Erschienen in Ausgabe 10-2018Unternehmen & Management

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Onlineabschlüsse boomen dank unbegrenzter Risikofantasie

Von Heng YanVersicherungswirtschaft
Die Versicherungsabschlüsse durch das Internet haben sich in dem zweitgrößten Markt der Welt in den ersten sechs Monaten dieses Jahres beachtlich gesteigert. Das betrifft besonders die Sachversicherung. Mit eine Steigerungsrate von 37,3 Prozent haben die Versicherer durch Internetverkäufe ein Beitragseinkommen von umgerechnet 4,2 Mrd. Euro erzielt. Das macht ca. 5,54 Prozent der Beitragseinnahmen der gesamten Sachversicherungsbranche aus, damit eine Steigerung von 0,91 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Hierbei macht die KfZ Versicherung mit einem Prämieneinkommen von umgerechnet 2,27 Mrd. und einem Zuwachs von 15,38 Prozent den Löwenteil aus.
Die Internetabschlüsse von Nicht-KfZ-Versicherungen entwickelten sich mit einer enormen Wachstumsrate von 79,35 Prozent überproportional, hierbei besonders erwähnenswert das beträchtliche Wachstum der Unfallversicherung. In der ersten Hälfte 2017 wurde ein Beitragseinkommen von 530 Mio. Euro erzielt, in 2018 schon 919 Mio. Euro. Mit zunehmendem Wohlstand und stärker ausgeprägter Konsumneigung nehmen immer mehr Menschen Kredite auf. Das schafft eine riesige neue Chance für Kreditversicherer. In 2017 verzeichneten Internet-Kreditversicherer 87,50 Mio. Euro Beitragseinkommen, in 2018 stieg es sogar auf 304 Mio. Euro.
Nach den Statistiken des Verbandes der Chinesischen Versicherer spielen beim Internetverkauf die Vermittlungs- oder Maklerplattformen die wichtigste Rolle. Der Anteil von Beitragseinkommen solcher Plattformen machen an den branchengesamten Beitragseinnahmen 54,58 Prozent aus, die offiziellen Websites von Versicherungen schaffen nur 4,43 Prozent, mit absteigender Tendenz. Das belegt empirisch die Theorie vom „Szenenbasierten Verkauf“, die Marktbeobachter in den letzten Jahren als den Schlüssel für den Internetverkauf erkannt haben wollen. „Szenen“ beziehen sich hierbei auf jeweils konkrete Konsumfälle. Beispielsweise sind Flugbuchungen, Reisebuchungen oder Kreditaufnahmen solche  Szenen, bei denen die Konsumenten gedanklich leichter Risiken assoziieren können, z.B. ein Flugzeugabsturz, Reiseunfälle oder die Zahlungsunfähigkeit bei einem Kredit. Der Kerngedanke lässt sich in etwa so umreißen, dass die Konsumenten beim Besuch der offiziellen Websites zunächst nicht unbedingt konkrete Risiken spüren würden. Die eigentliche Risikophantasie entwickle sich dann jedoch rasch in den genannten Szenen, manchmal sogar bis hin zu regelrechten Paniken, quasi als echter Anschub für Versicherungsabschlüsse, so die Marktbeobachter.

Zollzahlungsversicherung für Importprozesse

Im Handelsstreit mit dem Westen hat die chinesische Regierung zugesagt, Förderungsmaßnahmen für mehr Importe zu ergreifen. Die Vereinfachung und Beschleunigung von komplizierten Importformalitäten sollen gleichfalls zu den Förderungsmaßnahmen gehören. Einen konkreten Schritt in diese Richtung machen derzeit das Zollamt und die Finanzaufsichtsbehörde. Zum 1. September dieses Jahres soll eine Zollzahlungsversicherung zunächst testweise eingeführt werden. Bisher muss ein Importeur in China bei der Abwicklung der Importformalitäten immer zuerst den anfallenden Zoll zahlen oder eine Bankgarantie innerhalb eines von der Bank genehmigten Kreditrahmens an das Zollamt abgegeben. Das kostet nicht nur Zeit, sondern belastet auch die Kassen der Importeure. Je nach Betriebsgröße kann es zu einer Zinsbelastung von 10 Mio. Yuan (umgerechnet 1,26 Mio. Euro) kommen, so die Berechnungen der Experten von der Zeitung Chinese Business. Mit einer Zollzahlungsversicherung, die ein Importeur dem Zollamt nun vorlegt, kann er die importierten Waren freigeben lassen. Die Zollbeträge sind dann erst später fällig. Die Versicherungspolicen dürfen offiziell zunächst nur von PICC (Pacific Insurance) und BOC Insurance, einer Versicherung der Bank of China, angeboten werden.

Tochterfirmen erfreuen Mutterkonzern Ping An

Der chinesische Branchenprimus Ping An begnügt sich offenbar nicht mit seiner marktdominierenden Stellung, sondern zeigt echte Ambitionen, ein technologischer Gigant zu sein. Ping An hat in den letzten Jahren eine Menge Tochterunternehmen gegründet, die sich ausschließlich mit Finanztechnologie oder Technologien für das Gesundheitswesen befassen. Inzwischen vergrößern sich der Umsatz und Gewinn der neuen Unternehmen ständig. In der ersten Jahreshälfte haben Ping Ans technologische Unternehmen einen Gesamtgewinn von umgerechnet 5,3 Mrd. Euro erwirtschaftet, etwa 7,1 Prozent des gesamten Gewinns der Gruppe. Vor drei Jahren hat Ping An zuerst die Plattform Good Doctor gegründet, die den Versicherten Funktionen wie eine Arztsuche, eine medizinische Beratung in Echtzeit, eine Krankenhausmeldung und eine Erinnerung zur Einnahme von Medikamenten bietet. Bis Ende 2017 hat Good Doctor fast zwei Mrd. US Dollar gesammelt. Die 2016 gegründete Ping An Medical Technology bietet Dienstleitungen im großen Stil im Internet für Krankenhäuser an, wie eine Verwaltung von Patientenakten, eine Kontrolle von Behandlungskosten, eine Abrechnung mit Krankenversicherern und ein Ressoucenmanagement. Derzeit haben sich mehr als 2300 Krankenhäuser in 200 Städten an Ping Ans medizinische Plattformen angeschlossen. Bisher hat Ping Ans Medical Technology bereits 1,15 Mrd. US Dollar als Kapital gesammelt und zeichnet sich nun mit einem Marktwert von ca. 8,8 Mrd. Dollar aus. Die Chance für eine Transformation zu einem technologischen Unternehmen sieht zumindest in finanzieller Hinsicht ziemlich gut aus.