Erschienen in Ausgabe 4-2018Märkte & Vertrieb

Zeichnungsdisziplin bewahren

Warum Schaden- und Unfallversicherer mit Niedrigzinsen besser zurechtkommen als die Lebensparte

Von Dr. Stephan KalbVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

Niedrigzinsen sind nach wie vor die größte Heraus­forderung für die deutsche Versicherungsbranche, insbesondere für Lebensversicherer. Dieser Umstand ist auch der Hauptgrund für den negativen fundamentalen Branchen­ausblick von Fitch für diese Sparte, während der Branchenausblick für die deutschen Schaden- und Unfallversicherer stabil ist.
Lebensversicherer sind viel stärker als Schaden- und Unfallversicherer von Niedrigzinsen betroffen, weil deren Kapitalanlageerträge ein wesentlich höheres Gewicht in der Ertragszusammensetzung ausmachen und es weniger Spielraum gibt, den Rückgang der Kapitalan­lageerträge durch höhere versicherungstechnische Erträge zu kompensieren. Zusätzlich gibt es Druck auf der Vertriebsseite, weil auch Leben-Policen im Umfeld niedriger Zinsen weniger abwerfen. 
Auch gegenüber ihren europäischen Konkurrenten haben deutsche Lebensversicherer den Nachteil, dass sie in der Vergangenheit zunehmend Policen mit langen Laufzeiten und, bis vor wenigen Jahren, auch mit hohen garantierten Renditen verkauft haben. Das hat die Duration des Versicherungsbestandes und die Zinsabhängigkeit der Versicherer erhöht. Die Duration der Kapitalanlagen wurde zwar ebenfalls verlängert, sie reicht aber nicht an die Duration der Passivseite heran, sodass eine Lücke zwischen Aktiv- und Passivduration von circa sechs Jahren besteht. Diese Durationslücke impliziert im anhaltenden Niedrigzinsumfeld ein Wiederanlagerisiko, weil die gegenwärtig erzielbaren Renditen für Neuanlagen unter dem Niveau der durchschnittlichen Garantien auf der Passivseite liegen (circa 2.9%).
Der Gesetzgeber hat dieses Risiko erkannt und 2010 eine Zinszusatzreserve (ZZR) als verpflichtend eingeführt. Sie beseitigt das Wiederanlagerisiko allerdings nur teilweise und dürfte bei wieder steigenden Marktzinsen zu zusätzlichen Druck auf die Versicherer führen, weil die Berechnungsmethode auf historischen Zinsen basiert. 
Um trotz der rückläufigen Anlagerenditen profitabel zu bleiben, sind Schaden- und Unfallversicherer in ihrer Zeichnungstätigkeit zunehmend selektiver geworden. Tarifkalkulationen enthalten heute keine oder keine nennenswerte Kapitalanlageerträge mehr und Unternehmen zeichnen Versicherungsverträge nur mit der Erwartung eines positiven versicherungstechnischen Ergebnisses. Um das Gewinnniveau stabil zu halten, sind im Marktdurchschnitt zur Kompensation eines Rückgangs der Anlagerendite um 50 Basispunkte eine Verbesserung der Schaden- / Kostenquote um 140 Basispunkte erforderlich…