Quelle: World Economic Forum / flickr
Erschienen in Ausgabe 12-2018Köpfe & Positionen

"Wenn Beratungsfirmen unsere Strategie besser verstehen als wir, dann haben wir ein Problem"

Im Profil: Mario Greco, CEO Zurich Insurance Group

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft

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Ein Portrait über Mario Greco, den Chief Executive Officer der Zurich Group, lässt sich nicht ohne den Namen Martin Senn (22. März 1957 - 27. Mai 2016) verfassen. Der Freitot von Senn als CEO beim 1872 gegründeten Traditionshaus überschattete Grecos Start am 1. Mai 2016 in eine neue, heute befriedete Ära. Nicht ohne Sorgen dürften Freunde und Angehörige im Vorfeld Grecos Engagement begleitet und beraten haben. Zumal nur drei Jahre vor Senns Freitot dessen damaliger Finanzchef Pierre Wauthier ebenfalls von eigener Hand, die Umstände und Hintergründe sind bis heute unklar, aus dem Leben schied. Übermäßiger Druck, ausgeübt von Verwaltungsrat und Aktionärsvertretern, sollen beide Manager zu ihren dramatischen Schritten bewogen haben. Dieser Vorgang warf ein grelles Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen im Topmanagement im Allgemeinen und auf die Situation der Zurich Group im ganz Besonderen. Doch das war gestern, heute ist dieser Doppelschock überwunden und bei der Zurich ist wieder produktive Normalität eingezogen, Greco sei Dank.
Seit nunmehr etwas über zwei Jahren lenkt der am 16. Juni 1959 geborene Mario Greco die Geschicke der Zurich als CEO, und die Zahlen, die der hochaktive Manager auf der letzten Bilanzpressekonferenz erst im November 2018 präsentierte, zeigen das Unternehmen auf Kurs, Grecos Kurs: "Das Geschäft entwickelt sich so, wie wir es erwarten, und die Zurich ist auf Kurs, um ihre Kosten- und Ertragsziele zu erreichen", kommentierte der Italiener cool und branchentypisch bescheiden die Rückkehr zu Wachstum und Produktivität. Mit solchen Großbaustellen hat der weitgereiste, in Neapel geborene Italiener da schon vielseitige Erfahrung sammeln können. Als "Feuerwehrmann" führte Greco zwischen 2012 und 2016 die Generali als CEO wieder auf Wachstumskurs zurück ehe er die Führungsposition bei Zurich übernahm, als Rückkehrer, denn Greco ist am Hauptsitz der Gesellschaft, am Mythenquai 2 am Zürichsee in Zürich, absolut kein Unbekannter. Denn von 2007 bis 2012 diente er der Zurich erst als CEO Global Life und von 2010 bis 2012 als CEO der Sparte General Insurance. Sein oberster Chef war damals Martin Senn, der Grecos Abgang sehr bedauerte, mit den bekannten Folgen. Ob Grecos Ausscheiden damals schon etwas mit den internen Spannungsverhältnissen zu tun hatte bleibt Spekulation, zumindest einen guten Riecher muss man dem Italiener in diesem Zusammenhang attestieren.

Ausflug in die Bankenwelt und zurück zu den Wurzeln als Versicherungsberater

Auf seiner Wanderschaft durch die Banken-, Finanz- und Versicherungswelt hat Mario Greco zahlreiche, höchst unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, Erfahrungen, die zu Erkenntnis und dem Know-how geführt haben, wie ein international aufgestellter Konzern geführt und für die Zukunft wetterfest gemacht werden muss, als da wären: Der Vater ist Verwaltungsratspräsident bei der Banco di Roma. Mit 27 schließt sich der frisch ausgebildete Greco 1986 in Mailand der Unternehmensberatungsgesellschaft McKinsey & Company an, wo er sich als Management Consulter bald auf den Bereich Versicherungen fokussiert. 1992 wird er dort Partner und wenig später Partner Leader. Mailand bleibt auch 1995 bei seiner nächsten Station Dreh- und Angelpunkt. In der norditalienischen Metropole stößt Greco schließlich zur Allianztochter RAS und steigt dort schnell zum Leiter der Schadenabteilung auf. Danach geht es Schritt für Schritt konsequent weiter auf der Karriereleiter: 1996 übernimmt Mario Greco als General Manager die Verantwortung für das Versicherungsgeschäft, zwei Jahre später erfolgt die Ernennung zum Managing Director. Im Jahr 2000, mit gerade mal 41 Jahren wird er dessen CEO, um weitere vier Jahre später in die Geschäftsleitung der Allianz AG aufzurücken. Die Länder Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und die Türkei gehören ab sofort zu seinem Verantwortungsbereich, der weltläufige und weitgereiste Greco (Zitat: "Ich bin einer der besten Kunden der Swiss Air") ist fast am Ziel. Im April 2005 wechselte Mario Greco zur italienischen Bank Sanpaolo IMI Group, wiederum in Mailand, wo er als CEO bei deren Tochtergesellschaft und Asset Manager EurizonVita engagiert war.

„Die technologische Veränderung bietet uns weit bessere Möglichkeiten, als ich mir je erträumt hatte. Nur einmal im Leben kriegen wir eine solche Chance,  mit Innovationen ein Geschäft so grundlegend zu verändern.“
Mario Greco
Doch Greco will mehr, und schon ein halbes Jahr später sitzt er dem Board als CEO der Eurizon Financial Group vor. Spätestens hier muss der quirlige Manager, den die Neue Züricher Zeitung wie folgt charakterisiert: "Der Italiener sprüht vor Energie und steckt voller Tatendrang. An einer Veranstaltung stundenlang ruhig auf einem Stuhl sitzen zu müssen, entspricht nicht seinem Naturell", auch ausserhalb der Bankenwelt für Aufsehen gesorgt haben. Mit seiner Verpflichtung bei der Zurich Group kehrt Greco schließlich zurück zu seinen Wurzeln als Versicherungsberater.

Ein Fan der Schweiz und des Radsports

Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang natürlich bleiben, dass Mario Greco seinen Bachelorabschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Rom sowie seinen Master in International Economics and Monetary Theory an der Privatuniversität Rochester im Bundesstaat New York/USA erlangte. Neapel, Rom, New York, Mailand, Zürich und Triest lauten hiermit die prägendsten Stationen Mario Grecos, und hier wurden auch die Grundsteine für die persönliche wie strategische Ausrichtung des geborenen Leaders deutlich. Eine Veranlagung, die sich heute auch die Zurich als Gesellschaft zu Nutze macht. Komplettiert wird das Bild des wortgewandten Managers, der "ein geschliffenes Englisch mit wohltönend-italienischem Akzent spricht" (NZZ) durch seine Mitgliedschaft beim International Advisory Council der privaten Bocconi Universität in Mailand, einer bei italienischen Führungskräften beliebten Eliteuniversität, sowie als Mitglied des Stiftungsrates des Lucerne Festivals, einem weltweit renommierten Klassikfestival am Vierwaldstädter See. Auch das ist kein Zufall, denn Greco ist erklärter Schweiz-Fan und als solcher hat er seinen Wohnsitz in Küsnacht am Zürichsee auch während des Engagements bei der Generali beibehalten. Der Promi-Ort war und ist Heimat von August Bebel, Thomas Mann, Tina Turner und vielen anderen. Und wer Glück hat trifft den begeisterten Radsportler auf seinen Ausfahrten im malerischen Umland, wo sich Greco den Stress des Manager-Alltags aus dem Körper radelt. Aber Greco scheut auch nicht die ganz großen Herausforderungen: Schon mehrmals ist er den "Maratona dles Dolomites" mitgefahren, einer Tortour die über 138 Kilometer fast 4200 Höhenmeter überwindet. Hier holt sich Greco die Kraft und Inspiration für neue Ideen. Und die sind auch nötig, denn die Branche befindet sich im Umbruch, darüber ist sich Mario Greco vollkommen im Klaren, wenn er auf die Frage, was sich denn im Internetzeitalter für die als altbacken und behäbig verschrienen Versicherungsunternehmen ändern würde, wie er diese Transformation zu managen  gedenke und wie mit den technologischen Potenzialen umzugehen sei, antwortet: "Die technologische Veränderung bietet uns weit bessere Möglichkeiten, als ich mir je erträumt hatte. Nur einmal im Leben kriegen wir eine solche Chance, mit Innovationen ein Geschäft so grundlegend zu verändern. Zurich wird sich dabei eine führende Position sichern. Und das wiederum fasziniert immer mehr talentierte Leute, so dass sie sich für eine Karriere in der Versicherungsbranche entscheiden. Wir sind heute, was früher Investment Banking oder Consulting waren". Damit schließt sich der Kreis für den All-Finanzfachmann Greco, der sich vor diesem Hintergrund einer Revolution im Versicherungsgeschäft gegenübersieht, denn: "Dank Internet und Smartphone können wir uns heute jederzeit breit informieren und alle Angebote vergleichen. Wir definieren als informierte Nachfrager unser Versicherungsanliegen immer öfter selbstständig und greifen uns dann das passende Angebot" und weiter führt Greco aus, mit einem kleinen Seitenhieb auf seine Vorgänger im Amt: "In dieser neuen Welt stehen die Reputation der Marke und die Schnittstellen zu den Kunden im Mittelpunkt. Zurich betreut weltweit 80 Mio. Kunden. Seit ich 2016 ins Zurich-Management zurückkam, richten wir uns immer stärker und besser auf die Bedürfnisse des Kunden aus. Zum Glück haben wir noch nichts verpasst. Gerade jetzt bewegt sich der Markt massiv."

Greco kann sanieren, kann er auch Wachstum?

"Kann der Sanierer auch Wachstum" fragte ein großes Schweizer Wirtschaftsmagazin vor knapp einem Jahr und mit Blick auf die Performance der Zurich darf man heute sagen: "Iron-Mario" kann. Sorgen, dass in dieser sich neu formierenden Versicherungswelt kein Platz mehr für den mit 40 Mrd. US Dollar Nettoprämieneinnahmen größten Schweizer Versicherungskonzern bleiben wird, hat Greco nicht. Denn die Kapitalausstattung ist üppig, die Rendite passt und der Aktienkurs steigt seit Grecos Rückkehr kontinuierlich. Seit April 2016 von 181,40 Euro auf heute über 270 Euro, das Alltime-High von 311,80 Euro fest im Visier. Doch global stagniert der Versicherungsmarkt. Daher steht bei der Zurich unter Greco jetzt erst einmal der Umbau zu einem Servicedienstleister ganz vorne auf der Agenda: "Deshalb arbeiten wir ja mit Technologieunternehmen zusammen. Heute werkelt nicht mehr jeder für sich, sondern wir stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander. Aus einer zerteilten Geschäftswelt wird eine miteinander geteilte. Dabei ist wichtig, den Kunden nicht mehr für sich alleine zu wollen, sondern ihm in offener Kooperation mit ergänzenden Anbietern nützliche Dienstleitungen und Produkte zu unterbreiten." Konkret könnten in solchen Anbieterkooperationen Daten geteilt werden "natürlich mit Zustimmung der Kunden", wie Greco versichert, "und jeder kann dann darauf passende Produkte gestalten. Mit Energieversorgern und Telekommunikationsunternehmen zusammen etwas lassen sich Wohnhäuser leichter überwachen, Gefahren rechtzeitig erkennen und damit Schäden vermeiden. Gleiches gilt in Zusammenarbeit mit Autoherstellern für den Fahrzeugbereich. Mit diesem Vorgehen schaffen sich alle Kooperationspartner beim Kunden Vertrauen. Darin steckt der echte Nutzen", begeistert sich der 59-jährige für die neuen Perspektiven, die mit Blick auf den Kfz-Markt, Stichwort selbstfahrende Autos, für die Branche nicht wirklich rosig sein können. Aber Mario Greco ist entschlossen, diesen digitalen Stier bei seinen Hörner zu packen, wenn das Geschäftsfeld Fahrzeugversicherung erodieren könnte: "Das wird sogar mit Sicherheit erodieren. Aber das ist überhaupt nicht schrecklich. Wie bei der industriellen Revolution wird bei der digitalen einfach alles anders. Einiges verschwindet, anderes entsteht neu. Beim Taxidienst Uber sind wir einer von vier Versicherungspartnern. Aber im Fahrzeugbereich werden wir noch weit dramatischere Anpassungen erleben. Wenn aber am Ende weniger Schäden entstehen, haben doch alle etwas davon. Wir werden von einer Gesellschaft, die Schäden zahlt, zu einer, die Schäden verhindert, zu einer Servicegesellschaft", ist sich Greco sicher.     

„Der Kfz-Markt wird mit Sicherheit erodieren. Aber das ist überhaupt nicht schrecklich. Wie bei der industriellen Revolution wird bei der digitalen einfach alles anders. Einiges verschwindet,  anderes entsteht neu.“
Mario Greco
Dafür ist natürlich auch ein Revirement der Organisation unabdingbar. Greco hat dazu die Führung verschlankt, ganze Ebenen herausgenommen und er lässt direkt an sich selbst Bericht erstatten. Insgesamt hat Greco sechs der elf Konzernleitungsmitglieder neu berufen, und ein ehemaliger Mitarbeiter wird hier mit den Worten zitiert: "In den Konzernleitungssitzungen ist die Kompetenz massiv gestiegen, da wird jetzt wieder über Versicherungsfragen diskutiert". Die Konzentration auf Kompetenz ist für Greco ein Leitmotiv mit Querschnittcharakter, wenn er aus einem 2.000 Köpfe umfassenden Mitarbeiterpool, bei rund 53.000 Mitarbeitern im Konzern insgesamt, eine 40 Mann starke Truppe aus allen Bereichen zusammenstellen lässt, um völlig neue Wege für Produkte und Dienstleistungen entwickeln zu lassen. Das geschieht intern ohne externe Berater, denn Grecos Credo lautet beim Stichwort Consulting: "Wenn die unsere Strategie besser verstehen, haben wir ein Problem". Manch einer interpretiert dieses Vorgehen als Misstrauen, doch Greco will sich um den Laden selber kümmern  und seine Leute, auch wenn diese eng geführt werden und sich vielleicht nur noch als Befehlsempfänger empfinden. Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen, und die führt ein Perfektionist wie Greco lieber selber durch, als sich von Markt und Konkurrenz vor sich hertreiben zu lassen. Damit ab sofort und in der Zukunft der Satz gilt: Kann man ein Portrait über die Zurich schreiben ohne Mario Greco zu erwähnen? Nein, kann man nicht.