Quelle: Wefox
Erschienen in Ausgabe 10-2018Köpfe & Positionen

"Wir haben die Dinosaurier in Bewegung gebracht"

Im Profil: Julian Teicke, CEO Wefox

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft

Wefox gehört in Deutschland zu einem der solidesten durchfinanzierten Start-up-Unternehmen in der weiten Welt der sogenannten FinTechs. Wefox wächst rasant und eilt von Erfolg zu Erfolg. Treibende Kraft dahinter ist der Gründer und CEO Julian Teicke, der, inspiriert von seinem Vater - ebenfalls Versicherungsexperte und seit 30 Jahren in der Szene aktiv - sein Unternehmen sukzessiv ausbaut und mit geschickter Personalpolitik die Grundlagen für einen Player legt, der die Branche noch das Fürchten lehren kann. Julian Teicke feiert in diesem Monat seinen 32. Geburtstag. Wenn alle Welt vom "unexpected disrupter" spricht, hier mit Wefox steht er bereit, den Markt aufzumischen, und bis nach Hollywood hat sich das Thema Wefox offenbar auch schon herumgesprochen.   

Trifft ein Investor einen Hollywoodstar, beim Smalltalk erzählt der ihm von einer jungen Company aus Europa, die mit einer ganz neuen Idee den Markt aufrollen will. Er weckt damit sein Interesse und nach einem persönlichen Treffen in Berlin geben sich Gründer und Star die Hand, vereinbaren einen Deal und sorgen damit in einer Branche, deren Glamourfaktor gleich Null ist, für hörbares Raunen und anerkennende Bewunderung. Der Name des Moviestars lautet Ashton Kutcher, vormals verheiratet mit Demi Moore und heute mit Mila Kunis. Gelungen ist dieses Kunststück Julian Teicke, Gründer des Insurtech Start-ups Wefox, vormals FinanceFox. Mit dem Anfang des Jahres durchgeführten Re-Branding von Financefox auf Wefox soll die Idee von einer Gemeinschaft zwischen Verbrauchern, Maklern und Versicherungsgesellschaften im digitalen Zeitalter betont werden. „Wir“ ist dabei der Nukleus der Marke Wefox. „Wir haben in den vergangenen Monaten festgestellt, dass das Image vom unabhängigen Broker nicht weit genug trägt“, kommentiert Teicke diesen Vorgang. „Der Community-Gedanke, der in Wefox zum Ausdruck kommt, ist der stärkere Identifikationsanker für unsere Zielgruppen“, ergänzt Willi Ruopp, Chief Marketing Officer (CMO) von Wefox. Grundsätzlich gilt das "Wir" sicher auch dem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Vater und Sohn, denn ohne Teicke sen., der heute als Deutschland-Chef von Wefox fungiert, ist die Erfolgsstory Teicke jun. so kaum vorstellbar. Seit dem Start in der Schweiz im November 2014 und in Deutschland im Oktober 2015 hat Wefox in Rekordzeit bereits mehr als 250.000 Versicherungsnehmer überzeugen können. Das Unternehmen mit über 160 Mitarbeitern kooperiert mit zahlreichen lokalen Versicherungsmaklern und baut sein Netzwerk kontinuierlich und flächendeckend aus. 

Streit mit Lemonade souverän beigelegt

Eine Expansion in weitere Länder ist in Vorbereitung. Helfen sollen dabei, vor allen Dingen mit Geld, zahlreiche Investoren mit klangvollen Namen: Horizons Ventures, Target Global, Salesforce, IDInvest, Seedcamp, Speedinvest, AngelList und Victory Park Capital um nur einige zu nennen. Beinahe monatlich kommen neue hinzu, wie ein Blick in die Presse offenbart. Auch das ist kein Zufall, denn Teicke ist ein Wiederholungstäter in Sachen Start-ups. Mit Amir Suissa und Dario Fazlic hatte Teicke einst 2010/11 das Schweizer Gutschein-Unternehmen DeinDeal gegründet und bereits nach fünf Jahren den einstigen Konkurrenten und Marktführer Groupon in die Defensive gezwungen. Nach dem Verkauf des Unternehmens hatten Teicke & Co. neben Geld, Know-how, Erfahrungen auch neue Kontakte gesammelt und alles zusammen auf die Karte Insurtech gesetzt. Mit erneut großem Erfolg wie sich nun erneut in der Versicherungswirtschaft zeigt. 
Julian Teicke hat offensichtlich ein Händchen für Marktlücken und tragfähige Ideen für die Umsetzung neuer Lösungen à la Wefox: Für Makler ist Wefox die Technologieplattform, die sie bei der Kundenbindung und der Reduzierung von administrativen Aufgaben unterstützt. Für Kunden will Wefox das Versicherungserlebnis revolutionieren. Kunden sollen das Thema Versicherung mit Wefox komplett neu erleben, indem sie ihre Versorgungswünsche über einen „Single Point of Contact“ zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Ort schnell und unkompliziert lösen können. Mit Versicherungsgesellschaften strebt das Unternehmen eine enge Zusammenarbeit an, um unter anderem administrative Prozesse über verbesserte Schnittstellen bei der Servicierung des Maklerkanals zu beschleunigen, wie es in der Selbstbeschreibung des Unternehmens heißt. Zusätzlich werden in sogenannten „Innovation-Labs“ an der gemeinsamen Entwicklung innovativer Produkte gearbeitet. Das kann allerdings auch schon mal ins Auge gehen, wie der Konflikt zwischen Wefox und Lemonade dieser Tage gezeigt hat. Die Lemonade Insurance Company ist ebenfalls ein Start-up Unternehmen für die Versicherungsindustrie, mit Sitz in New York. Und dort versteht man so gar keinen Spaß bei Grenzüberschreitungen wie sie Daniel Schreiber, Gründer und CEO von Lemonade, bei Wefox identifiziert haben will. Lemonade ist mit Kapital u.a. der XL Group und Google Ventures, dem Venture Capital Arm der Google Muttergesellschaft Alphabet Inc. ausgestattet. Es standen Klagen und deftige Wortwechsel im Raum, im Kern warfen die Amerikaner den Deutschen Urheberrechtsverletzung, Vertragsbruch und Verstöße gegen das Gesetz gegen Computerbetrug und -missbrauch vor. In der Klageschrift heißt es unter anderem, Teicke habe mit einer Scheinadresse und einem falschen Geburtsdatum einen Account generiert und falsche Schadensmeldungen bei Lemonade eingereicht. Inhalte der eigenen App seien außerdem in die Versicherungs-App One der Berliner kopiert worden. Bei einem Treffen in Tel Aviv Anfang August dieses Jahres konnten die Vorwürfe jedoch entkräftet und ein Burgfrieden geschlossen werden. Kommuniziert wurde dieser Vorgang auf der Business-Plattform LinkedIn. Dort schrieb Schreiber: "Julian, danke für das sehr freundliche und konstruktive Treffen und dafür, dass wir uns verpflichtet haben, die in unserer Beschwerde angesprochenen Probleme zu lösen. Wir sind natürlich verpflichtet, die Klage abzubrechen, sobald alle diese Änderungen umgesetzt sind. Ich bin zuversichtlich, dass unsere zukünftigen Interaktionen im Geiste unserer Zusammenarbeit stattfinden werden." Und Teicke bedankte sich mit den Worten:"Hier ist die Quintessenz: Lemonade hat etwas wirklich Revolutionäres geschaffen, und ihre Innovation hat viele in unserer Branche inspiriert - mich eingeschlossen. Es gibt eine feine Linie zwischen Inspiration und Nachahmung, und wir erkennen die Sicht von Lemonade an, dass wir diese in einigen Teilen überschritten haben. Während One viele unique Features aufweist, bin ich verpflichtet, auf dieses Anliegen von Lemonade zu reagieren. Deshalb wird One sofort ein Redesign von Elementen in der App, Website und dem Marketingmaterial umsetzen, die Ähnlichkeiten mit Lemonade haben. Ich freue mich darauf, diesen Konfilt beiseitezulegen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit für die Zukunft zu erkunden." Damit hat der Jungunternehmer auch seine nächste Feuertaufe bestanden, denn wer in einer solch durchaus bedrohlichen Sitaution die Nerven behält, für sein Unternehmen gefährliche Klagen abwendet, damit nicht nur die Kohlen aus dem Feuer holt, sondern auch noch zukünftige Kooperationen mit dem Gengner aushandelt darf sich mit Fug und Recht CEO nennen. Gegenstand des Disputs mit den Amerikanern war der im letzen Jahr gegründete, rein digital organisierte Onlineversicherer One, eine logische Konsequenz aus dem Geschäft von Wefox. Hier sind alle Abläufe sowohl im Front- als auch im Backoffice voll digitalisiert. Der Auftragsprozess ist bewusst einfach gehalten und wird durch Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt. Versicherungsauswahl und der Abschluss sind, inklusive der Bezahlung, in kürzester Zeit möglich. Das wird der neuen Generation der "native digitals", wie Forscher die jüngste Klientel bezeichnen, wohl gefallen. Deren Leben in Echtzeit und das Internet finden auf diesem Wege wie von selbst zueinander.

Gründen am Fließband

Wo sich Chancen bieten, werden sie von Teicke und dessen Team ergriffen. Chancen gibt es viele, wie Teicke mit seinem vielfachen Engagement in immer neue Start-ups unter Beweis  stellt. Der Lohn all dieser Mühe findet sich, wo sonst, online: Auf Twitter hat Julian Teicke mehr als 3.500 Follower und auf den einschlägigen Listen in der Kategorie "einflussreichster Insuretech-Influencer" rangiert er auf Platz sieben, Tendenz steigend. Damit hat sich Teicke sogar noch vor Spiros Margaris gesetzt, der mit Fintechs bereits ein Vermögen aufgebaut hat und selbst über eine riesige Anhängerschaft verfügt. Von den Besten lernen scheint auch ein weiteres Motto Teickes zu sein, denn seit Mitte 2018 sitzt Margaris im erweiterten Beirat der Wefox-Gruppe.
Den Rückhalt für das Nerven aufreibende Geschäft findet das unternehmerische Naturtalent in der eigenen Familie. Julian Teicke hat seine Frau in der Schule in Berlin kennengelernt und nach fast 15 Jahren Beziehung letztes Jahr in Italien geheiratet. Nach der Schule war Teicke zunächst in Peru und hat sich dort für soziale Zwecke eingesetzt um anschließend in St. Gallen Betriebswirtschaft zu studieren. Das Thema seiner Abschlussarbeit war inspiriert vom Vater, einem Versicherungsmakler und seinem Onkel, einem Piloten. Der Titel der Abschlussarbeit lautete passend dazu "Mitarbeiterempfehlungen im privaten Umfeld - ein Vergleich zwischen Versicherungsmaklern und Piloten". Danach ging es Schlag auf Schlag. Nach dem Studium hat Teicke sein erstes Start-up gegründet und mit DeinDeal das schnellstwachsende Start-up in der Schweizer Geschichte aufgebaut. Nach dem Verkauf 2015 an den Medienkonzern Ringier hat Julian Teicke Wefox gegründet. Seine Leidenschaft und seine Hobbies sind die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen in allen Bereichen des Lebens und die Entwicklung und das Mentoring von Gründern. Seine Freizeit verbringt er deshalb mit der Unterstützung seiner mittlerweile fünf weiteren gegründeten Start-ups, in denen er als Investor und Mentor aktiv ist. Viel Zeit für Hobbies bleibt nicht - die wenige Zeit wird mit der Ehefrau oder mit den besten Freunden verbracht, skizziert Julian Teicke selbst seine wichtigsten Lebensstationen auf Fragen nach Karriere und Privatem. Die Motivation für seine Unternehmungen und Investitionen bezieht der Berliner Selfmade-Man aus dem Wunsch nach Komfort, Zweckdienlichkeit und Einfachheit, Neudeutsch Convenience. Die Versicherungswirtschaft mit ihren jahrzehntelang einstudierten Verwaltungsabläufen bieten dem Jungmanager da ein weites Betätigungsfeld, Stichwort "Innovation Lab". Im hauseigenen Laboratorium erarbeitet Wefox, gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern, konkrete Lösungsvorschläge mit denen das Kundenerlebnis entlang der Wertschöpfungskette zukunftsfähig gemacht werden soll. In Deutschland haben sich diesem Modell schon die Barmenia, Ergo, Nürnberger, VHV und der Volkswohl Bund angeschlossen. Als Leitgedanke hat sich Teicke mit seinen Unternehmungen dem Grundsatz "Innovation durch Kooperation" verschrieben. Warum auch das Rad ständig neu erfinden, wenn andere auch gute Lösungen gefunden haben, siehe Lemonade.
"Wir haben die Dinausaurier in Bewegung gebracht" ist sich Teicke sicher und weiter "wir sind agiler, können mutigere Aussagen und mutigere Sachen machen". Insuretechs als Schnellboote der Branche, die sie aber (noch) als Ankerplätze und Häfen benötigen um im Bild zu bleiben. Doch manchmal stellt sich mittlerweile schon die Frage, wer hier wen zieht. Beantworten könnte diese Frage möglicherweise der japanische Investment-Riese Softbank. Der befindet sich offensichtlich, natürlich noch von beiden Seiten unbestätigt, im Dialog mit Wefox, wie das Manager-Magazin berichtet. Es geht dabei um eine Investition in dreistelliger Millionenhöhe und für die nächste Eskalationsstufe benötigt Wefox Geld, sehr viel Geld. Dass Softbank gerne in Europa und in die Versicherungswirtschaft investieren will, signalisierte bereits der - letztlich doch noch gescheiterte - Deal mit der Swiss Re. Jetzt redet der weltweit größte Private-Equity-Investor eben mit Julian Teicke und dessen Vater. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein. Doch Softbank ist nicht allein, laut Reuters Nachrichtendienste sind weitere Investoren in Gesprächen mit dem Start-up Unternehmen. Sollte dies Erfolg haben, und wenig spricht dagegen, kann aus dem Start-up Wefox ganz schnell selbst ein Tanker werden. Auf der Brücke stehen dann Julian Teicke und sein Vater Hartmut auf der Suche nach neuen Ankergründen. Wie heißt es doch auf der Website des Unternehmens unter vier der weiteren acht Punkte die jeweils mit "Wir..." beginnen: "Wir lieben das Leben, wir sind neugierig, wir wollen verändern" oder "wir teilen mit anderen, weil uns das voranbringt". Da hat einer eine Botschaft und die scheint gehört zu werden in Tokio, Los Angeles und München. 

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