Abbildung 1: Die klassische aktuarielle Reservierung mittels aggregierter Daten
Abbildung 1: Die klassische aktuarielle Reservierung mittels aggregierter DatenQuelle: Swiss Re, Huk-Coburg
Erschienen in Ausgabe 5-2018Märkte & Vertrieb

Aufbruch in ein neues Zeitalter

Heutige Berechnungsmethoden für die aktuarielle Reservierung stammen aus Zeiten, in denen Data Analytics und Big Data noch in weiter Ferne lagen. Ein Umschwenk auf datenbasierte Einzelschadenmodelle ist jedoch ein enormer Kraftakt für jeden Versicherer. Dabei lohnt sich der Aufwand — bei konsequenter Umsetzung.

Von Markus Amberger und Dr. Daniel John und Prof. Dr. Marcel WiedemannVersicherungswirtschaft

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Der Prozess der aktuariellen Reservierung ist eine der wichtigsten Aufgaben eines Versicherungsunternehmens, denn die Reservierung bildet die wesentlichen Charakteristika der Passivseite detailliert ab und zeigt, wie es dem Unternehmen geht. Die klassische aktuarielle Reservierung basiert auf Methoden, die seit vielen Jahrzehnten im Einsatz sind. Sie stammen aus Zeiten, als Computer noch nicht im großen Stil zur Verfügung standen und die Schätzungen oftmals per Hand erfolgen mussten. Dazu werden die Einzelschäden zu Abwicklungsdreiecken aggregiert. Die resultierenden (Zahlungs-/Aufwands-)Zeitreihen nach Anfalljahren werden dann geeignet in die Zukunft projiziert. Resultat sind die geschätzten Schadenendstände nach Anfalljahren – also hochaggregierte Informationen. Detailliertere Informationen zu Einzelschäden werden oftmals nur vereinzelt bei der Analyse von Auffälligkeiten herangezogen. 
Die Ergebnisse sind der entscheidende Input für eine Vielzahl weiterer Prozesse (bspw. Tarifierung, Bilanzierung, interne Modellierung, ALM, Rückversicherung etc). Bereits hier wird klar, dass man sich in einem Spannungsfeld bewegt: Die Ergebnisse müssen in vielen weiteren Bereichen einsetzbar sein. Dieser Umstand wird zusätzlich verschärft durch die strengen Anforderungen von Solvency II und IFRS hinsichtlich Qualität und zeitlicher Abgabefristen. Vielfach wird dieser komplexen Situation mittels einzelner Insellösungen begegnet: Ein Modul für jeden Abnehmer, häufig verbunden mit umständlichen Überleitungen zwischen den einzelnen Modulen, vielen „händischen“ Anpassungen und einer hochgradig sequentiellen Arbeitsweise. Ein plausibles Gesamtbild zwischen allen Abnehmern ist nur schwer herzustellen.
Darüber hinaus bleiben die Erkenntnisse der aktuariellen Reservierung meistens  Stabsabteilungen und Vorständen vorbehalten, die auf dieser aggregierten Ebene Beurteilungen verfassen oder Entscheidungen treffen. Im operativen Umfeld – wie z.B. der Schadensachbearbeitung selbst – halten die Ergebnisse bislang selten Einzug. Die klassische aktuarielle Reservierung lebt somit isoliert in ihrem Elfenbeinturm. Die große weite Welt der operativen Einsatzbereiche mit ihrem Erfahrungsschatz und Expertenwissen bleibt ihr oft verschlossen. Warum ist das so? Der Grund ist einfach: Klassische aktuarielle Reservierungsverfahren auf aggregierten Daten (die auf dem Schadenbestand insgesamt rechnen, wie bspw. das Chain-Ladder-Verfahren) lassen einen direkten Bezug zur operativen Welt nicht zu…