Erschienen in Ausgabe 4-2018Unternehmen & Management

Vom Phönix zum Ikarus

Der Aufstieg von Anbang und HNA war beispiellos, ebenso deren tiefe Fall

Von Heng YanVersicherungswirtschaft

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Die Nachricht von der Verfügung der chinesischen Aufsichtsbehörde Circ über die Zwangsverwaltung von Anbang für zunächst ein Jahr hat für viel Aufsehen gesorgt. Jedoch ist der Schritt von der Aufseher nicht ganz überraschend. Die Gemengelage aus intransparenter Inhaberstruktur, Auslandsinvestitionen und undurchsichtigem Finanzierungsgebaren übersteigt die Möglichkeiten einer normalen Untersuchungstruppe, die Circ ab und zu bei Auffälligkeiten für ein paar Wochen zu einem Unternehmen schickt. Das Gerücht, dass der Anbiederungsversuch von Anbang-Chef Wu Xiaohui bei Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump, als sanktionierungswürdige Tabuverletzung seitens der chinesischen Behörde angesehen wurde, ist freilich spekulativ. Fakt ist, dass das Volumen der Auslandsinvestitionen, die von der Circ festgelegte Obergrenze von 15 Prozent, Anbang weit überschritten hat. Laut dem Geschäftsbericht von 2017 liegen die Übersee-Investitionen der Anbang-Lebenssparte bei knapp 60 Prozent des gesamten Vermögens. Anbang wird zudem vorgeworfen, seine fortlaufenden Auslandsinvestitionen durch den Währungswechsel zu finanzieren. Der Versicherer bestreitet das.
In den letzten Jahren rühmte sich Anbang mit einigen ungewöhnlichen Einkäufen im Westen, die nicht nur die Aufmerksamkeit der chinesischen Regierung auf sich zogen, sondern auch die westlichen Regierungen aufgeschreckt haben. Das Paradebeispiel ist der Kauf des Ikone-Hotels Waldorf-Astoria in New York. Die US-Administration vermutete dahinter  Abhöraktivitäten des chinesischen Geheimdienstes und verbot kurzerhand ihren hohen Beamten dort zu übernachten. Berichten zufolge übt Circ jedoch seit einiger Zeit Druck auf den Versicherer aus, das Hotel wieder zu veräußern.
Der Aufstieg und Fall von Wu spiegelt das nicht seltene Gebaren der Mächtigen in der chinesischen Geschäftswelt. Wu startete seine Karriere als kleiner Autohändler. In seiner zweiten Ehe hat er die Tochter des damaligen Vize-Gouverneurs der Provinz Zhijiang geheiratet, was ihm viele Geschäftschancen eröffnet hat. In seiner dritten Ehe heiratete er die Enkelin von Deng Xiao Ping, der faktisch die Volksrepublik China von 1979 bis 199 führte. Das öffente Wu weitere Türen. Einmal soll er bei einem Treffen mit Studenten gesagt haben: „Wenn du auf dem Land bleibst, kannst du freilich nur Dorfmädchen kennenlernen. Wenn du aber nach Paris gehst, dann erlebst du Mona Lisa mit eigenen Augen.“ Welche Lebensweisheiten er aus seiner Untersuchungshaft, in der er seit…