Zwischen PR-Gag und serious Business: Die Verpackung von Info-Material sorgte für Schmunzeln. Die reale Bedrohung hingegen ist todernst. Wenn Rückversicherer keine Lösung für die Versicherung von Cyberrisiken finden, wird die Branche überflüssig, befürchtet Munich Re-Vorstand Torsten Jeworrek.
Zwischen PR-Gag und serious Business: Die Verpackung von Info-Material sorgte für Schmunzeln. Die reale Bedrohung hingegen ist todernst. Wenn Rückversicherer keine Lösung für die Versicherung von Cyberrisiken finden, wird die Branche überflüssig, befürchtet Munich Re-Vorstand Torsten Jeworrek.Quelle: cpt
Erschienen in Ausgabe 10-2018Märkte & Vertrieb

Risikoappetit ist ungebrochen

Cyberpolicen bestimmten das Stimmungsbild auf dem Rückversicherungstreffen in Monte Carlo

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

Die Villa Sauber in Monte Carlo beherbergte einst die Automatensammlung des Fürstentums, eine derzeit noch laufende Ausstellung zeigt unter Verwendung dieser frühen Roboter entstandene zeitgenössiche Kunst. Im 18. Jahrhundert dachte man mehr an mechanisierte Verfasser intimer Briefe denn an mechanisierte Underwriter. Aber so allmählich nähern wir uns der Situation, wo tatsächlich große Risikoträger mehr oder weniger auf Autopiloten-Basis betrieben werden können.
Artificial Intelligence spielte auf dem "Rendez-Vous de Septembre" in Monte Carlo gleich in dreierlei Hinsicht eine Rolle:

  • Die Modellierung künftiger Schadenereignisse dürfte künftig nicht nur Property-Cat-Exponierungen betreffen, sondern auch das Vorahnen künftiger Haftpflichtschadenserien. Die RMS Beteiligungsgesellschaft Praedicat strickt an so etwas.
  • Die Schaffung weltweit integrierter Backoffices durch Verlagerung sämtlicher Risikoplatzierungen und der entsprechenden Zahlungsströme auf eine einzige Blockchain Platform. Zwar scheint sich die u.a. von Scor favorisierte B3i in den Vordergrund zu schieben, aber gleichzeitig versucht die Schifffahrtsgesellschaft Maersk die unter Einschaltung von IBM entwickelte eigene Platform zum Marktstandard zu machen.
  • Cyber-Deckungen sind à la Mode. Die meisten Underwriter wittern hier die Chance unter Ausnutzung der auch irrationalen Ängste der Versicherungsnehmer Gewinne zu realisieren, Scor hingegen hält weniger von derartigen Schüssen aus der Hüfte ins aktuarielle Dunkel. Munich Re und Partner Re wollen hingegen ihre Cyber Units ausbauen.

Scor-Chef Denis Kessler war ohnehin mehr damit beschäftigt, Pressefragen zum Versuch einer Übernahme durch den französischen Gegenseitigkeits-Versicherers Covéa auszuweichen. Dieser hält bereits acht Prozent der Scor-Aktien und wollte 43 Euro je Aktie bieten, insgesamt 8,2 Mrd. Euro. Analysten halten jedoch einen Preis von 45 Euro je Aktie für fair. Scor hält die rein national orientierte Covéa - unabhängig vom Kaufpreis - auch nicht für einen geeigenten Eigner für einen internationalen Rückversicherer. Zu den Marktpreisen sagte Kessler, dass es für ihn keinen Zyklus mehr gebe, bei dem sich Phasen hoher und niedriger Preise in schöner Regelmäßigkeit abwechseln. Nur ein unerwarteter Großschaden wie ein weltweiter Cyberangriff oder eine Pandemie könne noch zu einem Preisanstieg führen.

„Es gibt kein Rückversicherungszyklus mehr“, sagte  Scor-Chef Denis Kessler (l.).
„Es gibt kein Rückversicherungszyklus mehr“, sagte  Scor-Chef Denis Kessler (l.).Quelle: cpt

Steigender Druck auf Lloyd’s of London

Gemäß A.M. Best verfügen Rückversicherer traditioneller Art insgesamt über 362 Mio. Dollar an Kapital, was „convergence capital“ mit weiteren 100 Mio. Dollar komplementiert. Es herrscht ein Marktkonsens, wonach Aktionäre legitimerweise im Fünfjahresmittel acht oder zehn Prozent an Rendite beziehen sollten. Dies funktioniert aufgrund der verschwindet niedrigen Anlagerendite, aber nur bei ca 95 Prozent combined ratio. Werden aufgrund unzureichender Raten und erhöhter Naturkatastropheninzidenz aber 100 Prozent realisiert, so reduziert sich die Aktionäresrendite auf weit unter 5 Prozent. Laut A.M. Best erwirtschafteten die großen europäischen Rückversicherer für 2017 eine immerhin noch Staatanleihen schlagende Rendite von 2,7 Prozent, US/Bermuda-Rückversicherer eine von minus 0,4 Prozent und Lloyd’s Underwriter erstaunliche minus 7,3 Prozent.
Ganz schlimm aber wird es, wenn Vorjahres-Abwicklungsgewinne die combined ratio nicht mehr mit vielleicht fünf Prozentpunkten subventionieren. Diesem Punkt nähern wir uns derzeit, die jüngeren, nicht mehr so ertragreichen Schadenrückstellungen enthalten kaum noch Speck. Aber Underwriter verhalten sich wie Frösche, die in allmählich zum Sieden gebrachtem Wasser hocken:  Sie gewöhnen sich an die immer unwirtlicher werdende Umgebung. Um sie aus ihrer Passivität zu vertreiben, bedarf es plötzlich hinzutretender weiterer Umstände, etwa eines US-Hurrikans beachtlicher Proportion. 2017 schnellte zu allem Überfluss auch noch die Natcat-Belastung der Rückversicherer auf 131 Mrd. Dollar hoch gegenüber 51 Mrd. im zehn Jahresmittel und 56 Mrd. im Jahr 2016. Aber aufgrund mehr als ausreichender Kapazität reichte dies immer noch nicht aus, um ein Umdenken hervorzurufen. Der zur Monatsmitte September wütende Sturm "Florence" könnte zehn bis 20 Mrd. Dollar kosten und die Trendwende herbeiführen. "Die weitere Entwicklung der Schadensummen aus den Wirbelstürmen des Vorjahres sowie die noch geringen Großschäden des laufenden Jahres werden die Preise in der Schaden-Rückversicherung entscheidend beeinflussen", sagte Ulrich Wallin, Vorstandsvorsitzender des Hannoveraner Rückversicherers. "Je geringer die Katastrophenbelastungen dieses Jahr ausfallen, desto schwerer wird es werden, im kommenden Jahr die erforderlichen weiteren Preissteigerungen durchzusetzen." Insgesamt erwartet die Hannover Rück für die Vertragserneuerungsrunde zum 1. Januar 2019 eine stabile Entwicklung der Preise und Konditionen. Dennoch würden sich gerade beim Schutz vor Cyberrisiken sowie in den Wachstumsmärkten Asiens (China, Indien) neue Möglichkeiten ergeben. Zu einer ähnlichen Prognose kommt übrigens auch der Schweizer Rückversicherer Swiss Re. "Wir glauben, dass im Preiszyklus für Nicht-Lebensversicherungen ein Wendepunkt erreicht wurde", prognostizierte Edouard Schmid, Chief Underwriting Officer der Swiss Re. Vor allem die Naturkatastrophen des vergangenen Jahres hätten die großen Lücken beim Versicherungsschutz aufgezeigt, heißt es weiter. Demnach betrugen die weltweiten Schäden in den vergangenen zehn Jahren rund zwei Billionen US-Dollar, von denen rund 70 Prozent nicht versichert gewesen sind, konstatiert die Swiss Re. 
Die Probleme des Versicherungsmarkts Lloyd’s of London waren ebenso auf dem Rückversicherungstreffen ein wichtiges Thema. Rendez-Vous-Teilnehmer drückten immer wieder ihre Verwunderung hinsichtlich der bei Lloyd’s ca. fünf Prozentpunkte höher als anderswo liegenden combined ratio aus. Die großen europäischen Rückversicherer und der US/Bermuda-Markt hatten es laut A.M. Best 2017 auf eine combined ratio von 109 Prozent gebracht, Lloyd’s hingegen war bei 114 Prozent gelandet. Den Grund sahen sie in der historisch begründeteten Organisation des Markts und der Redundanz der Beaufsichtigung (durch die Bank of England und zusätzlich durch die Corporation of Lloyd’s). 

An Geld mangelt es nicht: Laut Aon standen Ende März weltweit 610 Mrd. Dollar für Rückversicherungsrisiken bereit.
An Geld mangelt es nicht: Laut Aon standen Ende März weltweit 610 Mrd. Dollar für Rückversicherungsrisiken bereit.Quelle: cpt
Auf der Sonnenseite des Verhandlungstisches: Die Tropenstürme„Mangkhut“ in Asien und „Florence“ an der US-Ostküste beeinflussten tausende Kilometer entfernt das Feilschen um neue Verträge an der Côte d‘Azur.
Auf der Sonnenseite des Verhandlungstisches: Die Tropenstürme„Mangkhut“ in Asien und „Florence“ an der US-Ostküste beeinflussten tausende Kilometer entfernt das Feilschen um neue Verträge an der Côte d‘Azur.Quelle: cpt