Sky is the Limit: In einem hoch diversifizierten Markt streben Versicherer unaufhörlich nach vorne. Eine perfekte Illusion? 
Sky is the Limit: In einem hoch diversifizierten Markt streben Versicherer unaufhörlich nach vorne. Eine perfekte Illusion? Quelle: Fotolia/Elnur
Erschienen in Ausgabe 5-2018Schlaglicht

Nur das Beste ist genug

Versicherer im Wettbewerb um Marktanteile und statistische Spitzenplätze

Von Versicherungswirtschaft

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Nicht gerügt ist halb gelobt: Gerade Versicherer vermitteln den Eindruck, dass Passivität in Auftritt und Wirkung in deren ganz speziellem Selbstverständnis durchaus unternehmerisches Kalkül beherbergt. Die Insurance-Industrie kocht ihr Süppchen bevorzugt im Verborgenen. Nicht schlimm also, wenn nicht ausgiebig gelobt wird. Es ist ein selbst implantierter Schutzmechanismus für möglicherweise schlechtere Zeiten. Nichts scheint die Versicherer mehr aus dem Tritt zu bringen als kritische Töne, die zu allem Übel noch zutreffen. Zum Beispiel, wenn bestimmte Ziele wider Erwarten nicht erreicht wurden. Sicher, wer riskiert schon gerne negative Response, wenn es im Wettbewerb um Kunden und Marktanteile mal holpriger zugeht. „Dem ständigen politischen und medialen Gegenwind zum Trotz – welche andere Branche stünde nach Herausforderungen wie niedrigen Zinsen und sich rasant wandelnden Bedürfnissen noch so solide dar?“, fragt sich Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann. Wahrscheinlich nur Wenige. Rein wirtschaftlich ist ein Knock-out-Szenario auf die stillen Marktgiganten – zugegeben mit wenigen Ausnahmen – ohnehin kaum übertragbar. Finanzielle Engpässe gab es nicht, gibt es nicht und wird es in absehbarer Zeit wohl nicht geben. Diese Botschaft transportierte auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft auf seiner Jahrespressekonferenz, zwischen den Zeilen versteht sich. Im Hinblick auf das vergangene Geschäftsjahr sprachen die Lobbyisten von Ergebnissen, die vorherige Prognosen übertroffen hätten. „Mit Beitragseinnahmen von 197,7 Mrd. Euro (+1,7 Prozent) verbuchten 2017 die Sparten Leben, Sach und Kranken bessere Ergebnisse als zuvor erwartet“, sagte etwa Verbandspräsident Wolfgang Weiler. Für das laufende Jahr rechnen die rund 460 Branchenunternehmen mit einer stabilen Entwicklung. Nur das Sorgenkind Lebensversicherung verzeichnete einen Beitragsrückgang (-0,1 Prozent; Prognose: -0,5 Prozent) auf 90,7 Mrd. Euro. Der Hoffnungsschimmer: Mit 26,1 Mrd. Euro lief vor allem das Neugeschäft mit Einmalbeiträgen besser als erwartet (-0,5 Prozent). Die Stornoquote soll wie im Vorjahr bei 2,8 Prozent liegen. Die Unternehmen der Schaden- und Unfallversicherung registrierten nach Angaben des GDV ein Beitragsplus von 2,9 Prozent (Prognose: +2,1 Prozent) auf 68,2 Mrd. Euro. Die ausgezahlten Leistungen nahmen laut Hochrechnung um 3,2 Prozent auf 51 Mrd. Euro zu. In der privaten Krankenversicherung legten die gesamten Beitragseinnahmen um 4,3 Prozent zu auf 38,8 Mrd. Euro. Dabei entfielen auf die Krankenversicherung 36,5 Mrd. Euro (+4,1 Prozent). In der Pflegeversicherung kletterten die Einnahmen auf 2,3 Mrd. Euro (+6,1 Prozent). Die ausgezahlten Versicherungsleistungen nahmen um 1,6 Prozent zu auf 27,0 Mrd. Euro. An die Kunden der Privaten Krankenversicherung gingen dabei 25,9 Mrd. Euro (+1,5 Prozent). In der Pflegeversicherung flossen 1,1 Mrd. Euro (+4,3 Prozent) an die Kunden.

Zeigen Rankings und Bilanzen die ungefilterte Wahrheit?

Die Versicherer haben 2017 schwarze Zahlen geschrieben – wieder einmal. Und Zahlen sprechen bekanntlich die klarste aller Sprachen. Bilanzen sind das wichtigste Instrument, das wichtigste Aushängeschild der Versicherer in ihrem Bestreben nach einer sachlich-fachlichen Außenwirkung. Sie sind Indikator und Wegweiser zugleich, ohne zu sehr in die Offensive gehen zu müssen. Wer hat wo wieviel Geschäft gezeichnet? Wo liegen weitere Potenziale? Wer bekommt noch ein Stück von einer kleiner werdenden Torte? Fragen, die die Vorstandsebenen immerwährend umtreiben. Doch reicht das, um zu reflektieren, wie gesund eine ganze Branche tatsächlich ist oder um herauszufinden, wo die Schmerzpunkte liegen? Ja, sagen die Analysten und Mathematiker, die sich anhand von statistischen Daten, Werten und Entwicklungen auf Ursachenforschung begeben, um neuralgische Punkte frühzeitig zu identifizieren und direkt an die Führungsetagen zu leiten. Von dort aus werden entsprechende Gegenmaßnahmen entwickelt. „Wir wollen erforderliche Veränderungen aus einer Position der Stärke angehen und nicht mit Verspätung und aus einer Not heraus. Und wir wollen mitgestalten und nicht von der Veränderung getrieben sein“, erklärt Allianz-Chefstratege Thomas Naumann. Nein, sagen dagegen Experten, die den Faktor Mensch und den damit zusammenhängenden Faktor Service in ihre Überlegungen miteinfließen lassen. Schließlich ist Versicherung ein Mensch-zu-Mensch-Geschäft – digitale Beschleunigung hin oder her. Wenn man in der Google-Suche den Satz „Die besten Versicherer Deutschlands“ eingibt, erscheinen knapp 25 Millionen Ergebnisse. Es ist mühselig darüber zu debattieren, welcher Versicherer besser ist als der andere. Und doch ist der Erkenntnisgewinn immens, wenn man sich vor Augen hält, wie unterschiedlich der Aktionsradius der einzelnen Akteure von der Allianz, der Munich Re über die Debeka und die R+V bis zur BGV sein kann und wie geschickt sie ihre Stärken in einem hoch diversifizierten Markt jeweils zu ihren Gunsten ausspielen. Eine merkwürdige, aber doch interessante Form der Kampfansage an und des Vergleichs zu anderen Wettbewerbern der Branche präsentierte Ende April die Deutsche Familienversicherung, selbsternannter wirklich digitalisierter Versicherer und einziges funktionierendes Insurtech-Unternehmen, in einer Einladung zur Talkrunde. Anspruch sei es, vieles einfacher und besser zu machen als die etablierte Konkurrenz. Die Unternehmen und ihre Heads können also durchaus kratzen und beißen, wenn es sein muss. Nun, wer besser ist als der andere, darüber lässt sich vortrefflich debattieren. Mindestens genauso gut wie bei einem Vergleich zwischen den Fußballstars Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Und doch ist eines sicher – wie auf dem Fußball- so auf dem Marktplatz Versicherung. Entscheidend ist, was man aus seiner Veranlagung macht. (Mehr ab Seite 15).