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Erschienen in Ausgabe 10-2018Unternehmen & Management

Schicht im Schacht

Die größten deutschen Versicherer verabschieden sich aus dem Kohlegeschäft - auch aus Eigennutz. Ein Unterfangen, was nicht so leicht ist, wie es scheint.

Von Susanne Görsdorf-KegelVersicherungswirtschaft

Ausgedörrte braune Wiesen am Rheinufer, brennende Wälder in Mittelschweden, Temperaturen von über 30 Grad nördlich des Polarkreises: Der diesjährige Hitzesommer sollte eigentlich auch den größten Skeptiker davon überzeugt haben, dass der Klimawandel eine Tatsache und nicht nur die Erfindung von pessimistischen Dauernörglern ist. Alle Experten sind sich dabei einig, dass eine wesentliche Ursache dafür die Verbrennung von Kohle und Öl ist, die zu einem Anstieg der CO²-Emissionen und damit zu einem kontinuierlichen Anstieg der Erderwärmung führt. Vor allem aus Sorge um die Arbeitsplätze in den Braunkohleregionen reagiert die Bundesregierung eher zögerlich darauf: Das bisher gültige Ziel, bis 2020 den Kohlendioxidausstoß um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, ist mittlerweile auf 32 Prozent verringert worden. Über einen Ausstieg aus der Kohleförderung berät seit Juni eine Kommission. Sie soll bis Ende Oktober erste Empfehlungen für einen Strukturwandel der Braunkohlereviere vorlegen und bis Jahresende ihren Abschlussbericht.
Während die politisch Verantwortlichen immer weiter von ihren ursprünglich sehr ambitionierten Klimaschutzzielen abrücken und Deutschland seine Vorreiterrolle auf diesem Gebiet mehr und mehr verliert, zeigen mehrere große Player der Versicherungswirtschaft, dass entschlossenes Handeln durchaus möglich ist. Anfang August 2018 erregte Joachim Wenning, CEO der Munich Re, mit seinem Statement auf der Medientelefonkonferenz bei der Vorlage des Halbjahresfinanzberichts und einem zeitgleich erscheinenden Zeitungsartikel Aufsehen. Er beginnt mit dem Satz: „Der Klimawandel ist eine Tatsache“ und fährt fort, es werde zu wenig beachtet „in welchem Umfang dafür neuen klimafreundlichen Technologien zum Durchbruch verholfen werden muss“. Der Schlüssel sei: „Wir brauchen neue Technologien – bei Stromgewinnung, Transport, Energiespeicherung, industrieller Produktion. Ohne sie bliebe nur der Wohlstandsverzicht, um die Erderwärmung zu begrenzen.“ Ihnen will die Munich Re explizit zum Durchbruch verhelfen, so Wenning. Die bisherigen Engagements, beispielsweise bei der Versicherung von Photovoltaikanlagen, reichten nicht aus, für schnellere Fortschritte sei nötig, sich „branchenübergreifend und von Anfang an konzertiert für neue Technologien zur Energieerzeugung engagieren.“ Der Grund dafür sei, dass die Folgen des Klimawandels auch bei Begrenzung der Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius teuer und Wetterkatastrophen immer häufiger und extremer werden würden. „Noch viel teurer und gesellschaftlich einschneidender würden die Folgen einer Verfehlung des Zwei-Grad-Ziels sein“, warnt er.
Da die Verbrennung von Kohle dabei eine entscheidende Rolle spielt, werde die Munich Re ab sofort „weder in Aktien noch Anleihen von Unternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen.“ Nur wenn bis 2050 90 Prozent der fossilen durch nicht-fossile Energieträger ersetzt werden, könne das Zwei-Grad-Ziel überhaupt erreicht werden. Da 80 Prozent der CO²-Emissionen aus Kohlekraftwerken stammten und neue Kraftwerke eine Lebensdauer von mindestens 50 Jahre hätten, will das Unternehmen im Einzelrisikogeschäft  „im Grundsatz künftig keine neuen Kohlekraftwerke oder -minen in Industrieländern mehr versichern“. Allerdings werde es Ausnahmen mit Einzelfallprüfungen geben, etwa bei bestehenden Kunden oder in Schwellenländern. Hierzu würden aktuell Kriterien erarbeitet, bei denen beispielsweise die Abhängigkeit eines Landes von der Kohle oder die Klimastrategie eines Landes eine Rolle spielen könnten. „Wir wollen hier unsere Kunden beim Wandel hin zu klimafreundlichem Vorgehen begleiten. Aber es bleiben Ausnahmen und damit wenige“, betonte Wenning. Das müsse aber Hand in Hand gehen mit dem oben erwähnten technologischen Wandel – hier biete sich Deutschland und Europa mit seinen vielen Technologiefirmen und Innovationstreibern die Chance, Vorreiter zu sein. Die Munich Re will dabei ihre Investitionen in erneuerbare Energien schrittweise bis auf acht Mrd. Euro ausbauen.

Einer macht vor, die anderen ziehen nach

So wichtig und Aufmerksamkeit weckend die Entscheidungen der Munich Re für die Versicherungswirtschaft sind – Vorreiter ist das Unternehmen auf diesem Gebiet nicht. Bereits 2015 kündigte die Axa als erster großer Investor und Versicherer an, rund 500 Mio. Euro Kohleexposures von Firmen, die mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machten, abzugeben, 20 Prozent davon entfielen auf Axa Deutschland, hebt Karsten Becker, Leiter Kapitalanlagen Monitoring bei Axa Deutschland, hervor. Auch hier sei die Motivation gewesen, definitiv etwas gegen den Klimawandel zu tun – „eine Welt mit vier Grad Erwärmung ist nicht mehr versicherbar“, betont Becker. Unter diesem Aspekt seien Kohleinvestments sehr riskante Investments, die für Versicherer als langfristig orientierte Anleger nicht mehr in Frage kämen. Parallel dazu hätte die Axa ihre Eigentümerrechte als Kapitalanleger aktiv wahrgenommen, um sich beispielsweise gegen Ölbohrungen in der Arktis zu engagieren. 2017 sei dieses Engagement dann deutlich auf Divestments von 2,4 Mrd. Euro ausgebaut wurden, indem die Schwelle beim Umsatz der Unternehmen, in die investiert wird, auf 30 Prozent gesenkt wurde. Diese Aktivitäten machten allerdings nur Sinn, wenn das Investitionsvolumen entsprechend sei – hier könne die Unternehmensgruppe mit weltweit 500 Mrd. Euro  punkten. Auch die Axa verzichtet zudem darauf, neue Kohlekraftwerke zu versichern. Kundennamen nennt das Unternehmen nicht. Im Juli 2018 gab es aber Meldungen, dass die beiden französischen Versicherer Macif und AG2R  sich u.a. von Investments in den Energieversorger RWE trennen wollen, der aktuell mit der Rodung des Hambacher Forsts zur Erweiterung des Braunkohle-Tagebaus Schlagzeilen macht. 
Grund für das verstärkte Engagement sei es, so Becker, das Klimaschutzabkommen von Paris zu unterstützen, bei dem die Mehrheit der Staatengemeinschaft im Dezember 2015 beschlossen hat, die Erderwärmung auf möglichst unter zwei Prozent, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, zu begrenzen. Die Axa wolle dabei auch explizit eine Vorreiterfunktion übernehmen und hoffe auf Nachahmer. Gleichzeitig sei dies aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der jeder seinen Teil beitragen müsse. Zum Abbau von Engagements in klimaschädliche Investitionen gehört auf der anderen Seite der Aufbau von Investments in umweltfreundliche erneuerbare Energien. Hier will die Axa ihr Engagement ebenfalls kräftig ausbauen. 2015 war geplant, bis 2020 drei Mrd. Euro weltweit zu investieren, jetzt wurde das Ziel auf zwölf Mrd. Euro vervierfacht.

Markt für grüne Energie ist ziemlich klein

Dem raschen Umstieg bei den Investitionen von fossilen auf nicht-fossile Energieträger sind allerdings Grenzen gesetzt,  wie Urs Bitterling, Senior ESG-Experte der Allianz SE, und Christopher Bonnet, Leiter ESG bei der Allianz Global Corporate & Specialty, betonen. Die erneuerbaren Energien seien zwar ein wachsender Markt, der aber „Stück für Stück“ wachsen müsse – käme heute ein Investor, der auf einen Schlag 50 Mio. Euro investieren wolle, hätte er Probleme, überhaupt so viele Anlagemöglichkeiten zu finden und würde eher die Preise nach oben treiben. Von dem Investitionsvolumen der Allianz-Gruppe in Höhe von 650 Mrd. Euro entfallen fünf Mrd. auf Investments in erneuerbare Energien. „Wir legen unser Geld im Auftrag der Kunden an und können nicht so ohne weiteres Risiken übernehmen“, so Bonnet. Deshalb habe sein Unternehmen hier bisher keine konkreten Zielgrößen. Dagegen sind bereits seit 2015 die Investments in die Kohlebranche eingeschränkt worden, im Mai 2018 kam die Versicherungsseite dazu, indem die Allianz ankündigte, aus der Einzelversicherung von Kohlekraftwerken und Kohleabbau auszusteigen. Bei den Investitionen gilt hier ebenfalls die 30-Prozent-Marke, bis 2040 soll sie sukzessive auf null sinken. 
Alle Experten sind sich aber darüber einig, dass dieser Prozess dialogorientiert erfolgen muss, dabei müssten die Versicherer das Gespräch mit der Energiewirtschaft suchen und sie bei ihren Transformationsprozessen unterstützen. „Seit 2012 ist die Kapitalanlage bei der Zurich ein integrierender Prozess, der dialogbasiert abläuft“, betont Michael Leinwand, Chief Investment Officer der Zurich Gruppe Deutschland. Dabei seien die Finanz- und die ESG-Ziele gleichgestellt und eine Vielfalt von Themen zu beachten. „Das Klima ist das komplexeste Thema, mit dem wir uns konfrontiert sehen“, sagt Leinwand. Veränderungsprozesse könnten auch über Green Bonds stattfinden, mit deren Hilfe soziale und ökologische Themen in den Kapitalmarkt getragen werden. Aktuell hat die Zurich-Gruppe weltweit rund 2,5 Mrd. Euro in Green Bonds investiert, davon etwa 600 Mio. in Deutschland. Dies soll auf fünf Mrd. Euro verdoppelt werden. „Diese Umstellungsprozesse sind ein extrem zeitintensiver und komplexer Weg, aber die Zurich ist sehr engagiert dabei“, resümiert Leinwand. „Je länger wir warten, umso schwieriger wird es sein, das Zwei-Grad-Ziel überhaupt noch zu erreichen und dann werden wir in zehn bis 15 Jahren schon merkbare Veränderungen spüren - die Einschläge kommen näher.“ 

Kleine Versicherer zögern noch

Während es für die großen Versicherer alleine durch ihre Marktmacht als Investoren relativ leicht ist, Flagge zu zeigen und Veränderungsprozesse anzustoßen, tun sich die kleineren Unternehmen schwerer damit. Für die Hansemerkur ist das Thema Nachhaltigkeit ein wichtiger Punkt, mit dem sich die Unternehmensgruppe intensiv auseinandersetzt, wie der aktuelle Geschäftsbericht zeigt. Allerdings muss sie auch darum kämpfen, mit ordentlichen Renditen gegen die Konkurrenz der Schwergewichte auf dem Markt bestehen zu können, räumt Carsten Lang, Vorstandsmitglied der Hansemerkur Trust AG, ein. Bei der Kapitalanlage setzt die Unternehmensgruppe deshalb vor allem auf die Beratung durch auf Nachhaltigkeitsaspekte spezialisierte Ratingagenturen. Man sei mit ökologisch orientierten Investments noch in der Anfangsphase, so Lang – „aber es wächst.“