Uwe Schumacher, Vorstandsvorsitzender Domcura: „Das traditionelle Modell des Assekuradeurs ist wieder im Kommen.“
Uwe Schumacher, Vorstandsvorsitzender Domcura: „Das traditionelle Modell des Assekuradeurs ist wieder im Kommen.“Quelle: Foto: Domcura
Erschienen in Ausgabe 5-2018Köpfe & Positionen

Im Profil Uwe Schumacher

„Wir müssen nicht mehr trommeln, wir machen einfach“

Von Wolfgang OtteVersicherungswirtschaft

Das Versicherungsgeschäft macht ihm auch in Zeiten einer übermäßigen Regulierung Spaß – und das, obwohl er die Branche zu Beginn seiner beruflichen Karriere durchaus langweilig fand. „Preußisch pflichtbewusst“ erträgt und befolgt Uwe Schumacher, Vorstandsvorsitzender der Domcura AG, die Vielzahl teilweise überbordender regulatorischer Vorschriften. „Darüber hinaus gibt es aber viele Bereiche, in denen ich mich frei und innovativ engagieren kann“, erkläte der 59-Jährige versöhnlich. Besonders schätzt er seine persönlichen Beziehungen in der Branche, die er als immer wieder inspirierend und bereichernd bewertet. Immerhin bewege er sich schon rund 30 Jahre in der Versicherungswirtschaft. Das in Kiel ansässige Unternehmen, seit nunmehr zwei Jahren eine florierende Tochtergesellschaft von MLP mit insgesamt über 700.000 Versicherungsverträgen, betreibt neben dem Makler-Business mit vier eigenen Gesellschaften das Geschäftsmodell des Assekuradeurs. „Ich glaube, dieses traditionelle Modell ist wieder im Kommen“, zeigt sich der in der Hansestadt Lübeck geborene Informatiker und Physiker überzeugt. „Wir machen im Grunde alles, was auch ein Versicherer erfüllt, mit Ausnahme der Risikotragung“, sagt der Zahlenmensch Schumacher.

Faible für Astronomie

Die Aufgaben des Assekuradeurs seien sowohl spannend als auch vielseitig. Von der Produktentwicklung über den Vertrieb, die Bestandsverwaltung, Schadenregulierung bis hin zum Prämieninkasso komme alles aus einer Hand. Ausgenommen bleibe lediglich die Risikotragung. Inzwischen entstehen auch sogenannte kleinere digitale Assekuradeure am Markt. Zwar könnten diese Gesellschaften u.a. ohne Regulierungsdruck sowie regulatorisches Eigenkapital arbeiten. Dafür existiere aber eine absolute Abhängigkeit vom Versicherer. Das sei sehr problematisch, gibt Schumacher zu verstehen. „Wir dagegen arbeiten mit vielen Versicherern in Deutschland auf einer vertrauensvollen Basis zusammen.“ Dazu gehörten auch die großen Konzerne. Den Verlauf seines Ausbildungs- und Berufswegs kann man als ausgesprochen gradlinig beschreiben. Nach dem Abitur am Elite-Gymnasium in seiner Geburtsstadt in der Nähe der Ostsee studiert Schumacher Informatik und Physik in Hamburg. Den Abschluss als Diplom-Informatiker krönt die zukunftsweisende Arbeit zu Datenbanken und künstlicher Intelligenz (KI). Gerade letzteres Thema begleitet und fasziniert den Manager bis heute. Er sieht in deren Anwendung große Chancen zur Vereinfachung komplizierter Geschäftsvorfälle. Die frühen Jahre Schumacher zeigen einen umtriebigen jungen Mann, der schon während des Studiums viele freiberufliche Tätigkeiten übernimmt, um sich das nötige Geld zum Leben während der Studienzeit zu verdienen. So verschlägt es ihn für ein Jahr als Werkstudent ins Silicon Valley, und er arbeitet ein halbes Jahr als Praktikant bei IBM in Manila. Sein größter Wunsch ist es zur damaligen Zeit, als Wissenschaftsjournalist aktiv zu werden, der durch Vortrags- und Lehrtätigkeiten sowie das Verfassen von Zeitungsartikeln sein Brot verdient. Sein Faible gilt der Astronomie. So verbringt er viele Stunden in der Lübecker Sternwarte und wird ehrenamtlich deren stellvertretender Leiter. Doch dann kam alles anders. Schumacher startet 1988 bei dem Beratungsunternehmen Mummert + Partner. Bereits sein erstes Projekt führt ihn mehr durch Zufall zu einem großen öffentlich-rechtlichen Versicherer nach Hannover und betrifft die Reorganisation des Zentralinkassos. Nach über acht Jahren Beratertätigkeit in der Branche wird er Mitgründer der Allstate Direct AG, die später in Direct Line Versicherung AG umbenannt wird, heute Verti Versicherung AG heißt und inzwischen zur spanischen Mapfre-Gruppe gehört. Der Zufall will es, dass sein damaliger Chef der Freund des Gastvaters während seines Aufenthalts in den USA ist. Bei dem Direktanbieter bleibt er 17 Jahre lang zumeist als Vorstand aktiv, die letzten fünf Jahre bis 2013 als CEO. Im letzten Jahr ist er auch international als COO verantwortlich. Über eine Partnerschaft mit seinem Unternehmen lernt er 2009 den damaligen Alleininhaber von Domcura kennen, der ihn im Herbst 2013 als seinen Nachfolger holt. Der Makler-Unternehmer will sich aus Altersgründen aus dem 1980 von ihm gegründeten Unternehmen zurückziehen und übergibt im Jahr 2015 das Zepter endgültig an den seit 29 Jahren verheirateten dreifachen Familienvater. Im selben Jahr übernimmt MLP die Aktienmehrheit, nachdem bereits zuvor seit vielen Jahren eine geschäftliche Partnerschaft bestanden hat.

Insurtechs beleben das Geschäft

Der Vorstandschef sieht in den neuen Insurtech-Unternehmen eine Bereicherung für die Branche. Dadurch würden neue Entwicklungen im Direktgeschäft, in der Nutzung des Internets und des Telefons angestoßen. „Mehr Kanäle eröffnen uns doch allen auch höhere Chancen für das Geschäft“, gibt er zu verstehen. Digitale Start-ups machten ihm keineswegs Angst, sondern böten die Möglichkeit neuer partnerschaftlicher Modelle. Gerade die Symbiose aus einem erfahrenen Betrieb wie der Domcura und einem Insurtech mit modernen Kundenschnittstellen sei ein spannendes Unterfangen. Allerdings ist er nicht der Meinung, dass junge Menschen grundsätzlich alle Versicherungsabschlüsse nur noch online tätigen würden: „Vielleicht eher bei einfachen Sachversicherungen, aber keineswegs bei anspruchsvollen Produkten im Lebens- und Krankenversicherungsbereich sowie bei Anlageprodukten, die Beratung und das persönliche Gespräch mit einem qualifizierten, fairen Vermittler brauchen.“ Schumacher leitet diese Erfahrung auch aus dem Verhalten seiner eigenen erwachsenen Kinder ab, die in vielen Bereichen digitale Kanäle nutzten. Der Auffassung, dass der Hype um die Insurtechs schon vorbei sei, kann sich der leidenschaftliche Jogger keineswegs anschließen und begründet das mit seinen eigenen Start-up-Erfahrungen. „Das Direktgeschäft wird in den nächsten Jahren weiter stark zunehmen.“ Als Beispiel führt er den prominenten Marktauftritt von Knip an, das in der Anfangszeit eher die Kundenschnittstelle bediente, sich jetzt aber auch mit den klassischen Themen eines Versicherers wie Betrieb, Service und Schaden konfrontiert sieht. Dennoch erkennt Schumacher Unterschiede im Vergleich zu den USA, Großbritannien oder gar China, die schon viel weiter in der digitalen Entwicklung aus Kundensicht seien. Dagegen sei der Markt in Deutschland nur sehr begrenzt national und kaum international ausgerichtet.

Fortschritt durch künstliche Intelligenz

Indes sieht Schumacher die Domcura bei der Nutzung moderner Techniken auf der Höhe der Zeit. Er scheue keinen Vergleich mit Insurtechs. „Wir müssen gar nicht mehr trommeln, wir machen einfach“, lautet sein Credo. Auch neue Medien, wie Messenger-Dienste, Facebook, Xing, Twitter oder Youtube werden von dem Unternehmen genutzt. Die Digitalisierung hat für den begeisterten Skifahrer drei Dimensionen. Der erste Schritt betrifft nichts anderes als die komplette Automatisierung oder Optimierung von Geschäftsprozessen. Eine Policierung muss durch die „Dunkelverarbeitung“ in 30 Sekunden abgeschlossen sein. Das alles sei inzwischen schon in vielen Fällen selbstverständlich.  Zurzeit werden für die zweite Dimension Lösungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und Robotics vorangetrieben, die vor allem das Ziel haben, kräftig Kosten einzusparen, um gegenüber den Versicherern Kostenführer zu sein. Das betreffe den Einsatz von Chatbots zur Schadenmeldung sowie Alexa zur Auskunftserteilung und Robotics zur Bearbeitung. Die Schadenregulierung soll in der Endphase bei einfachen Fällen voll automatisiert ablaufen. Als weiteren Schwerpunkt will Schumacher die Zusammenarbeit mit den Versicherungsunternehmen auf eine neue Ebene heben. Das betrifft in erster Linie die Kundenschnittstellen.  Er stellt sich vor, Anregungen aus dem Silicon Valley umzusetzen. Außerdem arbeite man bei einer Zukunftswerkstatt mit. Mehr will er dazu noch nicht verraten. Darüber hinaus soll digitales Performance-Marketing, wie zum Beispiel Suchmaschinenoptimierung und Display-Advertising, zum Einsatz kommen. Die Zusammenarbeit mit Maklern hat für die Domcura besonders hohe Priorität, „zumal wir selbst als Makler mit vier eigenen Unternehmen aktiv sind“, so Schumacher. „Deshalb kennen wir deren Perspektive und Erwartungshaltungen bestens.“ Er gibt aber auch zu verstehen, dass man nicht nur die Zusammenarbeit mit qualifizierten Versicherern suche, sondern diese manchmal auch aufkündige, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Da lege man die Messlatte sehr hoch an. Die den freien Vermittlern zur Verfügung gestellten Angebote für Privat- und Gewerbekunden nennt Schumacher Premiumprodukte, die mit hoher Haftungssicherheit ausgestattet seien. Die Vertriebsunterstützung zeichne sich besonders aus durch angebotene Webinare, persönliche KeyAccount Betreuer, Präsentationen auf Messen sowie eine hochwertige Hotline.

Motivierender Arbeitsplatz

Seit nunmehr rund zwei Jahren besitzt MLP alle Aktien der Domcura Gruppe. Ursprüngliche Befürchtungen, maßgeblich von außen geäußert, dass damit die Selbstständigkeit und die Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt werden könnten, haben sich keineswegs bewahrheitet. „Wir haben weiterhin unsere vollen Freiheiten. Ganz im Gegenteil profitieren wir vom deutlichen Ausbau des Geschäfts mit MLP gegenüber früheren Jahren.“ Außerdem gebe es eine Reihe neuer Optionen. Die Beziehungen zu manchen Risikoträgern hätten sich zum Wohle aller Vertriebspartner sogar signifikant verbessert und intensiviert. Aktuell steht für Domcura bis etwa Anfang 2019 die Transformation vom ehemaligen Familienunternehmen zum schwergewichtigen MLP-Konzernmitglied mit solider Substanz auf der Agenda. „Da sind wir auf einem sehr guten Weg“, berichtet Schumacher. Das Vorstandsteam und er haben großen Anteil daran, dass die Mitarbeiter den Übergang von einem ehemals patriarchalisch geführten Unternehmen zu einer Konzern-Gesellschaft mit Management-Prinzipien offen mitgestalten konnten. Ängste und Befürchtungen um Arbeitsplätze gibt es keine mehr. Domcura sucht händeringend zusätzlich fachlich versierte Spezialisten. Das ist angesichts der aktuellen Situation am Arbeitsmarkt im Norden Deutschlands jedoch kein leichtes Unterfangen. Im War-of-Talents setzt Schumacher auf interessante Arbeitsplätze in einem modernen und freundlichen Arbeitsumfeld sowie flexibles, selbstbestimmtes und effizientes Arbeiten.

„Wir haben weiterhin unsere vollen Freiheiten. Wir profitieren vom deutlichen Ausbau des Geschäfts mit MLP gegenüber früheren Jahren.“
Uwe Schumacher
Auch der physische Arbeitsplatz unterstützt den Wandel zum modernen Versicherungsunternehmen und wird von Schumacher sukzessive zu einem inspirierenden Ort des Miteinanders umgebaut, inklusive moderner schöner Kantine als Ort der Begegnung. Die Transformationen im Unternehmen, da ist er sich sicher, können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn die Mitarbeiter im Transformationsprozess mitgenommen und angeregt werden, diesen Prozess auch selbst aktiv mitzugestalten. In seiner Freizeit hat Schumacher ein ausgesprochen ungewöhnliches Hobby. Heimwerken und Möbelbau haben es ihm angetan. Sein Prunkstück ist ein selbst gebauter quadratischer Esstisch, der sich dadurch auszeichnet, dass er an allen vier Ecken ausgezogen werden kann. Den Drang auch mal rauszukommen, den hat sich Schumacher, der zu Studienzeiten winterliche Lapplandexpeditionen mit seinem besten Freund gemacht hat, beibehalten. Noch heute fasziniert ihn die Natur. Sei es in Form von Bildbänden über Wellen oder im Urlaub mit Freunden und Familie an der rauen Atlantikküste Frankreichs, Schumacher sucht sich seine kleinen Auszeiten. Dann verrät er noch einen besonderen Wunsch, den er sich gern erfüllen möchte: „Damit ich meine Kinder nicht weiter mit Diashows zu meinen Lappland Reisen nerven muss, steht eine Reise zu den Polarlichtern mit der ganzen Familie auf meiner Bucketlist ganz oben.“