Gesicht bewahren: Auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires prallen unterschiedliche Interessen aufeinander. Kompromisse sind selten.
Gesicht bewahren: Auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires prallen unterschiedliche Interessen aufeinander. Kompromisse sind selten.Quelle: The White House / Shealah Craighead / flickr
Erschienen in Ausgabe 12-2018Schlaglicht

Probleme der Welt an einem Tisch

Handelskonflikte, Währungskrisen und politische Unruhen verursachen wirtschaftlich auch im kommenden Jahr enorme Verluste. Versicherern bietet sich die Chance für gute Geschäfte.

Von Mathias Pahl und Sven KrauseVersicherungswirtschaft

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Weltweite geopolitische Spannungen haben in den letzten Jahren zu einem deutlichen Anstieg der damit verbundenen unternehmerischen Verluste geführt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Beispielhaft genannt seien die von der US-Regierung angezettelten Handelskonflikte mit China und Europa, neue Sanktionen gegen Russland oder die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran. In Ländern wie Jordanien, Brasilien und Mexiko mündeten steigende Ölpreise in öffentliche Krawalle, Streiks und Protestwellen. Jüngstes Beispiel ist die Währungskrise in der Türkei, welche sich gerade zu einer Kreditkrise auszubreiten droht.  
Nach dem „Political Risk Survey 2018“ – einer Studie von Willis Towers Watson in Zusammenarbeit mit Oxford Analytica – hatten gut ein Drittel (35 Prozent) der befragten Unternehmen in den letzten Jahren Verluste aufgrund von politischen Risiken zu verzeichnen. Unter den Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar hatten sogar mehr als die Hälfte (55 Prozent) der befragten Unternehmen Verluste durch politische Risiken zu verzeichnen. Dabei mussten 43 Prozent der befragten Unternehmen sogar Ausfälle von mehr als 100 Millionen US-Dollar verkraften. Der am häufigsten genannte Grund für Einbußen war dabei der Wechselkurstransfer (60 Prozent), gefolgt von Verlusten durch politische Gewalt (48 Prozent) und Import-/Exportembargos (40 Prozent). Während Studienteilnehmer in Russland und Vietnam die meisten Schadenfälle meldeten, gab es ebenso Verluste in ganz Europa, Lateinamerika, dem Wirtschaftsraum Asien-Pazifik, Afrika und dem Nahen Osten zu verzeichnen. Ähnliche Zahlen legte auch die Berne Union (Internationaler Verband der Kredit- und Investmentversicherer mit 84 Mitgliedern aus 73 Ländern) vor. Es überrascht nicht, dass die meisten Schäden in den letzten fünf Jahren in Russland, der Türkei, Venezuela und Vietnam entstanden sind. Insbesondere in Russland gab es in den letzten Jahren zahlreiche Enteignungen im Rohstoffsektor.

Welt-Risikokarte: Unternehmen erwarten Verluste durch politische Risiken nahezu auf allen Kontinenten.
Welt-Risikokarte: Unternehmen erwarten Verluste durch politische Risiken nahezu auf allen Kontinenten.Quelle: Willis Towers Watson - How are leading companies managing today’s political risks? - 2018 Survey and Report

Brandherde hängen alle zusammen

Um zu verstehen, mit welchen geopolitischen Bedrohungen sich Versicherer und Unternehmen 2019 auseinanderzusetzen haben, hilft zunächst ein kurzer Rückblick auf die Ereignisse 2018. Das erste Halbjahr war geprägt durch das Auftreten von mehr oder weniger gleichzeitig auftretenden Ereignissen:

  • Anstieg des Preises für Brentöl auf mehr als 80 US-Dollar pro Barrel
  • Anstieg der Verzinsung für zehnjährige US-Anleihen auf drei Prozent
  • US-Sanktionen und Handelskriege
  • Populistische und nationalistische Tendenzen in Europa
  • Zunehmende politische Unsicherheiten im Mittleren Osten

Diese Ereignisse werden ihre volle Wirkung erst in 2019 entfalten und zu folgenden Konsequenzen führen:  
Bedingungen für rohstoffimportierende Länder:
Während erdölexportierende Länder von einem Preisanstieg zunächst profitieren, sind Länder, die von der Einfuhr von Erdöl (beziehungsweise von Rohstoffen) abhängen, wie z.B. Indien, Japan, China oder die Türkei mit einer Verschlechterung ihrer Handelsbilanzen sowie mit einem Rückgang der Profitabilität des Unternehmenssektors konfrontiert. 
Verschlechterte Investitionsbedingungen: Hinzu kommt, dass gerade rohstoffimportierende Schwellenländer seit Anfang 2018 auch unter dem verminderten Appetit internationaler Investoren leiden. Bisher hatte eine lockere Geldpolitik der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) die Kapitalströme in Schwellenländer unterstützt. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) sind 260 Mrd. US-Dollar an Portfolioinvestitionen in Schwellenländern auf die unkonventionelle Geldpolitik der Fed zurückzuführen. Viele Schwellenländer haben diese sehr günstigen externen Finanzierungsbedingungen zum Schuldenabbau und / oder zur Ansammlung von Devisenreserven genutzt, um ihre Anfälligkeit zu reduzieren. Allerdings sind andere Länder, deren Außenhandelsungleichgewichte sich weiter vergrößert haben, durch die derzeitige Verschärfung der monetären Bedingungen anfälliger für eine Verringerung der Kapitalzuflüsse. Für die am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmen erschwert dies die Refinanzierung auf den Kapitalmärkten und benachteiligt produktive Investitionen. Dies hat insbesondere Unternehmen in Argentinien und der Türkei getroffen. So hat die Türkische Lira 2018 mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Wenn die Geldzuflüsse weiter stocken, kommt die Türkei in ernsthafte Schwierigkeiten. Indien und Sri Lanka könnten folgen: Ihre Handelsbilanzen werden durch eine robuste Binnennachfrage und höhere Energiepreise belastet.
Erhöhte soziale Risiken – politischer Wandel: Lenkt man den Blick noch auf Länder mit erhöhten sozialen Risiken, welche den Grad der Frustration einer Bevölkerung bemessen und somit einen Indikator für einen politischen Wandel bilden, so sind hier an erster Stelle Länder wie Iran, Saudi-Arabien, Russland, Ägypten, Algerien, Mexiko und Brasilien zu nennen. Dabei steht insbesondere Brasilien nach der Präsidentschaftswahl im Oktober im Rampenlicht. Last but not least werden wachsende politische Unsicherheiten die Lage weiter verschärfen.
Druck auf globale Lieferketten im Automobilsektor: Wenn die USA beschließen, die Zölle auf alle Importe zu erhöhen, um das Handelsdefizit einzudämmen, werden nicht nur Japan, Kanada, Mexiko, Deutschland, Südkorea und Großbritannien besonders betroffen sein. Denn der Automobilsektor ist stärker als jede andere Branche in die globale Wertschöpfungskette integriert. Wenn also deutsche Exporteure von US-Zöllen betroffen sind, werden ihre Zulieferer mit Sitz in der Tschechischen Republik, der Türkei oder Spanien ebenfalls betroffen sein. 
Innereuropäische Spannungen: Europa droht die Fragmentierung intern mit dem Aufkommen populistischer Parteien, aber auch von außen. Die Euroskeptiker rund um die Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega in Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft in der Eurozone, sorgten mit ihrem Vorstoß zur Erhöhung der Staatsschulden für Aufruhr. Präsident Trump, der sich aufgrund seines Handelsüberschusses explizit auf Deutschland konzentriert, wird Ländern wie Frankreich, die sich für mehr Umverteilung innerhalb Europas einsetzen, mehr Verhandlungsmacht geben. Die Ziele derer, die sich für mehr Integration einsetzen (Frankreich), der Befürworter des Status Quo wegen politischer Blockaden (Deutschland und Spanien) und derjenigen, die sich zurückziehen wollen (Italien), werden sich deutlich unterscheiden, was zu weiteren innereuropäischen Spannungen führen wird. 
„Bilateralisierung von Handelsbeziehungen“: Mittel- und langfristig werden ein uneiniges Europa und die “Bilateralisierung” von Handelsbeziehungen (China, USA und Russland gegen den Rest der Welt) die politischen Risiken weiter nähren. Und nicht zuletzt Zinserhöhungen (außer in Europa) werden zu größeren Risiken führen.

Spielball der Großmächte: Politische Risiken aus  Unternehmenssicht.
Spielball der Großmächte: Politische Risiken aus  Unternehmenssicht.Quelle: Willis Towers Watson - How are leading companies managing today’s political risks? - 2018 Survey and Report

Weiterer Schadensanstieg ist zu erwarten

Ökonomische und politische Ereignisse werden immer stattfinden. Private und staatliche Versicherer sind letztlich dazu da, um mittels Versicherungsschutz negative Markttrends zu kompensieren. Im Jahr 2017 haben sich die Schadenzahlungen im Vergleich zu 2016 fast verdoppelt. Am ersten Halbjahr 2018 ist erkennbar, dass sich dieser Trend eindeutig fortschreibt. Die Versicherer müssen insoweit mit einem weiteren Anstieg der Schäden rechnen. Die größte Herausforderung für Versicherer ist, die richtige Balance zwischen adäquater Risikoübernahme und damit einhergehender Prämienerwartung auf der einen Seite und Schadenerwartungen auf der anderen Seite zu finden, um den Bedürfnissen der Unternehmen gerecht zu werden. Darüber hinaus beeinflussen zunehmend regulatorische Einflüsse die Verfügbarkeit von Versicherungsschutz. Das Thema Compliance ist ein nicht zu vernachlässigender Fakt, an den sich alle Marktteilnehmer zu halten haben, um sicherzustellen, dass Sanktionen und Gesetze eingehalten werden, was letztlich dazu führt, dass sich die Prozesse verlangsamen.

Unternehmen: Vermeidungsstrategie statt Absicherung?

Risikomanager von weltweit tätigen Unternehmen sind beinahe täglich mit neuen Bedrohungen konfrontiert. Dabei muss ihnen der Spagat gelingen, einerseits die sich bietenden Chancen in aufstrebenden Märkten zu wahren, neue Absatzmärkte zu erschließen oder im Ausland zu investieren und andererseits vorhersehbare Risiken zu vermeiden. Die richtige Einschätzung von Risiken gehört zum Handwerkszeug eines jeden Risikomanagers. Die vielfältigen, z.T. sogar die Existenz des Unternehmens bedrohenden politische Risiken sind dabei am schwersten einzuschätzenden.
Der Einkauf von Versicherungen gegen politische Risiken kann hierfür einen Ausweg bieten. Entsprechende Deckungen stehen aber immer dann zur Verfügung, wenn die langfristige Risikoeinschätzung der Versicherer im Einklang mit den zu vereinnahmenden Prämien steht. Jedoch bieten Versicherungsmärkte nicht immer einen adäquaten Versicherungsschutz an. Für Länder wie beispielweise Iran, Russland, Nigeria oder Venezuela bieten Versicherer momentan entweder überhaupt keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Versicherungsschutz an. Für die Türkei beginnen sich die Märkte bereits zu verhärten.
Die betroffenen Unternehmen müssen dann entscheiden, ob sie sich aus unsicheren Ländern zurückziehen, während ihre Wettbewerber die Chance nutzen und ihre Handelsbeziehungen mit Unternehmen, Banken und Staaten fortführen. Der Political Risk Survey von Willis Towers Watson zeigt, dass Unternehmen besonders in den vorgenannten Ländern häufig auf Vermeidungsstrategien setzen. So gaben größere Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar an, mit solchen Vermeidungsstrategien zu arbeiten – 68 Prozent aller Befragten (und sogar 82 Prozent der Großunternehmen) verringerten ihre Investitionen, 75 Prozent (86 Prozent der Großunternehmen) vermeiden zukünftige Investitionen komplett. Für Versicherer, die keine adäquaten Deckungen für solche Risiken anbieten, wiederum bedeutet dies, dass ihre Wachstumschancen in diesem Bereich begrenzt sind, weil Unternehmen stärker auf Risikovermeidungsinstrumente als auf Risikoabsicherung setzen.

Absicherung ist gefragter denn je: Der Einfluss von politischen Risiken auf Investitionsentscheidungen der Unternehmen.
Absicherung ist gefragter denn je: Der Einfluss von politischen Risiken auf Investitionsentscheidungen der Unternehmen.Quelle: Willis Towers Watson - How are leading companies managing today’s political risks? - 2018 Survey and Report

Verluste durch Politik nicht dem Schicksal überlassen

Der Anstieg der politischen Risiken bedeutet für international agierende Konzerne eine wiederkehrende monetäre Aufwendung. Wenn diese Werte weiterhin steigen, stehen die Unternehmen unter dem zunehmenden Druck der Aktionäre, mehr Transparenz über die tatsächlich entstandenen Verluste zu schaffen. Unternehmen müssen also in der Lage sein, diese Risiken zu erfassen, zu quantifizieren und zu steuern, um anschließend Lösungsstrategien zu entwickeln. Versicherern, die hierfür passende Angebote erarbeiten, bieten sich entsprechende Wachstumschancen. Konzerne setzen sich typischerweise mit dem Management von konjunkturellen – nicht politischen – Risiken auseinander. Mit der steigenden Verlustgefahr können diese jedoch nicht mehr von der exekutiven Entscheidungsfindung ausgeschlossen werden. Die Maßnahmen zur politischen Risikominimierung müssen Teil der exekutiven Entscheidungsfindung werden und sollten nicht mehr nur als unvermeidliche operative Kosten in einem herausfordernden Umfeld angesehen werden.