Quelle: picture alliance/AP Photo
Erschienen in Ausgabe 12-2018Trends & Innovationen

Schadenprisma November 2018

Kalifornien erlebt das schlimmste Waldbrandjahr seiner Geschichte

Von David GorrVersicherungswirtschaft

Paradise ist zur Hölle auf Erden geworden. Die Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern im Norden Kaliforniens wurde komplett zerstört. 6.000 Häuser brannten komplett nieder, mehr als 10.000 stehen nur noch zur Hälfte. Nach zwölf Stunden hatte die Feuerwalze fast 28 Kilometer zurückgelegt und dabei eine Fläche von 55.000 Hektar verwüstet. In der grauen Aschewüste sieht man derzeit nur Suchteams mit weißen Schutzanzügen, die mit Spürhunden durch das ziehen, was von der Ortschaft Paradise übrig ist. Sie stoßen täglich auf mehr Opfer: teils zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen, teils nur noch Knochen. Die Zahl der Toten durch das "Camp"-Feuer in Norden Kaliforniens ist inzwischen auf 65 gestiegen (Stand: 16.11.2018). Es ist jetzt schon das Feuer mit den meisten Toten in der Geschichte Kaliforniens seit Beginn der Aufzeichnungen. Das Feuer konnte sich auf etwa 600 Quadratkilometer Fläche ausbreiten, das entspricht zwei Dritteln der Fläche Berlins. 55 Prozent des Feuers wurden nach Angaben von Kaliforniens Feuerschutzbehörde inzwischen eingedämmt.
Im Süden Kaliforniens beim Promi-Wohnort Malibu nordwestlich von Los Angeles wütet das „Woolsey“-Feuer weiter, das „Hill“-Feuer im Bezirk Ventura nordwestlich von Los Angeles wurde eingedämmt. Die Villen von zahlreichen Stars, u.a. Thomas Gottschalk, Miley Cyrus und Gerard Butler sind abgebrannt. Doch die Showprominenz zeigt vollen Einsatz für den Durchschnittbürger. Einige Stars kochen für die Feuerwehrleute, die anderen spenden für den Wiederaufbau oder die evakuierten Menschen und Tiere, wieder andere halten motivierende Reden in den Notunterkünften und sorgen so für Hoffnung. 
Naturkatastrophen unterscheiden nicht zwischen Arm und Reich. Der Wert der abgebrannten Häuser unterscheidet sich jedoch enorm, was für die Versicherungswirtschaft von entscheidender Bedeutung ist. Je länger die Feuerwalze rollt, desto höher werden täglich die Schätzungen der Versicherungsschäden angesetzt. Morgan Stanley beziffert kurz nach Ausbruch der Katastrophe allein die Schäden für das „Camp“-Feuer in einer Höhe von vier Mrd. Dollar. Darauf kommt man, wenn man 8.000 zerstörte Häuser bzw. Gebäude mit einem durchschnittlichen Schadenwert von 500.000 US-Dollar berechnet. Moodys schätzte Mitte November die Kosten für Erst- und Rückversicherer für die drei Feuer „Camp“, „Woosley“ und „Hill“ auf sechs Mrd. Dollar. Credit Suisse kam auf zehn Mrd. Dollar, weil das Kreditinstitut noch Betriebsunterbrechungen und Kfz-Schäden einpreiste.

Versicherungsschutz wird zum Luxusgut

In Malibu, wo das „Woolsey“-Feuer wütet, muss zudem mit einem durchschnittlichen Schadenwert pro Haus von zwei Mio. Dollar gerechnet werden. Die Risikoanalysenfirma Risk Management Solutions kommt inzwischen auf einen versicherten Schaden, den die beiden Brände anrichteten, von 9 bis 13 Mrd. US-Dollar (7,9 bis 11,4 Mrd. Euro). Neben Wohngebäudeversicherern werden vor allem Hausrat- und Kfz-Versicherer zahlen müssen. In diesen Sparten sind State Farm, Farmers Insurance, Liberty Mutual und Allstate in Kalifornien führend. Europäische Rückversicherer haben sich nach den Waldbränden 2017 aus dem Markt verabschiedet, dürften demnach nicht stark betroffen sein. 2017 mussten Versicherer 16 Mrd. Dollar an Schäden durch kalifornische Feuer begleichen, das vierfache aus dem Schadenjahr 2016. Gleichzeitig sind die Beiträge in gefährdeten Gebieten um 217 Prozent gestiegen. Viele Versicherer haben die Auszahlungssumme stark begrenzt, andere Anbieter weigern sich, überhaupt Policen für Feuerrisiken anzubieten.  Nach Informationen des kalifornischen Versicherungsministeriums sind allein im Jahr 2016 in den kalifornischen Bezirken mit dem höchsten Brandrisiko 10.000 Verträge gekündigt worden. Die jährlichen Versicherungsauszahlungen überschritten die 1-Milliarde-Dollar-Schwelle bisher nur neunmal seit 1990. 2018 dürfte das vierte Jahr in Folge sein. Viele der kalifornischen Hausbesitzer haben ihre private Brandschutzversicherung verloren. Die vom Staat Kalifornien subventionierte Versicherung FAIR hat seit 2015 einen Zuwachs von 35 Prozent an neuen Policen zu verzeichnen.
Die anhaltenden Feuersbrünste in Mittel- und Südkalifornien haben bereits doppelt so viel Wald- und Besiedlungsfläche verbrannt wie 2017. Warum es immer wieder Kalifornien trifft, dafür gibt es drei wesentliche Gründe: Trockenheit, Vegetation und starke Winde. Die für den Sommer typische Trockenheit verlagerte sich in den letzten Jahren zunehmend in die Herbstmonate, weil der Regen ausblieb. Noch heißer ist es aber in Arizona, Colorado und New Mexico. Diese Staaten sind jedoch dünner bewachsen als Kalifornien, wo die Vegetation den Nährboden für die Ausbreitung des Feuers bildet. Als zusätzlicher Brandbeschleuniger dienen die starken Winde, die in diesem Jahr zum Teil Hurrikan-Stärke erreichten. Laut dem U.S. Climate Prediction Center besteht für halb Kalifornien im Allgemeinen ein permanentes erhöhtes Brandrisiko, bewohnt von 15,5 Millionen Menschen in Teilen von Los Angeles und San Jose. Mark Bove, Naturkatastrophen-Manager bei Munich Re America, ergänzt: "Kaliforniens Bevölkerung wächst und verteilt sich zunehmend in Gegenden, wo Feuer schneller entfacht. Und sie entfachen nur, weil der Mensch sich dort angesiedelt hat. 90 Prozent der Brände entstehen durch menschliches Versagen." US-Präsident Donald Trump hat für die schlimme Lage das Forstmanagement verantwortlich gemacht und nicht etwa den Klimawandel. Kaliforniens Feuerwehrverband hält dagegen, die Brände entstünden und verbreiteten sich nicht nur in Forstgebieten. Zudem seien fast 60 Prozent der kalifornischen Wälder unter Bundeskontrolle und rund ein Drittel in privater Hand.

Ein Land unter Feuer: Rot sind alle aktuellen Brände markiert. Schwarz sind die Flammen gekennzeichet, die allein 2018 loderten.
Ein Land unter Feuer: Rot sind alle aktuellen Brände markiert. Schwarz sind die Flammen gekennzeichet, die allein 2018 loderten.Quelle: Calfire

Ein Schuldiger mit geringer Haftpflicht-Deckung

Medien berichten, dass die Ursache für das „Camp“-Feuer defekte Stromleitungen oder andere fehlerhafte Anlagen des Stromversorgers Pacific Gas & Electric (PG&E) sind. Dokumentiert ist, dass Mitarbeiter des Unternehmens per Email über "Probleme mit Funken" am Tag vor Ausbruch des Feuers kommunizierten. Sollten sich das bewahrheiten, müsste das Unternehmen nach kalifornischem Recht für alle Schäden haften, unabhängig davon, ob es fahrlässig gehandelt hat oder nicht. Das kalifornische Amt für Forstwesen und Brandschutz beschuldigt PG&E durch ähnliche Mängel 16 Großfeuer im vergangenen Jahr ausgelöst zu haben. Der Energieversorger steht deshalb bereits in 200 Fällen vor Gericht. Erste Klagen gegen das Unternehmen in Bezug auf die neuen Brände wurden Mitte November eingereicht. Erst im August dieses Jahres hat PG&E als Zedent über den Bermuda-Anbieter Cal Phoenix Re eine Katastrophenanleihe platziert. Neu daran war, dass sie reine Risiken durch Feuer decken soll. Der 200 Mio. Dollar schwere Bond, der PG&E als Haftpflichtversicherung dient, dürfte bei weitem nicht ausreichen, um die Schäden zu begleichen. Insgesamt besteht eine Haftpflicht-Deckungssumme von 1,4 Mrd. inslusive der 200 Mio. Dollar via Verbriefung. Der Fall legt den Schluss nahe, dass Liability Risks eigentlich für Verbriefungen ungeeignet sind. Die Aktien des Unternehmens sind am 8. November von 42 Dollar inzwischen auf die Hälfte geschrumpft (Stand: 23.11.2018).

Oberförster im abgebrannten Paradies: US-Präsident Donald Trump glaubt, mehr Laub zu rechen, würde Feuer verhindern.
Oberförster im abgebrannten Paradies: US-Präsident Donald Trump glaubt, mehr Laub zu rechen, würde Feuer verhindern.Quelle: The White House / flickr