Quelle: Tobias Koch
Erschienen in Ausgabe 3-2018Schlaglicht

„Das Thema Vertriebsqualität sollte Versicherern mehr Bauchschmerzen bereiten als Niedrigzinsen“

CDU-Finanzexperte Ralph Brinkhaus über die Regulierung von Run-off

Von David GorrVersicherungswirtschaft

Versicherungswirtschaft: Lebensversicherungen sind des Deutschen liebstes Kind. 89,3 Millionen solcher Policen sind im Markt – im Schnitt also im Schrank von jedem Bundesbürger. Würden Sie ihren Kindern oder ihren jungen Wählern noch raten eine Lebensversicherung abzuschließen?

Ralph Brinkhaus: Ich werde als Politiker keine Anlageberatung machen und mich diesbezüglich auch nicht zu einzelnen Produktkategorien äußern. Ich halte es aber auf jeden Fall für wichtig, dass junge Menschen nicht alles in den Konsum stecken, sondern sich – für größere Anschaffungen oder fürs Alter – auch etwas zurücklegen. Ich weiß: Bei der momentanen Niedrigzinsphase schleicht sich eine Mentalität ein, dass viele sagen, Sparen lohnt sich eh nicht – ich gebe lieber alles jetzt aus. Aber das ist nicht richtig. Wenn irgendwann die Sparzinsen wieder ansteigen und man hat keinen Kapitalstamm mehr, dann ist man erst recht gekniffen.

Die Ankündigung einiger Versicherer, Altbestände von klassischen Lebensversicherungen zu verkaufen (Run-off), haben Sie als „massiven Vertrauensbruch gegenüber den Versicherten“ bezeichnet, weil dabei die Renditeoptimierung über die Interessen der Kunden gestellt werde. Ist das nicht übertrieben ? Schließlich will die Mehrheit der Versicherer diesen Schritt gar nicht gehen.

Ein Versicherungskunde bindet sich mit seiner Police oft für viele Jahrzehnte. Ich sage manchmal scherzhaft: Unter Umständen länger, als er sich an seinen Ehepartner bindet. Um diese Bindung einzugehen, braucht es Vertrauen. Die Branche wirbt seit Jahr und Tag mit ihrer Solidität und der Konstanz über einen langen Zeithorizont. Genau dieses Vertrauen wird zerstört, wenn einige Versicherer dann in einem Moment, in dem zum Beispiel die Rendite nicht mehr stimmt oder das Kapital anderweitig gebraucht wird, sagen, jetzt gebe ich das Geschäft an Dritte ab. Das Vertrauen wird übrigens zu Lasten der gesamten Branche beschädigt, auch wenn bislang – das ist richtig – nur einige wenige Versicherer den Weg über Run-off-Verkäufe gehen.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) betont jedoch stets, dass sich bei einem Run-off für Versicherungskunden nichts ändere und dass auch zukünftig alle garantierten Leistungen erbracht werden – unabhängig wer die Altbestände betreut. Sind Ihre Sorgen also unbegründet?

Den neuen Investor prüft die Bafin auf Herz und Nieren. Natürlich muss auch der neue Eigentümer in der Lage sein, die übernommenen Verpflichtungen erfüllen zu können. Es ist aber aus Sicht des Kunden nicht dasselbe. Der neue Eigentümer hat eine andere Motivationslage, konzentriert sich darauf, den Versichertenbestand so kostengünstig abzuwickeln, dass er den Kaufpreis und noch eine Schippe obendrauf wieder hereinbekommt. Der alte Versicherer hingegen hatte im Idealfall das Gesamtportfolio des Versicherungskunden im Blick. Er wusste zum Beispiel: Wenn er gut im Lebensversicherungsbereich ist, kann er auch andere Produkte an denselben Kunden verkaufen, und das über einen langfristigen Zeitraum.

Der Stabilitätsausschuss der Bundesregierung sieht in der Niedrigzinsphase Gefahren für die Lebensversicherung. Die erwirtschafteten Erträge würden die langfristigen Verpflichtungen nicht decken. Können Sie dann die Run-off-Pläne der Versicherer nicht nachvollziehen?

Die Situation ist nicht einfach, ganz klar. Aber mit der Niedrigzinsphase kämpfen nicht nur die Versicherer, sondern die Finanzbranche insgesamt. Die Politik hat bereits an einigen Stellen eingegriffen. Zum Beispiel haben wir mit dem Lebensversicherungs­reformgesetz dafür gesorgt, dass auch noch künftige Generationen von Versicherten, deren Verträge erst in Jahren oder Jahrzehnten fällig werden, an den Bewertungs­reserven partizipieren. Wir sind auch in anderen Bereichen, etwa bei den Bauspar­kassen, tätig geworden. Mir geht es darum, dass die Versicherungsbranche – wie es eigentlich seit jeher ihr Markenzeichen ist – in langen Furchen denkt. Kurzfristig mag ein Run-off einer Gesellschaft aus einer herausfordernden Situation helfen. Aber das Produkt Lebensversicherung an sich wird beschädigt – zu Lasten der gesamten übrigen Branche. Und wenn wir schon einmal über Erträge und Kosten reden, dann können wir gerne auch einmal über den Komplex „Vertriebskosten“ und „Vertriebsqualität“ sprechen. Das sollte, ganz vorsichtig gesagt, Teilen der Branche mehr Bauchschmerzen bereiten als die Niedrigzinsphase.

Welchen anderen Weg – als den Run-off – sollten Versicherer gehen, um die Garantiezusagen zu erfüllen?

Wenn sich jemand entscheidet, eine Lebensversicherungsgesellschaft zu gründen, muss ihm klar sein, dass er nicht nur Schönwetterphasen vor sich hat. Die Niedrig­zinsphase ist eine große Herausforderung, keine Frage. Aber sie kann nicht ewig dauern. Es mag auch Situationen geben, in denen ein Run-off im Sinne eines Verkaufs für den Kunden die bessere Alternative ist. Aber es ist mir etwas zu einfach zu sagen, bei den und den Schwierigkeiten verkaufe ich den Versichertenbestand. Der Begriff Run-off umfasst ja auch mildere Maßnahmen als nur den Verkauf. Zum Beispiel können Dritte auch über eine Beratung oder eine Auslagerung von Funktionen eingebunden werden. Als Politiker achte ich in der Regel sehr darauf, keine geschäftspolitischen Entscheidungen von einzelnen Unternehmen zu kommentieren. Aber noch einmal: Hier wird durch das Verhalten einiger weniger das Vertrauen in das gesamte Produkt Lebensversicherung beschädigt. Das bekommen dann auch die Versicherer zu spüren, die weiter an ihrem Geschäft festhalten wollen.

Die Abwicklung von Altbeständen wird in der Versicherungsbranche seit Jahren praktiziert. Auch in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien. Hierzulande verwalten Viridium und die Frankfurter Leben Millionen an Verträgen. Warum will die CDU erst jetzt gegen diese Methode vorgehen?

Seit Jahren sagen wir den Menschen: Ihr müsst auch über die gesetzliche Rente hinaus vorsorgen. Also sorgt jemand vor, entscheidet sich zum Beispiel für eine Lebensversicherung, weil vielleicht noch Herr Kaiser persönlich oder der Vertriebler vor Ort ihn von der Solidität der heimischen Versicherer überzeugt hat – und bekommt dann nach einigen Jahren die Mitteilung, dass jetzt Finanzinvestoren übernommen haben und der Bestand gegebenenfalls zum Wanderpokal wird. Das alles kommt in einer Phase, in der das Produkt Lebensversicherungen eh unter Druck steht. Die Run-off-Debatte ist da wenig hilfreich. In anderen Ländern mögen Run-offs gängige Praxis sein. Aber das ist für mich kein Argument. Der angelsächsische Markt ist von einer ganz anderen Kultur geprägt. Der springende Punkt ist, die Dimensionen haben zugenommen. In der Vergangenheit ging es um eher kleine Bestände, und noch einmal: Ich schließe nicht aus, dass das im Einzelfall sogar aus Sicht des Kunden sinnvoll war. Im letzten Jahr war dann schon von mehreren Millionen Verträgen die Rede. Wir sind sehr froh, dass man gerade in einem dieser größeren Fälle noch umgedacht hat. Im Übrigen stellt sich die Frage, von welchen Kunden trennt sich eigentlich jemand, der seine Lebensversicherungsbestände verkauft, als nächstes.

Will die CDU die Abwicklung von Altbeständen verbieten oder in einer anderen Form regulieren? Gibt es bereits erste Gesetzesentwürfe?

Wir haben gesagt, dass wir uns mit dem Thema befassen werden. Wenn hoffentlich bald eine arbeitsfähige Koalition steht, wird der Finanzausschuss seine fachliche Arbeit wieder vollständig aufnehmen. Ohnehin steht – als Auftrag aus der letzten Legislaturperiode – eine Evaluierung des Lebensversicherungsreformgesetzes an. In diesem Rahmen wollen wir uns die Run-offs eingehender anschauen. Mir ist klar, dass die Möglichkeiten für eine Regulierung eher begrenzt sind. Schon jetzt sind Inhaberwechsel nur unter Mitwirkung der Bafin möglich. Gesetzentwürfe gibt es noch keine. Zu einer seriösen Befassung gehört, dass wir erst einmal alle Beteiligten anhören, also die Versicherungsbranche, die Aufsicht, die Verbraucherverbände und die Vermittler. Danach ist zu entscheiden, ob es Handlungsbedarf für den Gesetzgeber gibt und was dies im Einzelnen sein könnte.

Run-off-Plattformen werben damit, dass Sie viele Kostenvorteile durch neuere EDV-Systeme bieten und agiler die Bestände bewirtschaften könnten. Wäre das nicht im Sinne der Kunden?

Es ist legitim, dass ein Unternehmen versucht, Effizienzpotentiale zu heben. Es kommt, wie ich schon sagte, immer auf die konkrete Form der Zusammenarbeit mit Dritten an. Der Begriff Run-off hat verschiedene Schattierungen. Meine Bedenken richten sich vor allem gegen den Fall, in dem ganze Versichertenbestände an vielleicht noch branchenfremde Finanzinvestoren verkauft werden.