Abbildung 1: Rückversicherungskapital im Verhältnis zu den Bruttoprämien
Abbildung 1: Rückversicherungskapital im Verhältnis zu den BruttoprämienQuelle: JLT Re
Erschienen in Ausgabe 10-2018Märkte & Vertrieb

Ein Stück vom Kuchen ist für alle da

Weltweit sind nur 30 Prozent aller Naturkatastrophen versichert. Und bei Cyberrisiken und der Altersvorsorge gibt es massive Deckungslücken. Das Geschäft für Rückversicherer liegt quasi vor der Tür.

Von Bertrand R. WollnerVersicherungswirtschaft

Das Jahr 2017 ist als eines der drei schadenreichsten in die Annalen der globalen Versicherungswirtschaft eingegangen. Trotz versicherter Schäden von ca. 140 Mrd. US-Dollar bleibt die weltweite Assekuranz überkapitalisiert, da nicht-traditionelle Kapazitätsquellen an Robustheit und Relevanz gewonnen haben. Der vorliegende Beitrag diskutiert die kurz- und längerfristigen Auswirkungen dieses vermeintlichen Paradigmenwechsels aus der Sicht der Zedenten und ihrer Rückversicherer. Gemäß JLT Re verringerte sich im Jahre 2017 das global zur Verfügung stehende Risikokapital der Rückversicherer geringfügig um rund 15 Mrd. Dollar auf ca.  310 Mrd. Dollar. Die Überkapitalisierung der Industrie, gemessen am Kapital im Verhältnis zu den Bruttoprämien, blieb unvermindert hoch, und zwar bei ca. 17 Prozent oder 45 Mrd. Dollar (Abbildung 1). 
Ein wichtiger Grund für diese Situation ist einerseits die expansive Geldpolitik der Zentralbanken, die zu einer Aufblähung unrealisierter Kapitalgewinne in den festverzinslichen Wertschriftenbeständen der Versicherer geführt hat. Zum anderen begünstigt der herrschende „Anlagenotstand“ im Niedrigzinsumfeld den Zustrom alternativen Kapitals in die globale Rückversicherungsindustrie. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass mit Harvey, Irma und Maria (HIM) der sogenannte Konvergenzmarkt seinen ersten Stresstest erfolgreich bestanden hat. Die Grossschäden des Jahres 2017 haben – unerwarteterweise – den Appetit der Investoren auf versicherungsbasierte Anlagevehikel sogar noch erhöht. Vor diesem Hintergrund entfällt mittlerweile ein Sechstel der globalen Rückversicherungskapazität auf Quellen jenseits des Eigenkapitals der Rückversicherer – verglichen mit einem Zwanzigstel im Jahre 2007.

Zunehmende Regionalisierung des Zyklus

Damit haben sich auch die Erwartungen bzw. Befürchtungen bezüglich einer deutlichen und flächendeckenden Verhärtung der Rückversicherungsmärkte zerschlagen. Der seit 2005 zu beobachtende Trend zu einer Verflachung des globalen Rückversicherungszyklus bleibt ungebrochen, was natürlich nicht nur mit dem Zinsumfeld und den Konvergenzmärkten zusammenhängt, sondern auch Folge der unterdurchschnittlichen Schadenjahre zwischen 2012 und 2016 ist. Bemerkenswert ist auch die zunehmende Regionalisierung des Zyklus. Zuletzt der Terroranschlag vom 11. September 2001 sowie das Platzen der Dot.com-Blase im Folgejahr lösten einen globalen Preisanstieg aus. Das Schadenjahr 2005 (mit den Windstürmen Katrina, Rita und Wilma) hingegen führte lediglich in den USA zu einer Verhärtung. Ähnlich verhielt es sich im Jahre 2011, als Asien versicherte Schäden von über 100 Mrd. Dollar verzeichnete, deren Einfluss jedoch ebenfalls regional begrenzt blieb (Abbildung 2).
Schon mehrfach glaubte die Assekuranz, sich von der inhärenten Zyklizität ihres Geschäftsmodells verabschieden zu müssen. Heute jedoch sieht sich die Branche mit einer einzigartigen Kombination von Faktoren konfrontiert: Die globale Finanzkrise vor zehn Jahren, die zu der längsten Niedrigzinsphase der Wirtschaftsgeschichte führte, die Entstehung eines Konvergenzmarktes, der mit HIM den letzten Beweis für seine Verlässlichkeit erbracht hat sowie die globalen Diversifikationsmöglichkeiten im Versicherungsmarkt – nicht nur zwischen Kapitalmarkt und traditioneller Kapazität, sondern auch geografisch mit breiten und tiefen Märkten in Europa, den USA, Bermuda, Asien und dem Mittleren Osten.
Trotz der stetigen Zunahme der Überschusskapazität und erodierender Prämiensätze konnte die globale Rückversicherungsindustrie in den vergangenen Jahren ansprechende Resultate vorweisen. Diese Performance spiegelt jedoch in erster Linie üppige Abwicklungsgewinne aus vergangenen Zeichnungsjahren wider. Damit konnte seit 2007 die kombinierte Schaden- und Kostenquote um durchschnittlich 4.2 Prozentpunkte aufgebessert werden. Ohne diesen Rückenwind hätte die Rückversicherungswirtschaft nur marginal die versicherungstechnische Break-Even-Hürde genommen. Sehr bedenklich erscheinen der um Abwicklungsgewinne bereinigte Zuwachs der Gesamtkostenquote (getrieben durch Akquisitionskosten) sowie der Aufwärtstrend bei der Frequenzschadenquote (Abbildung 3).
Diese Abwicklungsgewinne aus Vorjahren werden der Industrie jedoch langfristig nicht zur Verfügung stehen, zumal höhere Rückstellungen typischerweise gebildet werden, wenn schadenbedingt die Preise anziehen. Das war in den vergangenen Jahren nicht der Fall. Zudem wurde seit 2007 der kontinuierliche Rückgang der laufenden Anlagerendite weitestgehend durch Buchgewinne auf festverzinslichen Anlagen aufgefangen. So behauptete sich die totale Anlagerendite in einem Band zwischen drei und vier Prozent. Sobald es jedoch zu einer Zinswende kommt, wird sich Gegenwind einstellen, denn dann werden Buchverluste auf jüngst mit niedriger Rendite erworbenen Papiere zu verkraften sein. Strukturell werden die Renditeperspektiven der Rückversicherer durch den Siegeszug des Konvergenzmarktes beeinträchtigt. Dabei spielt besicherte Kapazität, bereitgestellt von Pensionskassen, Anlagefonds, Hedgefonds sowie Anlegern aus der Assekuranz, die zentrale Rolle. Es entstehen neue Geschäftsmodelle im Risikotransfer, die Zedenten Zugang zu kostengünstigerer Kapazität versprechen. Es entscheiden nicht länger die Kapitalkosten der Rückversicherungsaktionäre über die Preisbildung auf den Risikomärkten. In Zukunft wird sich der Rückversicherungsmarkt an den Renditeerwartungen des Konvergenzmarktes messen und Abschied von den attraktiven Margen des traditionellen Katastrophensachgeschäfts nehmen müssen.
Die zukünftige Struktur des Risikotransfers verspricht geringere Transaktionskosten. Wenn die Renditen sinken, muss sich die langfristige Verlässlichkeit der Erträge verbessern. Die Rückversicherer werden daher in erhöhtem Masse selbst auf die Konvergenzmärkte zurückgreifen und durch Retrozession ihre eigene Volatilität vermindern. Zudem entstehen neue Formen eines reziproken Risikotransfers, indem grundsätzlich jeder Marktteilnehmer – ob Makler, Erstversicherer oder Rückversicherer – Risiken übernehmen, umstrukturieren oder an den Kapitalmarkt weiterreichen kann, bzw. Versicherer als ‚Asset Manager‘ Risiken für Investoren suchen und gegen eine Gebühr als Anlagemöglichkeit an sie weiterleiten. Die Konsequenzen aus dieser Verschmelzung von Schnittstellen in der Risikotransferkette lassen sich bereits aus den Unternehmensübernahmen und -zusammenschlüssen der letzten Monate ablesen: die Markel Corporation, ein amerikanisches Versicherungskonglomerat, erwirbt mit Nephila Capital den grössten Verwalter alternativen Risikokapitals; AIG kauft mit der Validus Holding auch einen Rückversicherer und ILS Vermögensverwalter, AXA erwirbt mit XL Catlin einen globalen Versicherer von Unternehmensrisiken.

Abbildung 2: Regionale Katastrophen-Sachversicherung, Rate-on-line Index, 1990 = 100
Abbildung 2: Regionale Katastrophen-Sachversicherung, Rate-on-line Index, 1990 = 100Quelle: Guy Carpenter, Artemis.bm

Kreativität ist auf der Nachfrageseite gefragt

Wie bereits erwähnt, übersteigt die globale Rückversicherungskapazität selbst nach dem schweren Katastrophenjahr 2017 das Prämienvolumen weiterhin um 17 Prozent (Abbildung 1). Die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Das Marktgleichgewicht kann nicht allein durch Anpassungen auf der Kapitalseite wiederhergestellt werden. Ebenso unerlässlich sind Massnahmen zur Anregung der Nachfrage nach Rückversicherungskapazität. Mit durchschnittlich gut zehn Prozent jährlichem Wachstum seit 2008 sind die Rückversicherungsprämien deutlich langsamer gestiegen als das Erstversicherungsvolumen, was den Preisdruck zusätzlich verschärft hat. Selbstverständlich hat diese Entwicklung mit der zunehmenden Kapitalstärke der Zedenten zu tun. Andererseits kann argumentiert werden, dass die Rückversicherer nicht innovativ und kreativ genug waren und sind, wenn es um die Deckung der grossen gesellschaftlichen und volkswirtschaflichen Risiken geht. Weltweit sind nur ca. 30 Prozent aller Naturkatastrophenschäden versichert. Auch in Westeuropa gibt es eklatante Beispiele für Unterversicherung, wie z.B. in Italien, wo laut Munich Re nicht einmal vier Prozent der Schäden aus den Erdbeben von 2016 gedeckt waren, oder Flut- und – wie diesen Sommer erlebt – auch Dürrerisiken in Deutschland. Massive Deckungslücken gibt es auch in der Altersvorsorge und beim Todesfallschutz, wo der Fehlbetrag für die EU auf Grössenordnungen geschätzt wird, die der gesamten Wirtschaftsleistung (GDP) sehr nahe kommen. 
Unversicherte Cyber-Risiken stellen ein weiteres Potenzial dar, deren jährliche ökonomischen Kosten aus Cyber-Zwischenfällen (krimineller und nicht-krimineller Natur) auf global bis zu 500 Mrd. Dollar geschätzt werden. Demgegenüber stehen weltweite Cyber-Versicherungsprämien von gut drei Mrd. Dollar, etwas mehr als ein Promille der gesamten Nichtlebenprämien. Zur Absicherung dieser Risiken kann die globale Assekuranz einschliesslich der Rückversicherer mit ihrer Fähigkeit zum Risikotransfer einen erheblichen Beitrag leisten. Jedoch gilt es, fundamentale Herausforderungen zu überwinden. Denn für eine Einschätzung dieser Risiken mangelt es entweder an verlässlichen Daten oder aber es fehlt die Bereitschaft, die Absicherung dieser Risiken adäquat zu vergüten. Zudem reicht zum Teil auch das verfügbare Risikokapital der Rückversicherer schlicht nicht aus, um diese Risiken ohne die Unterstützung staatlicher Institutionen oder Mechanismen zu schultern.
Die Assekuranz hat bereits verschiedentlich Wege aufgezeigt, wie sich diese Großrisiken decken oder zumindest ihre Spitzenrisiken abfedern lassen. Zumeist sind dies Public Private Partnerships (PPP), die aus einem Zusammenschluss von staatlichen Institutionen, dem Kapitalmarkt und Versicherern bestehen. Dank ihres Know-hows organisieren Rückversicherer den Risikotransfer in den Kapitalmarkt, der zum eigentlichen Risikoträger wird. Staatliche Institutionen, wie zum Beispiel Entwicklungsbanken, stellen Risiko- oder zumindest Startkapital zur Verfügung. Zudem beteiligen sich die Rückversicherer oft mit eigenem Kapital an diesen Lösungen. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Zedenten und Rückversicherer müssen sich auf strukturelle und fundamentale Veränderungen auf der Angebotsseite einstellen. Der ungebremste Vormarsch alternativen Kapitals, allenfalls auch in neue Sparten, könnte radikale Anpassungen an bestehenden Geschäftsmodellen erforderlich machen und den Risikotransfer revolutionieren. Dieser Prozess ist sowohl mit Chancen als auch Herausforderungen verbunden. Um das Marktgleichgewicht nachhaltig wiederherzustellen, muss die Nachfrageseite einbezogen werden. Das liegt letztlich im Interesse aller Beteiligten. Hier bieten sich zusätzliche Möglichkeiten für Rückversicherer und Zedenten, ihr Prämienvolumen zu vergrössern und das auf dem Markt lastende Überschusskapital einzusetzen.

Abbildung 3: Technische Ergebnisse der globalen Rückversicherer
Abbildung 3: Technische Ergebnisse der globalen RückversichererQuelle: Aon Benfield Market Analytics (Daten für 23 führende Rückversicherer)