Erschienen in Ausgabe 2-2018Unternehmen & Management

Kollaps an mehreren Fronten

Das britische Gesundheitswesen hängt am Tropf. Die Pleite des Bauriesen Carillion verschlimmert die Lage noch. Die Krise gibt einen Vorgeschmack auf den Brexit.

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Fragen kostet nichts. In diesem Sinne wollte die EU von Großbritannien abermals wissen, ob Premierministerin Theresa May wirklich ein Brexit riskieren möchte. Denn ohne Sinneswandel werde der EU-Austritt "mit allen negativen Konsequenzen" im März 2019 Realität, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Falls die Briten ihre Meinung aber änderten, seien "unsere Herzen weiter offen" für sie. Weder die EU-Kommission noch die Staats- und Regierungschefs der EU würden London bei einer Rückkehr juristische Hindernisse in den Weg legen. Das Angebot kam unmittelbar nachdem ausgerechnet Nigel Farage im britischen Privatfernsehen ein zweites Referendum forderte, um die Brexit-Frage ein für alle Mal zu klären. Die EU wittert also eine Schwäche auf Seiten der Brexit-Befürworter.
Theresa May lehnte den EU-Vorschlag dankend ab. Es wäre gefährlich für die Demokratie, würde man den erklärten Willen des Volkes missachten, wenn er einem nicht passt. Fraglich ist jedoch, ob die Bevölkerung damals die Folgen eines Brexit überhaupt voll ermessen konnte, viele bereuen heute ihr Stimmverhalten. Es ist auch nicht abwegig davon auszugehen, dass die Pleite des Baukonzerns Carillion dem Brexit geschuldet ist. Das Unternehmen mit rund 43.000 Mitarbeitern ist für viele staatliche Infrastrukturprojekte in Großbritannien zuständig und war noch im vergangenen Jahr von der Regierung am Bau einer neuen Schnellbahnstrecke beteiligt worden. Die Regierung weigerte sich, Carillion mit Steuergeldern zu retten. Dabei hatte der Verkehrsminister selbst nach einer Gewinnwarnung im vergangen Sommer Aufträge im Umfang von zwei Mrd. Pfund an Carillion vergeben. 
Der Bauriese hat auch Krankenhäuser gebaut, gereinigt und mit Essen beliefert. Die Insolvenz trifft das öffentliche Gesundheitssystem ins Herz – gerade im Winter stoßen Kliniken an ihre Kapazitätsgrenzen. Hinzukommt eine Grippewelle, die zu einem Ausnahmezustand führt. Die Krankenhauseinlieferungen stiegen aufgrund von Influenzasymptomen Mitte Januar um 77 Prozent. 55.000 Operationen mussten verschoben werden, weil es an Ärzten und Pflegekräften fehlt. Die Epedimie kommt zu einer Zeit, in der das chronisch unterfinanzierte National Health Service (NHS) ohnehin in einer Krise steckt, die Experten als die schlimmste seiner 70-jährigen Geschichte bezeichnen. Während Deutschland gut elf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts aufwendet, stecken die Briten nur 8,5 Prozent in ihren Gesundheitsdienst. Nach dem Brexit könnten noch weniger Geld fließen. Der NHS…