Erschienen in Ausgabe 3-2018Schlaglicht

Run off, Level up

Wieso die Abwicklung von Policen unternehmerischen Mehrwert schafft 

Von Henning KühlVersicherungswirtschaft

Für die Kunden besteht angesichts der Diskussion um die Abwicklung von Lebensversicherungsbeständen kein Grund zur Panik. Die gesetzlichen Vorgaben für mögliche externe Run-offs sind vorhanden. Die Versicherungsaufsicht ist dabei keineswegs Erfüllungsgehilfe der Versicherungsgesellschaften, sondern hat vielmehr für die Interessen der Verbraucher einzutreten. Genehmigungen sind kein Selbstläufer wie die gescheiterte Übernahme der Delta Lloyd durch die japanische Nomura und die nicht unerheblichen Bearbeitungszeiten der aktuellen Fälle um die Arag Leben und die Basler Direktion Deutschland zeigen. Sollte der Finanzausschuss des deutschen Bundestages tatsächlich eine komplette Bewertung der Versicherungslandschaft angehen wollen, gilt nach wie vor für externe Run-offs, dass Versicherte dadurch bezüglich der Überschussbeteiligung nicht schlechter gestellt werden. Der jüngst geäußerte CDU-Vorschlag, Kunden um Erlaubnis für einen externen Run-off zu fragen, ist ohne praktischen Nutzen. Was hätte der Versicherte von einer derartigen Regelung, muss doch der Bestandskäufer nachweislich von ordentlicher Ertragskraft sein? Wenn ein Interessent für eine große Gesellschaft existieren und die Bafin tatsächlich zustimmen sollte, bleiben vertragliche Garantien unverändert bestehen.

Bangen um die Reputation

Ausdrücklich muss die Versicherungsgesellschaft weiter ihren Sitz in Deutschland haben und damit die gleichen Transparenzpflichten erfüllen. In einem jährlichen Bericht muss auch der verantwortliche Aktuar darlegen, wie künftige Verpflichtungen erfüllt werden können. Der Kunde darf im Prinzip nicht merken, dass sein Vertrag von einem anderen Unternehmen verwaltet wird – abgesehen vom Unternehmensnamen auf seiner Standmitteilung vielleicht. Der vielzitierte chinesische Investor muss also entweder eine deutsche Gesellschaft kaufen oder einen eigenen deutschen Versicherer gründen –mit Genehmigung der Bafin. Allenthalben wird diskutiert, inwiefern ein externer Run-off negative Auswirkungen auf Versicherte haben kann. Tatsächlich handelt es sich bei den groß debattierten Kandidaten in der Regel um Unternehmen, die in den 90er Jahren noch erfolgreich waren, dann aber den Anschluss verloren haben, neue erfolgreiche Produkte neben den klassischen Tarifen zu etablieren. Diese Versicherer haben ihre Überschüsse längst drastisch gekürzt. Für deren große Bestände und Gesellschaften dürfte es kaum geeignete finanzstarke Käufer geben, was die aktuellen Beispiele belegen. Sie müssen ihre Herausforderungen selbst bewältigen und Bestände im internen Run-off ordentlich abwickeln. Ein externer Run-off kann etwa bei kleineren Versicherern sinnvoll sein. Deren Versicherte würden nach Bestandsübertragung bei einem finanzstärkeren Versicherer landen. Konsolidierungsplattformen wie Viridium oder die Frankfurter Leben stellen in solchen Fällen zusätzliche Überschüsse aus effizienter Verwaltung in Aussicht. Wenn der Kundenbetrieb nicht reibungslos läuft, wirkt das direkt geschäftsschädigend. Run-off Plattformen sollten deswegen auf ihre Reputation achten. Denn sollte sich die Belastung durch das Niedrigzinsumfeld weiter verschärfen, wird die Bafin möglicherweise weitere Anträge auf Bestandsübertragung oder Inhaberwechsel erhalten. Für den Zweitmarkt indes spielt es keine Rolle, ob ein Unternehmen im Run-off ist oder nicht. Die Finanzstärke ist entscheidend und damit die Tatsache, ob ein Unternehmen künftig seinen Verpflichtungen nachkommen kann. Wir beobachten, dass viele Kunden aufgrund der aktuellen Nachrichtenlage eine Kündigung ihrer Police in Betracht ziehen. Die Nachricht, dass der Vertrag womöglich bald an eine andere Gesellschaft verkauft wird, stellt aber keinen hinreichenden Grund dar für die vorzeitige Beendigung des Vertrages. Horrorszenarien wie der breit diskutierte mögliche Crash in der Lebensversicherung halten wir für übertrieben. Die Garantien sind sicher. Allerdings können 30 von 84 Lebensversicherern ihre gesamten Rechnungszinsverpflichtungen – Garantiezins und Zinszusatzversicherung – nicht mehr allein durch ihre Kapitalerträge erfüllen. Wenn Kosten und Risikogewinne dazu herangezogen werden müssen, ist das für Kunden nachteilig.