Dr. Andreas Jahn, Chef der SV Sparkassenversicherung
Dr. Andreas Jahn, Chef der SV SparkassenversicherungQuelle: SV Sparkassenversicherung
Erschienen in Ausgabe 11-2018Köpfe & Positionen

"Persönliche Beratung werden nicht alle bieten können"

Im Profil: Andreas Jahn, Vorstandsvorsitzender der SV Sparkassenversicherung

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft
Kann Dr. Andreas Jahn in die Zukunft schauen? Wer bereits 2001 unter dem Wirtschaftswissenschaftler und Großmeister der "Versicherungsbetriebslehre", Prof. Dieter Farny (21.2.1934 Karlsruhe - 13.12.2013 Köln), an der Universität zu Köln mit 33 Jahren zum - damals noch reichlich unbeachteten - Thema "Klimaänderungen: Wirkungen und Handlungsoptionen deutscher Versicherungsunternehmen" promoviert wurde, und der 17 Jahre später Vorstandsvorsitzender beim größten regionalen Gebäudeversicherer wird, der beweist ganz einfach den "richtigen Riecher" und hat nicht nur eine Vision, sondern sicher auch einen Plan. Seit erstem Juni 2018 ist der smarte Jungmanager, und als solchen darf man Andreas Jahn trotz seines soeben gefeierten 50. Geburtstags noch nennen, Vorstandsvorsitzender der SV Sparkassenversicherung in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart und damit Herr über rund 5000 Mitarbeiter. Jahn folgt auf Ulrich-Bernd Wolff von der Sahl, der dem von ihm und Manfred Haas 2004 gegründeten Unternehmen dreizehn Jahre lang selbst als Chef vorstand. In seinen sechs Jahren als Mitglied des Vorstandes und hier zuständig für das Ressort Vertrieb hat sich Andreas Jahn schon frühzeitig als Kronprinz positioniert, nun kann er seine eigenen Pläne realisieren und die SV Sparkassenversicherungen in das heraufziehende Digitalzeitalter führen. Doch die Schuhe, die Wolff von der Sahl nach der Fusion von SV Hessen-Nassau-Thüringen mit den SV Versicherungen in Baden-Württemberg zur heutigen SV Sparkassenversicherung hinterlassen hat - der ersten bundesländerübergreifenden Fusion unter den öffentlichen Versicherern überhaupt - sind nicht gerade klein: 3,9 Millionen Kunden halten 7,8 Millionen Versicherungsverträge. Diese lösen Beitragseinnahmen in der Höhe von 3,4 Milliarden Euro aus, wovon 2,3 Mrd. Euro als Versicherungsleistungen wieder an die Kunden retourniert werden. Bei der Gebäudeversicherung in den Regionen ist man Marktführer und zweitgrößter Anbieter von gewerblichen Feuerversicherungen. Diese alte Latifundie hat die SV ebenfalls einem Visionär zu verdanken: 1758 gründete Markgraf Karl Friedrich von Baden in Karlsruhe die Badische Gebäudeversicherungsanstalt (Brand-Assecurations-Societät). Die intensive Feuerwehrförderung der SV ist deshalb heute nicht nur eine Präventions- oder gar Marketingmaßnahme, sondern als traditionelles Erbe im genetischen Code verankert. Im Reigen der Öffentlichen Versicherer hält man Platz drei und Platz vier im Segment der Sachversicherer. Das sind Landmarken, an denen sich Andreas Jahn messen lassen muss.

Promotion als Sprungbrett in die Vorstandsetage

Jahn, der so gar nicht dem Klischeébild eines Sparkassendirektors entspricht, vielmehr könnte der Marketingexperte mit der markanten Physiognomie auch als Dressman für Herrenmode durchgehen, hat das Versicherungsgeschäft von Grund auf gelernt. Geboren wurde Andreas Jahn am 15. September 1968 in Leverkusen. Auf das Abitur 1987 folgte eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei der Victoria Versicherung AG in Düsseldorf im Bereich "Technische Versicherung". Nach einem Jahr dortselbst bewältigte Jahn im gerade wiedervereinigten Deutschland seinen Grundwehrdienst um ab 1991 an der Universität zu Köln das Studium der Betriebswissenschaftslehre aufzunehmen und 1996 mit dem Kaufmannsdiplom abzuschließen. Hier war die akademische Karriere des Rheinländers aber noch nicht abgeschlossen: Es folgte ein Promotionsstudium bei Prof. Farny am Seminar für Versicherungslehre, welches Jahn mit einem Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften krönte. Damit war der Weg in die oberen Etagen der Versicherungswirtschaft geebnet und die Assistenz des Vorstandsvorsitzenden der Ergo Versicherungsgruppe fast eine zwangsläufige Selbstverständlichkeit. Zu Beginn des Jahres 2004 erst zum Prokuristen ernannt, ging es ab da in zweijährigem Rhythmus immer weiter hinauf auf der Karriereleiter: Ab 2005 wurde Andreas Jahn Leiter des Bereichs "Strategie und Konzernentwicklung", danach Leiter der Ergo Bankenkooperation zuständig als Direktor für die operative Führung aller drei Victoria-Gesellschaften. Dieses dort in der Kooperation mit der HypoVereinsbank erworbene Know-how wird später noch eine der Schlüsselkompetenzen für den Job als Vertriebsvorstand im Allfinanzgeschäft der SV werden. Und wieder wird deutlich, Andreas Jahn hat einen Plan und diesen verfolgt er kontinuierlich.

"Digitalisierung ist kein Selbstzweck"

Auf den klassischen Adel folgt nun der Klassische Macher, der das Ruder im Glaspalast am Stuttgarter Löwentor übernommen hat, durchsetzungsfähig in der Sache und konziliant im Ton. Die SV hat sich mit Andreas Jahn quasi neu erfunden, für eine erste Bilanz des Jahn´schen Wirkens ist es allerdings noch deutlich zu früh. Das erste unter seiner Verantwortung stehende Geschäftsjahr ist kaum ein halbes Jahr alt und die mit Spannung erwarteten Zahlen werden erst im Mai nächsten Jahres präsentiert. Auf die Frage, ob sich nun, nach sechs Jahren als Vertriebschef mit der Berufung als Chief Executive Officer etwas wesentlich verändert habe, antwortet Jahn im Interview mit dem internen Mitarbeitermagazin "Impuls": "Einerseits nicht viel und irgendwie doch eine ganze Menge. Als Vorsitzender des Vorstandes bin ich ja weiterhin Teil des Vorstandsteams und wir arbeiten wie vorher gemeinsam daran, unsere SV auf Erfolgskurs zu halten. Andererseits hat man als Vorstandsvorsitzender schon eine besondere Rolle und Verantwortung. Ich spüre eine gewisse Erwartungshaltung im Hinblick auf Themen, die ich jetzt als Erstes angehen werde." Auf die Nachfrage, wohin denn konkret die Reise der SV unter seiner Regie führen wird, Stichwort Digitalisierung, und wie Jahn gedenkt den Mitarbeitern die Sorgen vor disruptiven Veränderungen zu nehmen, antwortet der Manager: "Haben Sie Vertrauen! Warum steht die SV derzeit so gut da? Weil wir vieles richtig gemacht haben in den letzten Jahren. Das zeigen unsere Zahlen und auch die Zufriedenheit unserer Eigentümer." Um aber bescheiden anzufügen: "Aber beides ist kein dauerhaftes Geschenk, sondern wir müssen jeden Tag daran arbeiten, dass es so bleibt. Es gilt, unsere Ertragskraft weiter zu stärken. Andererseits wollen wir an der Zukunftsfähigkeit unserer SV arbeiten, damit wir auch noch in fünf und zehn Jahren erfolgreich sind. In diesen Zusammenhang ordne ich auch die Digitalisierung ein. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Es geht hier, wie bei allen Veränderungen in der SV, darum, besser zu werden zum Nutzen unserer Kunden, Vertriebspartner und im Ergebnis natürlich auch für unsere Eigentümer. Anfang Juni haben wir im Vorstand hierzu intensiv diskutiert und eine gemeinsame Sicht auf die wichtigsten Themen und Handlungsfelder der nächsten Jahre erreicht. Damit haben wir festgelegt, wohin die Reise der SV geht. Das wird unser Orientierungsrahmen für die kommenden Jahre sein." Konkret geht es bei dieser Agenda um sechs Bereiche, die Jahn mit seinem Vorstandsteam vereinbart hat: Ertragreiches Wachstum in der SV Gebäudeversicherung und Stärkung der Ertragskraft in der SV Lebensversicherung. Im Bereich Personalentwicklung und Ressourcensteuerung sollen die Mitarbeiter fit gehalten werden und sogar neue hinzugewonnen werden, vermutlich aus dem Feld der IT. Einfache und schnelle Prozesse sollen den Kontakt zu den Kunden sichern und diesen im Schadenfall unbürokratisch konkrete Hilfe zuteil werden lassen. Dabei spielt das Medium, Dank Multikanal, keine Rolle, die Kommunikation soll ebenfalls einfach und schnell organisiert werden. Sechstens schließlich will man als aktiver Partner die Sparkassen in der digitalen Transformation unterstützen.

Abschalten und Plän schmieden beim Sport

Begeisterung für den Sport im Allgemeinen und ein Faible fürs Laufen im Besonderen haben viele Topmanager, so auch Andreas Jahn. "Ich war eigentlich immmer sportlich", bekennt der verheiratete Vater zweier Töchter ohne Übertreibung. "Bis in meine Jugend habe ich täglich trainiert, bin Mittel- und Langstrecke gelaufen und habe zusätzlich Handball gespielt. Aber dann wurden andere Dinge wichtiger und ich bin eher in die passive Sportphase gewechselt, das heißt Sport primär vor dem Fernseher". Daneben gab es auch ein Intermezzo als Rennradfahrer, was Jahn aber nach seinem Wechsel zur SV aufgegeben hat, bzw. wegen Zeitmangel aufgeben musste, schließlich steht auch die gemeinsame Zeit mit der Familie ganz oben auf der persönlichen Agenda und da gilt es Prioritäten zu setzen. Heute läuft Jahn aber wieder und zwar gerne zusammen mit seinem Fahrer Martin Stortz und das kam so: Beim alljährlichen Weihnachtsessen zwischen Hauptgang und Dessert kam das Gespräch, wohl angesichts der einverleibten Kalorien, auf gute Vorsätze und die üblichen Absichtserklärungen, man müsse mal wieder mehr Sport machen. "Am nächsten Morgen hatten die Kollegen und ich dann eine Einladung zum Joggen im Kalender und keiner hat sich getraut, abzusagen", erinnert sich Jahn an den damaligen Startschuss, "so sind wir einige Tage später zu fünft nach der Arbeit im Rosensteinpark laufen gewesen". Heute läuft Andreas Jahn, wenn es der Terminkalender zulässt, zwei- bis dreimal pro Woche, gerne auch abends direkt von der SV aus. Weinberge, Parks und Gartenkolonien liegen fußläufig rund um die Konzernzentrale verstreut und laden zum Joggen ein. "Wenn wir uns abends zum Laufen für den frühen Morgen verabredet haben, gibt es beim Klingeln des Weckers keine Wahl. Und das ist gut so. Wenn ich morgens vor der Arbeit schon laufen war, starte ich zufrieden und mit klarem Kopf in den Tag", bekennt Jahn freimütig, ausserdem: "Wenn ich laufe, kann ich sehr gut abschalten, aber auch in Ruhe über einige Dinge nachdenken, die mir so durch den Kopf gehen", um schließlich zu resümieren: "Die SV hat mir sehr gut getan. Ich bin deutlich fitter als vor sechs Jahren und die Arbeit bei der SV macht mir viel Spaß". Keine Frage aber, dass, wenn Andreas Jahn läuft, er dies nicht nur zum Vergnügen macht, Wettbewerb gehört einfach auch dazu. Beim 42. Sparkassen Marathon in Heidelberg, bei dem 2017 rund 3000 Läufer starteten, ging Andreas Jahn mit einer Zeit von 1:40:59 auf der Halb-Marathondistanz als 121. im Gesamtklassement und als 23. in seiner Altersgruppe über die Ziellinie. Die ist sicher noch Luft nach oben, aber viele Vorstandskollegen werden ihm bei dieser Großanstrengung wohl nicht mehr folgen können. Dieser Manager geht seinen Weg und er weiß wohin er ihn führt, auch wenn dieser Weg nicht immer gerade aus verläuft, denn: "Veränderungen gehören zum Leben dazu", weiß Jahn.
„Vor 30 Jahren war das Arbeiten ein völlig anderes als heute. Vor allem die Kundenerwartungen haben sich geändert. Und sie werden sich weiter verändern.“
"Wenn ich an meine ersten Jahre in der Versicherungswirtschaft denke, das ist jetzt 30 Jahre her, war das Arbeiten ein völlig anderes als heute. Vor allem die Erwartungen unserer Kunden haben sich im Laufe der Zeit geändert. Sie werden sich weiter verändern und damit neue Anforderungen an uns stellen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Werte und Erfolgsfaktoren über Bord werfen sollten. Im Gegenteil, diese bilden die Grundlage unserer Veränderung. Ich denke da vor allem an unsere Präsenz in der Fläche und das Vertrauen unserer Kunden in die SV als Teil der S-Finanzgruppe und als ehemaligen Gebäude-Monopolversicherer. Die persönliche Betreuung und Beratung wird gerade in Zeiten der Digitalisierung wichtiger werden, weil das eben nicht alle bieten können. Wir sollten daher noch bewusster als bisher unsere Kunden in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen. Ändern sich die Anforderungen unserer Kunden und Vertriebspartner, bedeutet das für uns die notwendige Veränderungsbereitschaft. Veränderung bedeutet auch immer die Wahrnehmung von Chancen. Um diese Chancen ergreifen zu können, gilt es aus meiner Sicht, die Veränderung aktiv zu gestalten."  
Kann also Andreas Jahn in die Zukunft schauen? Wohl eher nicht. Aber als Vorstandsvorsitzender der SV Sparkassenversicherung mit ihrer 260-jährigen Tradition, mit ihrer starken Verankerung in den Regionen und kontrolliert von ihren öffentlichen Stakeholdern ist Jahn an der Basis geerdet. Das bewahrt vor abgehobenen Entscheidungen und führt zur Erkenntis: Die Zukunft wird der Vergangenheit ähnlich sein (frei nach F. Schleiermacher), aber digital. Und wer einen Plan hat, der muss gar nicht in die Zukunft schauen können, denn er gestaltet sie selbst.