Erschienen in Ausgabe 1-2018Köpfe & Positionen

Kontrolldefizit

„Der Deutsche Corporate Governance Kodex ist ein moralpolitischer Bettvorleger"

Von Prof. em. Dr. Gerhard SchulzeVersicherungswirtschaft

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Die zynischen Männer im Nadelstreifenanzug gehören zum deutschen Regietheater wie die Liturgie zur Messe. Was sie verkörpern sollen, braucht man keinem Zuschauer erklären: Geldgier und Machtgeilheit auf Teufel komm raus. Derselbe Typus inszenierter Gesinnungsethik begegnet uns etwa auch in der zur Folklore gewordenen Kapitalismuskritik, in ökologischen Katastrophendiskursen, in allgegenwärtigen technologischen Dystopien oder im Wort zum Sonntag. Über derlei symbolische Selbstentlastung erzählt eine Legende. Als der heilige Antonius die Kirche leer vorfand, ging er zum Fluss und predigte den Fischen. „Kein Predigt von allen / den Fischen so g’fallen“, heißt es im Lied. Dann schwammen die Fische wieder davon, und das war`s. Wenn es überhaupt einen Nutzen hat, „Geldgier“ und „Machtgeilheit“ beim Namen zu nennen, dann den der rhetorischen Selbstaufwertung. Spätestens seit 2015 gelten die Deutschen als Weltmarktführer im moralischen Narzissmus. Alle übrigen Nationen halten allerdings durchaus auf Augenhöhe mit. Doch wie sonst könnte man etwa die Serie von Wirtschaftsskandalen stoppen, die mit Namen wie Lehmann Brothers, Johnson und Johnson, Bayer, Siemens, Deutsche Bank, Fifa, IOC, Volkswagen und vielen anderen verbunden sind?

Grauzonen des Erlaubten

Moralisierung bringt so wenig wie die Fischpredigt, ob sie nun als Ethikkommission daherkommt, als Wahlplakat oder als Imagekampagne. Glaubwürdigkeit beginnt damit, sich jener Ambivalenz zu stellen, die im ökonomischen Handeln nun einmal angelegt ist. Einerseits: Wer ein Unternehmen führt, muss Profit machen und herrschen, unternehmensintern und auf dem Markt. Kann man deshalb jeden erfolgreichen CEO geldgierig und machtgeil nennen? Solange er sich an die geltenden Gesetze und Verträge hält, macht er doch nur seinen Job. Andererseits: Zum Job gehört es auch, an die Grenze zu gehen. Die Grauzone des Erlaubten auszutesten, ist nicht unmoralisch, sondern professionell. Dort aber, wo es eindeutig illegal wird, locken ein paar Messages: „Die anderen machen es doch auch, ihr Vorteil ist unser Nachteil.“ „Ich tue doch nur das Beste für uns.“ Es ist das System, dass diese Sätze diktiert. „Wachstum!“ heißt hier der oberste Imperativ, nicht „Anstand!“ Wer nicht mitspielt, riskiert den Untergang. Wer mitspielt, riskiert nur, erwischt zu werden. Das lässt sich als Risikofall einpreisen. Also das System abschaffen? Von wegen, man studiere nur etwa die Geschichte des realen Kommunismus. Moralische Utopien enden im Desaster…