Thomas Weiss, Vorstandsvorsitzender Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse: „Ich mag es, durch das Unternehmen zu gehen, mit den Mitarbeitern zu reden und ihre Befindlichkeiten als Menschen ernst zu nehmen.“  
Thomas Weiss, Vorstandsvorsitzender Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse: „Ich mag es, durch das Unternehmen zu gehen, mit den Mitarbeitern zu reden und ihre Befindlichkeiten als Menschen ernst zu nehmen.“  Quelle: Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse
Erschienen in Ausgabe 4-2018Köpfe & Positionen

Im Profil Thomas Weiss

„Mir fällt es nicht schwer, mal einen Fehler in der Bearbeitung zuzugeben.“ 

Von Wolfgang OtteVersicherungswirtschaft

Im äußersten Nordwesten Niedersachsens laden endlose Weiten zum Entspannen und aktivem Erleben ein. Ob per Rad, vorbei an Windmühlen oder bei einer guten Tasse Tee, genießen Sie die ostfriesische Landschaft.“ Dieser Werbespruch kann treffender nicht sein. Doch auch hier, wo die raue Nordsee die natürliche Grenze bildet, wird erfolgreich Versicherungs-Business betrieben. Die 40.000 Einwohner zählende Kreisstadt Aurich ist Sitz einer der ältesten deutschen Versicherungsgesellschaften, der Ostfriesischen Landschaftlichen Brandkasse. Deren Ursprung geht auf das Jahr 1754 zurück. Im Sitzungszimmer der Hauptverwaltung wacht noch immer ein Porträt Friedrich des Großen, der die Gründung anordnete, über den Entscheidungen des Unternehmens. Die gediegen, aber zeitlos modernen Räumlichkeiten in einem eher unscheinbar wirkenden roten Backsteingebäude in der Innenstadt, lassen auch heute noch einen Hauch von Geschichte erspüren. Einzugsgebiet des regional ausgerichteten Versicherers ist der ehemalige Regierungsbezirk Aurich mit seinen rund 460.000 Einwohnern. Thomas Weiss führt seit Dezember 2016 den „kleinen aber feinen“ Versicherer. Auf die Frage, was einen erfolgreichen Manager von Düsseldorf in diese vermeintliche Idylle verschlägt, kommt nach nur kurzem Überlegen eine ehrliche Antwort. „Ich kann mich hier besonders stark engagieren, habe Menschen getroffen, die mit mir zusammenarbeiten wollen – und Zufall.“ In seiner letzten Funktion als Vertriebsdirektor des bundesweit tätigen öffentlich rechtlichen Rechtsschutzversicherers Örag sei es seine Aufgabe gewesen, die Kooperationspartner zu betreuen. Deshalb habe er regelmäßig auch Ostfriesland besucht, wo ihm dann eine Vorstandsfunktion angeboten wurde. Diese Aufgabe übernahm er zum 1. November 2011. Der heute 55-jährige erinnert sich noch sehr genau daran, wie er damals seine Frau auf den beruflichen Wechsel in den Nordwesten vorbereitet hat. Vor seiner Tätigkeit in der Rhein-Metropole war er lange Jahre Geschäftsführer des Deutschen Sparkassenverlages in Stuttgart, wo die Familie auch lebte. Erste berufliche Station war die Allgemeine Kreditversicherung AG. „Ich pendelte also inzwischen schon rund fünf Jahre zwischen Düsseldorf und der schwäbischen Großstadt. An einem Freitagabend setzte ich mich mit meiner Frau bei einer Flasche Rotwein zusammen und schilderte ihr von dem verlockenden Angebot, nach Ostfriesland zu gehen, was ich aber nur annehmen würde, wenn meine Familie mitzieht.“ Er wollte ihr, die zu dem Zeitpunkt erfolgreich an führender Position bei der LBBW tätig war, dafür Bedenkzeit geben. Doch bereits nach einer halben Stunde war alles klar. „Das Abenteuer Ostfriesland“ konnte starten.

Regionale Monopolstellung täglich behaupten

Das liegt inzwischen sechs Jahre zurück. Seitdem hat sich auch die Welt der Brandkasse, wie der ehemalige Monopolversicherer von Kunden genannt wird, erfolgreich weiter entwickelt. Das waren nicht immer einfache Zeiten, wie Weiss zugibt. Denn von idyllischen Verhältnissen konnte keineswegs die Rede sein. Konsolidierungsprozesse in der öffentlich-rechtlichen Versicherungs-Landschaft hätten auch vor dem traditionsreichen Versicherer nicht Halt machen sollen. Nun muss man wissen, dass die Trägerverhältnisse eine wesentliche Besonderheit aufweisen. Früher waren es 100 Prozent, heute liegen immer noch 50 Prozent der Trägeranteile bei der „Ostfriesischen Landschaft“, die die ostfriesische Bevölkerung vertritt und sich besonders für die weitere Selbstständigkeit des Versicherers stark machte. Dieses Regionalparlament nimmt im Auftrage seiner Gebietskörperschaften und des Landes Niedersachsen zentrale kommunale und dezentrale staatliche Aufgaben auf den Gebieten der Kultur, Wissenschaft und Bildung wahr. Weitere jeweils 25 Prozent der Trägeranteile liegen bei dem niedersächsischen Sparkassenverband und der VGH.

"Ich habe es nicht für leicht gehalten, eine sowohl für die VGH als auch für die Brandkasse optimale Lösung zu finden."

Weiss wurde schon kurz nach seinem Dienstantritt mit dem Thema Konsolidierung konfrontiert. Mit einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichtes im Jahr 2012 wurde ein verkündetes Urteil des OVG Lüneburg bezüglich der Frage des Geschäftsgebietes jedoch rechtskräftig. „Mit dem Urteil sind die seit Jahrzehnten unterschiedlichen Rechtsauffassungen zum Geschäftsgebiet geklärt. Es hat mich sehr positiv überrascht, dass wir im Laufe der folgenden Verhandlungen fast übergangslos von einer Konfrontation zu einer Kooperation gekommen sind“, gibt Weiss offen zu. „2012 habe ich es für nicht leicht gehalten, eine sowohl für die VGH als auch für die Brandkasse optimale Lösung zu finden.“ Inzwischen hätten alle Seiten Spaß an dem Erreichten. Vor allem profitieren der Kunde und die Region davon. Das sei für ihn bei dieser Erfolgsgeschichte das Wesentliche. „Wir arbeiten jetzt sehr vertrauensvoll zusammen.“ Die Brandkasse verkauft nach wie vor ihre eigenen Kernsparten Sach und Haftpflicht, und die VGH ist Produktgeber für den Lebensversicherungsbereich und bietet Kfz-, Unfall-, Kranken- und Rechtsschutzversicherungen an. Weitere Brandkassen-Kooperationspartner sind Örag und UKV für Rechtsschutz- und Krankenversicherungen.
Der gebürtige Hamburger, der in seiner Freizeit Fahrrad fährt und joggt, versteht sich als ein Vorstand zum Anfassen. Er kennt alle rund 100 Beschäftigten im Innendienst und 150 im Außendienst persönlich. „Ich mag es, durch das Unternehmen zu gehen, mit den Mitarbeitern zu reden und ihre Befindlichkeiten als Menschen ernst zu nehmen.“ Ein Unternehmen, gleich welcher Größenordnung, sei kein anonymes Gebilde. Das Mannschaftsdienliche ist ihm als ehemaligem Handballspieler in der Oberliga schon aus frühen Jahren nicht unbekannt. An der Aufgabe bei der Brandkasse habe ihn auch gereizt, mit wenigen Mitarbeitern unkompliziert und flexibel neue gesetzliche Regelungen schnell umsetzen zu können. Er ergänzt: „Die Herausnahme von Komplexität, wo es nur geht, ist eines unserer Ziele. Das gilt auch für Solvency oder IDD. Weil wir vieles selbst machen und an unser Unternehmen anpassen, ist das die Basis unserer Eigenständigkeit.“

„Die Absicherung des Sturmrisikos gehört zu unserer Daseinsberechtigung.“

Weiss ist sich natürlich im Klaren darüber, dass die große Versicherungswelt nicht in Aurich zu Hause ist. „Die Vorteile, die sich durch unsere Größe mit einem jährlichen Umsatz von rund 70 Mio. Euro ergeben, überwiegen aber bei weitem eventuelle Nachteile.“ Ihm kann es auch passieren, dass Kundenbeschwerden von ihm telefonisch direkt erledigt werden. „Mir fällt es auch nicht schwer, mal einen Fehler in der Bearbeitung zuzugeben.“ Diese Nähe zum Kunden fasziniere ihn. Er bekomme daher sehr viel darüber mit, was draußen passiere und wie der Markt ticke. Fasziniert habe ihn, und das mache ihn besonders stolz, auch die extreme Markenstärke der Brandkasse, die woanders schwer zu finden sei. Das habe ihn besonders an der Aufgabe gereizt. „Gerade die Kombination aus Tradition und Markenkern auf der einen Seite, sowie der Aufladung mit Modernität, ohne Wurzeln zu kappen andererseits, beinhalten unsere Unternehmensstärke.“ Sichtbar wird das auch an der Ausgestaltung seines Büros, eingerichtet mit technisch hoch modernen Geräten, aber auch mit klassischen Accessoires, wie einem geschmackvoll bemalten Kabinettschrank aus dem 18. Jahrhundert. Der Diplom-Volkswirt, der sein Studium in Tübingen absolvierte, sieht sein Unternehmen in Ostfriesland als Platzhirsch, das in der Bevölkerung über hohe Zustimmungswerte verfüge. Auch nach Aufhebung des Monopols in 1994 sind noch knapp 70 Prozent aller Häuser hier versichert. „Einer der ältesten Versicherer zu sein, ist für mich noch kein Wert an sich. Entscheidend ist vielmehr das über Jahrhunderte hinweg aufgebaute Vertrauen.“ Das bekomme man neben der Kundennähe auch durch den wirtschaftlichen Erfolg.
Als Herausforderung bewertet Weiss das demografische Problem, das auch und gerade in dieser ländlichen geprägten Region eine große Rolle spielt. Dazu gehört auch für einen kleinen Versicherer die Beantwortung der Frage, wie die Zielgruppen in einer modernen Welt anzusprechen und zu erreichen sind. Zentrale Rolle spielen dabei die rund 50 Geschäftsstellen in der Region und das Thema Digitalisierung in Richtung Kunden. „Wir haben das große Glück, über eine eigenständige, hochmoderne Datenverarbeitung zu verfügen. Damit können wir alle Zukunftsentwicklungen abbilden.“ Strategisches Rückgrat im Vertrieb seien zum einen die eigenen Geschäftsstellen, zum anderen als Vertriebspartner die in der Region ansässigen Sparkassen. Alles, was mit Digitalisierung zusammenhänge werde gemacht, um den Vertrieb in eine möglichst optimale Position gegenüber dem Kunden zu bringen. Das sei das erklärte Ziel und keineswegs der direkte Online-Abschluss.

Heile Welt unterliegt üblichen Marktzwängen

Nun gelten die Ostfriesen allgemein als ein eigensinniges Volk. Der Vergleich mit dem berühmten gallischen Dorf von Asterix und Obelix wird gern herangezogen. Dazu hat Weiss eine klare Meinung: „Wir sind ein Teil Niedersachsens, Deutschlands und Europas. Die Zwänge und Entwicklungen anderer Gegenden sind die gleichen wie hier.“ Natürlich gebe es landsmannschaftliche Eigenarten, die die regionale Zugehörigkeit betonten. Aber die Marktmechanismen und die Erwartungshaltungen der Kunden entsprächen genau denen im übrigen Deutschland. „Ordentliche Betreuung, gute Produkte, ein ansprechendes Preis-Leistungsverhältnis und Gemeinwohl-Orientierung sind ebenso die wesentlichen Maßstäbe, um erfolgreich zu sein.“ Extrem ausgeprägt sei in allen Lebensbereichen die „Corporate Identity“. Nur heile Welt gebe es zwar auch hier nicht, obwohl, so räumt Weiss ein, diese an vielen Stellen noch heiler sei als anderswo. Dementsprechend erwarteten die Kunden anständige Leistungen. Dies werde auch honoriert. „Denn wir sind eine alteingesessene, sehr substanzstarke, ostfriesische Institution.“ Für den verheirateten Vorstandschef und Vater zweier Töchter liegt der Fokus im Versicherungsgeschäft der Brandkasse auf dem sogenannten hybriden Kunden, der sowohl online als auch klassisch unterwegs ist. Sein Unternehmen konzentriere sich auf diejenigen, die anständigen Service in Anspruch nehmen wollen. Obwohl die Ostfriesen aufgrund ihrer Lage am Meer alle paar Wochen heftigsten Stürmen ausgesetzt sind, kann die Brandkasse damit gut umgehen. „Früher hat mich der Wetterbericht wenig interessiert, heute höre ich ihn mir mindestens viermal am Tag an“, sagt er schmunzelnd. „Die Absicherung des Sturmrisikos gehört zu unserer Daseinsberechtigung.“ Für Weiss steht fest, dass seine Familie und er in Ostfriesland angekommen sind. „Ich verstehe mich als ein Ostfriese mit Migrationshintergrund“, lautet seine kurze Selbsteinschätzung.