen Einbußen rechnen. Vielmehr könnte, falls die deutsche Nummer 1 dauerhaft spielunfähig werden sollte, auf den Versicherer eine achtstellige Forderung zukommen. Dieses Risiko trägt in Deutschland jedoch kein Versicherungsunternehmen mehr, weshalb Dieter Prestin, auch aufgrund seiner eigenen Verletzung bei der er seinen Schaden selbst regulierten konnte, ein Modell mit Lloyds of London entwickelt hat. Damit ist im Ernstfall auch möglich geworden, einem Spieler, der beispielsweise über ein Jahreseinkommen von zehn Mio. Euro verfügt, eine Deckung von bis zum 50 Mio. Euro einzuräumen. Lloyds macht´s möglich. Über diesen Risikoträger ist auch der BVB mit seiner Mannschaft abgesichert, Stichwort Anschlag auf den Teambus. Wäre der Sprengsatz etwas stärker dimensioniert oder wirkungsvoller platziert gewesen hätte der komplette Kader Schaden genommen. 100 Mio. Euro sind in einem solchen Szenario schnell beisammen, weswegen heutzutage auch die Absicherung gegen Terror, Flugzeugabstürze oder sonstige dramatische Ereignisse, wie der Freitod des ehemaligen Torhüters von Hannover 96 Robert Enke gecovert werden. Darüber hinaus besteht in dieser Kooperation von Prestin und Lloyds auch die Möglichkeit für Vereine eine Police für den Fall abzuschließen, die etwaige Ausfälle für das Nichterreichen eines Champions-League Platzes kompensiert.

Neben Prestin agieren in diesem diffizilen Bereich drei weitere Versicherer in Deutschland: Die DKV/Ergo, neuerdings auch die Barmenia sowie die Allianz. Letztere hat sich mehr oder weniger über ihr Engagement beim FC Bayern München, wo man nicht nur Sponsor, sondern auch Anteilseigner an der AG ist, in das Haifischbecken der Profi-Sportversicherung gewagt. Einen weiteren und damit doppelt und dreifach abgesicherten Auftritt genießen die Spieler der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Egal wie die jeweils individuelle Versicherungssituation des Spielers und dessen Heimatvereins auch sind, der DFB sichert seinerseits auch noch vollumfänglich ab. Im Verletzungsfall erhalten Aktive wie der Verein Leistungen zur Kompensation. Schließlich rundet die Verwaltungsberufsgenossenschaft das Sicherheitspaket ab, wenn hier beim Weg von oder zur Arbeit, vulgo Spiel, etwas passieren sollte, der Spieler im Urlaub vom Surfbrett fällt oder ein sonstiges Malheur geschieht. Wenn also das Team von Bundestrainer Joachim Löw seinen Weltmeistertitel aus Brasilien in Russland in diesem Jahr nicht verteidigen kann, wird es nicht an den Versicherern gelegen haben.