Erschienen in Ausgabe 12-2018Trends & Innovationen

Pokerhände

Von Dr. Dirk SolteVersicherungswirtschaft

Insurance 4.0, Big Data und Künstliche Intelligenz, IFRS 17 und Solvency II, IDD, Compliance. Eine vollständige Aufzählung dessen, was die Branche im wahrsten Sinne des Wortes bewegt, würde den Platz für das Briefing zum Heft wohl komplett für sich beanspruchen. Das Internet of Things verändert in einem verblüffenden Umfang das Bedürfnisprofil der Kunden genauso wie die Möglichkeiten, Produkte als Angebot darauf bereitzustellen.

Allein die beiden Megatrends der Digitalisierung und Mathematisierung haben eine so große Wirkung auf die Branche, dass sich das Schlagwort der Disruption etabliert hat. Vielfalt und Komplexität der Probleme in einem beschleunigten Wandel von Gesellschaft, Wettbewerb und Regulierung, in Kombination mit der kreativen Zerstörung durch Innovationen, sind so groß geworden, dass sie sich auf die Führung von Unternehmen auswirken. Ökosysteme und agile Methoden, diese Begriffe stehen für zwei mögliche Lösungsoptionen.

Zum einen die Verteilung von abgegrenzten Aufgaben in einer Wertschöpfungskette auf spezialisierte Dienstleister. Dieser Managementansatz, etwa so häufig anzutreffen wie Rechtshänder, leitet sich aus der „alten“ Strategie des Divide and Conquer ab. Dazu bedarf es der Kernkompetenz der Integration und dafür einer geeignet organisierten Führungscrew mit dem dafür erforderlichen Wissen. Der CDO ist eine logische Konsequenz dieses Ansatzes, bei der die Führungsaufgaben abgegrenzt werden. Hierzu wird das Ziel des unternehmerischen Wandels definiert, abgestimmt, dessen Operationalisierung vorgegeben und dann über ein Controlling verfolgt. Dies alles erfordert genügend Zeit und eine ausreichende Sicherheit bei dem Ziel und dem dafür eingeschlagenen Weg. Ist man sicher, kann man Vollgas geben.

Mit Agilität wird versucht, sich dem Problem der Unsicherheit bei dem Ziel durch das Setzen einer auf permanenten Wandel ausgerichteten Strategie zu stellen. Ist das Ziel noch richtig, wenn ein Projekt zum Abschluss kommt, wenn ein Ökosystem aufgebaut ist, dass an die zuvor spezifizierten Anforderungen angepasst ist? Die agile Vorgehensweise soll Moving Targets über die Ermöglichung schneller Kurswechsel beherrschbar machen. Dazu werden einem Team inkrementell Zielpunkte vorgegeben, die Auswahl des Weges obliegt dem Team. Nach einem Inkrement wird der nächste Zielpunkt gesetzt, das Team fährt und steuert. Dieser Ansatz setzt Vertrauen voraus, Vertrauen in das Team, auf diesem Weg auch anzukommen, aber auch Vertrauen in die Strategie und Führung, Vertrauen auf eine Fehlerkultur ohne Schuldzuweisung. Es ist ein „anderer“ Ansatz, vielleicht inzwischen so häufig wie Linkshänder, der es schwer hat, in bestehenden Führungsstrukturen erfolgreich gelebt zu werden.

Ein Beratungstrend setzt darauf, die beiden skizzierten Führungsextreme unter dem Schlagwort „Ambidextrie“ zu kombinieren, ein beidhändiges Management of Change. Dabei kommt es wie so häufig im Leben darauf an, die richtige Balance zu finden. Ein Ende der Beschleunigung ist nicht in Sicht, die Herausforderung bleibt: Ein resilientes, anpassungsfähiges Unternehmen gestalten.