Versicherungswirtschaft: 10/2018
10-2018
Oktober 2018
Dr. Dirk Solte
Briefing
Wēijī

Das chinesische Ideogram für Krise umfasst in dieser Sprache zwei in einer Krise miteinander verwobene Aspekte. Gefahr und Wandel. Eine Krise ist ein instabiler Punkt im Leben, der zu einem Wandel führt. Im Wandel liegt die Chance, gestärkt aus einer Krise hervorzugehen. Jeder hat vermutlich schon persönlich diese Erfahrung gemacht, wo er Schicksalsschläge wie Krankheit oder Trennung durchlebte und darin nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Chance für Veränderungen nutzte. Es gibt kein krisenfreies Leben; nichts ist so beständig wie der Wandel. Das gilt auch für unser politisches und ökonomisches System. Nach der Erfahrung folgt auf einen wirtschaftlichen Downturn auch wieder ein Aufschwung, so die Regel. In manchen Bereichen scheint sich dieses Abwechseln von Auf und Ab nicht konform zur Regel zu verhalten. So sind abgesehen von den deutschen Staatsfinanzen die Schuldenstände großer Volkswirtschaften stets gestiegen und derzeit so hoch wie nie zu vor in Friedenszeiten. Wann kommt es hier zur Veränderung? Sowohl die Zinsen als auch die Inflationsraten sind seit Jahren außergewöhnlich niedrig – genaugenommen seit der Lehman-Krise. Die Folgen dieser letzten großen Eruption des Weltfinanzsystems vor zehn Jahren spüren wir noch immer. Der Wandel ist hier noch nicht wirklich vollzogen, wir stecken noch in einer Krisensituation, in einer entscheidenden Zeit des Wandels, in der das gesamte System kippanfällig ist.
Manche Unternehmen haben die Chance zur Erzielung enormer Gewinne genutzt. Viele Unternehmen kämpfen aber noch mit den Auswirkungen eines sich ändernden Markt- und regulatorischem Umfelds. Die Gesellschaft nimmt die Krise wahr und während Ökonomen und die Politik nach der „richtigen“ Lösung suchen, gedeihen Populismus und Politikverdrossenheit, die Mitte dünnt aus und radikalisiert sich an den Rändern. Das andere Teile der Gesellschaft sich diesem Wandel entgegenstellen, wozu auch eine Portion Mut gehört, ist sehr zu begrüßen. Auch, dass in funktionierenden sozialen Demokratien aus der Gesellschaft heraus Initiativen gestartet werden, die den Veränderungsprozess mitgestalten wollen. Das kann im Rahmen des Gewohnten unangenehm sein, da ein pluralistischer Diskurs des Ringens um den richtigen Weg auszuhalten ist, für die Chance, gestärkt aus der Krise zu kommen, ist es wahrlich vorbildlich.

Auf solche Vorbilder und Gestalter des Wandels schaut auch die junge Generation der Vermittler, die im Mittelpunkt dieser Ausgabe stehen (S. 14) und mit ungewöhnlichen Ansätzen bei der Finanzberatung auf der diesjährigen DKM ausgezeichnet werden. Sie stellen sich dem von Zurich-Vorstand Jawed Barna zutreffenden Phänomen der „Kundenrevolution“ (S. 32). Die Ansprüche der technikaffinen und gebildeten Generation Y krempeln die ganze Versicherungsbranche um. Millennials handeln eigenverantwortlich, stellen Hierarchien in Frage und wollen mobil und flexibel arbeiten. Die persönliche Entfaltung im Job ist ihnen wichtiger als Karriere. Darauf müssen sich Vermittler einstellen. Für manche Vertriebler mag das zu einer Krise führen, andere nehmen das als Chance an.

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