Überzeugendes Pokerface: Tipico hat mit Oliver Kahn auf das richtige Werbe-Pferd gesetzt. Dem erfolgsbesessene Ex-Torwart wird jedoch vorgeworfen, Spielsucht zu verharmlosen.
Überzeugendes Pokerface: Tipico hat mit Oliver Kahn auf das richtige Werbe-Pferd gesetzt. Dem erfolgsbesessene Ex-Torwart wird jedoch vorgeworfen, Spielsucht zu verharmlosen.Quelle: © Tipico
Erschienen in Ausgabe 6-2018Schlaglicht

Abgezockt

Sowohl Aktuare als auch Buchmacher kalkulieren den Beitrag, der nötig ist, um ein Risiko adäquat abdecken. Inzwischen hat das Glücksspiel ein so großes Umsatzvolumen angenommen, dass Wettanbieter mögliche Verluste an Versicherer übertragen.

Von Philipp Thomas und David GorrVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

"Ihre Wette in sicheren Händen" – Titan Oliver Kahn wirbt flächendeckend für den größten Wettanbieter in Deutschland. Tipico hat eine Sponsoring-Partnerschaft mit dem FC Bayern München, Hamburger SV und RB Leipzig und ist seit Januar 2018 gar offizieller Partner der Deutschen Fußball Liga (DFL). Wie kann man da als Sportfan nicht in Versuchung geraten, vermeintlich schnelles Geld mit Toren zu verdienen. Tipicos Mehrheitseigentümer ist seit 2016 die Private-Equity-Firma CVC Capital Partners, geleitet von Alexander Dibelius, früherer Deutschlandchef von Goldman Sachs. Über 750 Geschäftsstellen hat der Marktführer in Deutschland. Doch die Branche boomt vor allem dank des leichtes Zugangs zu Sportwetten im Internet. Der Online-Anteil am Glücksspielmarkt in der EU liegt bei 15 Prozent, in Deutschland bei 16 Prozent. Davon entfallen jedoch 87 Prozent auf den nicht-regulierten und damit illegalen Markt, so eine Studie des Handelsblatt Research Institute. Der Anteil des Online-Glücksspiels am Gesamtmarkt hat sich von 5,7 Prozent auf 10,6 Prozent nahezu verdoppelt. Die Hälfte des globalen Online-Marktes entfällt auf Europa – nicht zuletzt, weil europäische Staaten dieses Marktsegment zunehmend liberalisieren.

Das Vermögen auf Regentropfen setzen

Die Wetteinsätze auf dem deutschen Sportwettenmarkt haben sich 2012 von 3,46 Mrd. auf 6,13 Mrd. Euro im Jahr 2016 verdoppelt. Damit ist aber auch das Volumen der illegalen Wettbörsen, die vor allem in Asien zu finden sind, stark gestiegen. Schätzungen zufolge fließen weltweit rund 500 Mrd. Euro in Sportwetten, davon sind etwa 80 Prozent illegal. Das legale Wettgeschäft ist hingegen in Großbritannien weit verbreitet. Der Stereotyp eines Buchmachers ist immer noch der aus kleinen Verhältnissen emporgekommene blitzschnell im Kopf Wahrscheinlichkeiten berechnende "Cockney" (Spottname für die Bürger von London). Zu seinen Attributen gehören Krawatte, Fernglas, Schirmmütze und schwarze Ärmelschoner. Die Realität sieht mittlerweile anders aus, die größten Marktteilnehmer sind nach vielen Fusionen börsengelistet und weisen eine Marktkapitalisierung auf wie ein mittelgroßer Versicherer. Der wertvollste Wettanbieter ist Betfair Paddy Power mit einer Marktkapitalisierung von sieben Mrd. Pfund.
Im 18. Jahrhundert hatte sich das organisierte Glücksspiel in allen britischen Geselschaftsschichten etabliert. Es reichte von den Wetten und Würfelspielen der kleinen Leute in den Tavernen über das Wetten auf Pferderennen bis zum Nächte währenden Whist-Kartenspiel edler Herren in Londoner Clubs wie White’s, wo der Duke of Wellington in einer einzigen Nacht einmal 100.000 Pfund durchgebracht haben soll. Im 19. Jahrundert soll ein Adliger sogar sein ganzes Vermögen verspielt haben, als er darauf wettete, dass "seine" Regentropfen schneller die Fensterscheibe hinunterlief als die von seinem Gegenspieler. 
Der auf das Jahr 1892 zurückgehende Gaming Act hatte das Wettgeschäft im Bezug auf Pferde- und Greyhoundrennen verstaatlicht. Bis 1960 lag es in der Hand des Totalisator Board, jedoch tummelten sich im verborgenen zahlreiche Buchmacher in der Illegalität. Der 1960 Betting and Gaming Act gestattete dem Wirtschaftszweig die Rückekehr ans Tageslicht, freilich um den Preis einer 9%igen „betting tax“ auf die Wetteinsätze.
Seit 2001 werden nicht mehr die einzelnen Wetten besteuert, sondern die Bruttogewinne der Buchmacher, und zwar zu 15 Prozent. Dadurch kommen nun Buchmacher wesentlich günster davon als Versicherer, die eine mittlerweile auf 12 Prozent gestiegene Prämiensteuer abführen müssen. 15 Prozent von einer Bruttomarge von vielleicht 20 Prozent bedeuten drei Prozent auf den Wetteinsatz, ein bloßes Viertel der Versicherungssteuer.
Zum Bedauern des britischen Schatzkanzlers verlagerten daraufhin etablierte britische Wettanbieter ihre Operationen ins wesentlich steuergünstigere Gibraltar oder Malta. Die Steuer wird nun auch von nicht in Großbritannien ansässigen Anbietern geschuldet, was ihre Verkäufe an britische Konsumenten angeht. In Gibraltar ansässige Operationen zahlen ein Prozent auf den Wettumsatz bzw. auf den Bruttogewinn aus Internet-Casinos. Der britische Fiskus ist lediglich auf die Wettanbieter fokussiert, Wettgewinne gehören nicht zu den steuerpflichtigen Einkommensarten. Ebenso wie die Assekuranz fällt auch das Glücksspiel unter eine Bereichsausnahme in Sachen MWSt. Der Zufluchtsort Malta könnte bald Vergangenheit sein. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in Sachen Brexit 2017 geurteilt, dass Gibraltar zwar nicht zum Vereinigten Königreich gehört, jedoch das beide in der EU dienstleistungsrechtlich als eine Einheit zu betrachten sind. Die Glückspielanbieter werden damit ihren Zugang zum Europäischen Binnenmarkt verlieren. In Gibraltar sind 33 Wettfirmen ansässig, darunter Tipico, Bet365, bwin oder William Hill. Sie kontrollieren laut Experten rund 60 Prozent des Weltmarkts und machten 2016 geschätzt 30 Mrd. Euro Umsatz.

Vertreibung aus dem Steuerparadies

Im Bereich von Roulette, Baccarat und sonstigen Casino-Varianten lassen sich die langfristig eintretenden Bruttogewinne der Veranstalter stochastisch durchrechnen. Sie liegen zwischen 1,5 und 6,66 Prozent der Einsätze. Diese Gewinnerwartung wird auch als „house advantage“ oder „edge“ bezeichnet und enspricht einer durch den Preisfindungsaktuar eines Versicherungsunternehmens erwarteten Schadenquote unter 100 Prozent. Trotz der großen Zahl der übernommenen Wetten bleibt den Veranstaltern jedoch ein modelllierbares Restrisiko, welches insbesondere auf die Jackpot-Risiken zurückgeht. Hinsichtlich von Buchmachern fehlt ein Äquivalent der die Assekuranz treffenden Solvency-II-Bestimmungen, d.h. Buchmacher dürfen eine wesentlich höhere Ruinwahrscheinlichkeit in Kauf nehmen als Versicherer.
Zwischen Wettgeschäften und Versicheren existieren einige wirtschaftliche Bezüge. Spielcasinos können sich wie alle Firmen gegen Betriebsunterbrechung versichern, z.B. solche aufgrund von Naturkatastrophen. Unter event cancellation (Ereignisausfall) Policen deckt die Assekuranz ferner das Milliardenrisiko, dass olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften nicht ausgetragen werden könnten. Im Bereich contingency versichert der Londoner Markt prize indemnity risk, etwa dass anlässlich eines Preisausschreibens wesentlich mehr als budgetiert ausgezahlt werden müsste.

ILS-Markt soll Jackpot-Gewinne absichern

Wesentlich ambitionierter als die geschilderten punktartigen Risikoverlagerungen ist es, wenn ein Glücksspielbetreiber gleich wesentliche Teile seines unternehmerischen Risikos an die Assekuranz oder die Kapitalmärkte weiterreicht. 2017 entschied sich die in Gibraltar ansässige Glücksspielfirma Lottoland Holdings Limited sich einen eigenen lokalen Versicherer zuzulegen, die Fortuna Insurance PCC Limited. Wie die Bezeichnung „PCC“ andeutet, ist dies eine protected cell company, innerhalb derer mehrere rechtlich voneinander abgeschottete profit centers nebeneinander existieren können. Erste Transaktion ist die Übertragung von Wett-und Lotto-Spitzenrisiken von der Wettgesellschaft der Gruppe auf ihren Versicherer, insbesondere was besonders große Auszahlungen „jackpots“ angeht. Vom gruppeneigenen, an Solvency II gebundenen Versicherer können die transformierten Risiken dann an Rückversicherer oder auch via ILS-Konstrukte an die Kapitalmärkte weitergereicht werden. Die gegenwärtige Lottoland-Deckung scheint eine Maximalhaftung auf Schadenexcedenten- oder Stop Loss Basis von 120 Mio. Pfund für einen zweijährigen Zeitraum vorzusehen. Die Protected Cell Struktur würde es gestatten mehrere Programme dieser Art parallel zu einander laufen zu lassen. Die Platzierbarkeit der Risiken, insbesondere im ILS Markt, setzt deren Modellierbarkeit voraus. 
Unklar nach wie vor, warum die Börse Wettkonzerne  viel höher bewertet als solche der Assekuranz. Es scheint als ob das Wettgeschäft weniger großen Ergebnisschwankungen ausgesetzt ist als das der Assekuranz. Immerhin fehlt Wettbüros das Exposure bezüglich einer möglichen negativen Spätschadenentwicklung.