Erschienen in Ausgabe 11-2018Zur Debatte

„IFRS17 macht es unmöglich, alte Wege weiterzugehen“

Von Henri Wajsblat, Leiter Financial Services Solutions, Anaplan

Von Henri WajsblatVersicherungswirtschaft

Der International Financial Reporting Standard 17 ist nicht nur eine weitere Regulierung. Er wird die Art und Weise, wie Versicherer weltweit agieren, grundlegend verändern. Im Kern schafft IFRS17 einen international einheitlichen Standard für die Rechnungslegung von Versicherern. Wo bisher jeder regionale Markt Finanzahlen auf seine eigene Weise veröffentlicht, können Regulierungsbehörden die Leistungen von Versicherungsunternehmen künftig weltweit vergleichen – beispielsweise zwischen Großbritannien und Australien. Die Harmonisierung des Systems ist für die Versicherungsunternehmen allerdings mit Kosten verbunden. Bis zum Stichtag müssen sie eine komplexe Compliance-Aufgabe meistern. Der Schlüssel zum Erfolg ist, diese Herausforderung durch einen vernetzten Planungsansatz zu bewältigen.

Die Einführung von IFRS17 erfolgt am 1. Januar 2021. Der Weg zur Einhaltung der Vorschriften wird lang, daher müssen sich die Unternehmen bereits jetzt auf diesen Weg machen. Die neue Regulierung stellt eine systemische Veränderung in der Bewertung von Versicherungsverträgen dar – mit Auswirkungen auf Erst- und Rückversicherer. Sie erfordert eine umfassende Überarbeitung der finanz- und versicherungsmathematischen Systeme, der Prozesse, der Bilanzierungs- und Offenlegungsgrundsätze. Die Einhaltung von IFRS17 hat sich daher schnell zu einer hohen Geschäftspriorität entwickelt. Die Auswirkungen werden in der gesamten Wertschöpfungskette des Finanzwesens spürbar sein: von Finanzierungskalkulationen über die Buchhaltung, bis hin zu Kostenermittlung, Planung, Prognose und Berichterstattung. Angesichts des großen Umfangs und der Komplexität der erforderlichen Änderungen tickt der Countdown für Versicherungsunternehmer weltweit: Bis 2021 müssen Finanzabteilung und Versicherungsmathematiker viel enger zusammenarbeiten, um ihren Weg zur Einhaltung des neuen IFRS17-Standards zu planen und die Architekturlücken innerhalb der IT-Infrastruktur zu bewerten.

Die Tech-Patch-Falle

IFRS17 stellt hohe Anforderungen an Transparenz- und Berichterstattung. Um diese zu erfüllen, müssen die Versicherer wesentlich höhere Datenmengen erzeugen und verarbeiten. Zudem müssen sie die Qualität dieser Daten verbessern. Die Art und Weise, wie Informationen gesammelt, gespeichert und analysiert werden, muss sich vollständig ändern. Beispielsweise sind die heute verwendeten IT-Architekturen in den Bereichen Finanzen, Versicherungsmathematik und Risikomanagement häufig isoliert und stützen sich auf (ver-)altete Werkzeuge, die nicht flexibel genug sind, um die detaillierten Anforderungen von IFRS17 zu erfüllen. Eine Versuchung besteht darin, die bereits eingesetzten Tools kurzfristig zu aktualisieren. Wie ein Pflaster auf einer undichten Wasserleitung mag dies auf kurze Sicht wie eine einfache und kostengünstige Antwort erscheinen. Aber im Laufe der Zeit kann sich ein solches Vorgehen als sehr kostspielig und riskant erweisen: Silos ziehen oft manuelles (und daher fehleranfälliges) Datenmanagement nach sich.

Zudem stellt IFRS17 hohe Anforderungen an die Zukunft: Die neue Regulierung führt das Konzept einer vorausschauenden Betrachtung der Finanzdaten ein. Cash-Flow-Modellierung und -Prognose, Konsistenz der Planungs- und Prognosemodelle mit dem neuen externen Berichtsrahmen, die Möglichkeit, die Auswirkungen eines neuen Produkts zu simulieren oder eine Änderung der Preisgestaltung auf den IFRS17-Abschluss zu simulieren: all dies sind wichtige Anforderungen an die Funktionalität der Technologie im Rahmen der neuen Vorschriften. Versicherer sollten nicht versuchen, dies mit einem bestehenden Set von Silo-Lösungen zu erreichen.

Was gehört also auf die Checkliste für diese Reise bis 2021? Bis zum Ablauf der Frist sollten Versicherer ihre Anforderungen an eine mögliche technologische Lösung – speziell im Hinblick auf Margenkalkulationen oder auch IFRS17-konforme Buchhaltungssysteme und Kostenverteilungen – sehr genau kennen. Sie sollten ihre Planungs-, Forecasting- und Managementdaten an die neuen IFRS17-relevanten Kennzahlen anpassen. Dies bildet die Grundlage für die IFRS17-geforderten Berichte und Veröffentlichungen. Im Rahmen der Implementierung all dieser verschiedenen Funktionen müssen die Versicherer Sensitivitätsanalysen und -simulationen, Szenariomodelle und IFRS17-Folgenabschätzungen für alle wesentlichen geschäftlichen Änderungen durchführen.

Abhängigkeit von stark manuellen Prozessen muss sich ändern

Um mit dieser neuen Verordnung im Einklang zu sein, müssen Versicherer künftig große Datenmengen aus einer Vielzahl von Quellsystemen zusammenführen und orchestrieren. Dieser Datenschatz entsteht sozusagen als „Abfallprodukt“ der neuen IFRS17-Regelung und kann gleichzeitig als eine äußerst wertvolle Ressource gesehen werden. Versicherer können diesen Compliance-Aufwand somit in einen geschäftlichen Return on Investment verwandeln. Allerdings nur, wenn sie eine einheitliche Datenplattform einführen. Erst dieses Zusammenführen der Daten bringt den Versicherern einen besseren Überblick über die Performance ihrer Versicherungsverträge. Denn: dieser Ansatz der vernetzten Planung ermöglicht es ihnen, Daten aus verschiedenen Bereichen zu sammeln und auf einer einzigen Plattform für Planung und Forecastig zusammenzuführen. In der gesamten Organisation werden somit Datensilos eliminiert und der Abgleich miteinander erleichtert – damit die einzelnen Bereiche wieder auf ihre Vorhersagen und Prognosen vertrauen können. Zudem hilft die bessere Vergleichbarkeit der Finanzberichterstattung den Versicherern, sich mit den Besten der Welt zu messen. Diese neue Form der Regulierung hilft den Unternehmen damit auch, sich Verbesserungspotenziale zu erschließen.

Tony Trewhella, Consulting Partner bei Deloitte, fasst die Situation perfekt zusammen:
"Ich denke, dass Versicherer so bald wie möglich damit beginnen sollten, ihre ersten PAA/BBA-Bewertungen durchzuführen. Im Rahmen dieser Bewertung sollten sie die schnellstmögliche Einführung einer einheitlichen Datenplattform in Betracht ziehen - um das große Datenvolumen verarbeiten zu können, das zur Erfüllung der regulatorischen Anforderungen erforderlich ist. In der Vergangenheit war der für IFRS17 erforderliche Detaillierungsgrad an Daten in der Nebenbuchhaltung (Debitoren-, Kreditoren- und Lohnbuchhaltung) und den Vertragssystemen „versteckt“. Niemand hatte wirklich einen Gesamtüberblick. Mit der Forderung nach dem Zusammenführen dieser Daten können Versicherer nun viel stärker die Frage nach dem „Warum?“ und dem „Was wäre wenn?“ stellen und hoffentlich vorausschauende Antworten finden. Damit werden fundiertere Entscheidungen möglich."

Die heutige Abhängigkeit von stark manuellen Prozessen und Altsystemen innerhalb der Finanzabteilung muss sich ändern. Die Anforderungen aus IFRS17 machen es unmöglich, diesen alten Weg weiterzugehen. Versicherer müssen auf kollaborative und offene Plattformlösungen setzen, die die Daten aus allen Bereichen des Unternehmens zusammenführen und sinnvoll abbilden. Lösungen, die die Umsetzung der zentralen Berichtsanforderungen ermöglichen und gleichzeitig flexibel genug sind, um auf Szenariomodellierung und die während der Übergangsphase erforderlichen Was-wäre-wenn-Analysen zu reagieren. Diese lange Reise wird nicht einfach werden. Aber es wird sich lohnen.