Spaziergang mit Risiko: Thomas Reiter (hier im Bild) unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Auf der ISS war er 2006 der erste europäische Langzeitflieger.
Spaziergang mit Risiko: Thomas Reiter (hier im Bild) unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Auf der ISS war er 2006 der erste europäische Langzeitflieger.Quelle: ESA
Erschienen in Ausgabe 3-2018Trends & Innovationen

„Im Weltraum geht einem Astronauten das Risiko nicht groß durch den Kopf“

Thomas Reiter, ehemaliger Raumfahrer und aktiver Stratege der European Space Agency, über gefährliche Tiefen und den Reiz des Unbekannten.

Versicherungswirtschaft

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Herr Reiter, von 1992 bis 2007 waren Sie als achter Deutscher im Weltraum. In der russischen Raumstation Mir absolvierten Sie 1995/96 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Das ist gewissermaßen ein Kindheitstraum. Ich habe vor elf Jahren die Mondlandung verfolgt, zuvor natürlich die vielfältigen Raumfahrtaktivitäten ‑ hauptsächlich in den USA - mit den Mercury-Missionen, den Gemini-Missionen und dem Apollo-Programm. Das war die Zeit, in der ich meine Begeisterung für das Weltall entfaltet und mit großer Faszination gedacht habe, dass es toll wäre, einmal Astronaut zu werden. Der Faktor Glück hat sicherlich eine Rolle gespielt, denn solch ein Auswahlverfahren ist in Europa ausgesprochen selten und deshalb nicht planbar. Meine ursprüngliche Überlegung bestand darin, dem Ziel möglichst nahe zu kommen – in dem Fall Luft-und Raumfahrttechnik zu studieren und das wiederum mit der Fliegerei in Bundeswehr bei der Luftwaffe zu kombinieren. Später hat sich die Chance ergeben, an einer Expedition im Weltall teilzuhaben. Diese habe ich ergriffen.

Wie nehmen Sie Risiken als Astronaut wahr? Wie viel Risiko steckt in Ihrem Beruf?

Alleine schon, wenn man in ein Auswahlverfahren für Astronauten gelangt, muss man sich Gedanken darüber machen, dass es sich um einen Beruf handelt, der mit höheren Risiken belastet ist. Das erste Auswahlverfahren 1986 begann übrigens in dem Jahr, als die Challenger beim Start explodiert war. Sie können sich sicher vorstellen, dass ich mir vor diesem Hintergrund genau überlegt habe, ob ich dieses Risiko eingehen möchte. Andererseits gehören Risiken zum Leben dazu, so platt das auch klingen mag. Die Aufgabe besteht darin, damit umzugehen, zum Beispiel indem man sich in der Ausbildung so gut es geht mit all den möglichen Gefahren vertraut macht. Ebenso spielt das Vertrauen in die Menschen eine Rolle, die an solchen Programmen arbeiten. Gerade sie geben ihr Allermöglichstes, um Risiken zu minimieren. Ein gewisses Restrisiko bleibt jedoch immer. Man muss also abwägen gegenüber dem, was man an Erkenntnissen und Gewinn für die Allgemeinheit bringen kann. Es ist wichtig, nüchtern zu bleiben und sich im Klaren darüber zu sein, dass man sich zu 80 Prozent der Zeit mit wissenschaftlichen Aufgaben beschäftigt, die wirklich an der vordersten Front der Forschung stattfinden. Das wägt das Risiko auf. 

Im Weltraum haben Sie, um es in der Sprache der Versicherungsvermittler zu formulieren, auch einen Außendienst-Einsatz