Führungsstratege Thomas Sattelberger: „Wir in Deutschland sind gut in der Realwirtschaft und miserabel in der Internetökonomie. Um hier aufzuholen, brauchen wir Rebellen, die sich gegen die herrschenden Kräfte durchsetzen." 
Führungsstratege Thomas Sattelberger: „Wir in Deutschland sind gut in der Realwirtschaft und miserabel in der Internetökonomie. Um hier aufzuholen, brauchen wir Rebellen, die sich gegen die herrschenden Kräfte durchsetzen." Quelle: © 2016 Caitlin Hardee/ flickr.com/creativecommons.org
Erschienen in Ausgabe 3-2018Märkte & Vertrieb

„Deutschland hat eine gedopte Wirtschaft"

Thomas Sattelberger, FDP-Politiker und Personalexperte, über unternehmerische Leistungsfähigkeit

Versicherungswirtschaft

Versicherungswirtschaft: Was ärgert Sie als Außenstehenden an der Versicherungswelt?

Thomas Sattelberger: Als Kunde bin ich über die Intransparenz sinkender Renditen und Überschüsse persönlich ziemlich verärgert. Als ich von meiner großen Versicherung wissen wollte, wie die Überschussanteile berechnet werden, hat man mir mit einem nichtssagenden Formschreiben geantwortet. Keinerlei Kundenorientierung und Gründlichkeit, mit der Fragen beantwortet werden. Und warum schafft es eine Versicherung nicht, meine 14 Versicherungsverträge ordentlich und übersichtlich darzustellen. Die Branche konsolidiert sich seit Jahren, schafft es aber nach Mergers & Acquisitions nicht, Verträge konsolidiert darzustellen. Das Versicherungsbeamtentum hat wohl nie Kundenzentrierung gelernt, die Insurtechs haben ihnen da einiges voraus.

Sie stehen für den Kampf gegen Chancenungleichheit, für soziale Gerechtigkeit, setzten sich als Jugendlicher gegen den Konsumwahn ein. Herr Sattelberger, Sie sind in der falschen Partei, sollen wir den Kontakt mit der Linken herstellen?

(lacht) Ich bin ein klassisch sozialliberal geprägter Mensch, habe aber als Top-Manager lange Zeit keine tiefere Bindung zu einer Partei aufbauen können. Besonders in der Zeit als bei den Freien Demokraten nur noch über Steuersenkung geredet wurde, anstatt auch über Chancenfairness, Bildung, Innovation und Zukunftsgestaltung, fiel mir liberale Identifikation allemal schwer. Daher bin ich erst seit zwei Jahren Parteimitglied. Unter Christian Lindner wurden diese wichtigen Themen bedeutender und ich fühle mich jetzt in der FDP gut aufgehoben.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der politischen Debatte?

Wir müssten über Dinge wie Smart-Energie, Telemedizin, digitale Bildung und ähnliches sprechen. Das Thema ist die Durchdringung der Digitalisierung in Beruf und Alltag, Aspekte wie Arbeitsgesetze für die digitale Ära.

Und das fehlt bei der Groko?

Das sind politische Klempner statt Zukunftsdesigner.

Mehr Manager im Bundestag, wäre das eine Lösung?

Der Bundestag sollte stärker die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft spiegeln und nicht von wenigen Berufsgruppen dominiert werden. Das bedeutet mehr Fachleute aus der Wirtschaft, mehr Frauen sowie Menschen mit Migrationshintergrund.

Müssen das Manager sein?

Die Wirtschaftskompetenz ist die Eintrittsgebühr für den Wohlstand im Land - unabhängig ob das ein Handwerksmeister, ein mittelständische Manager oder ein Ingenieure ist. Wirtschaftskundige Menschen werden benötigt.

Sind sie ein Befürworter von Quoten?

Ich habe es damals für richtig gehalten, dass die Quote für Frauen in den Aufsichtsräten gekommen ist. Da geht es um wenige hundert Personen. Die flexible Quote von Frau Schleswig im Führungsbereich von Unternehmen war dagegen ein Schuss in den Ofen.Hände Weg vom Mittelstand, der Schwerpunkt sind Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen, der Rest ist Kulturarbeit in den Unternehmen.

Es gibt ja nicht nur Frauenquoten, sondern auch Quoten, die Menschen mit Migrationshintergrund fördern.

Während meiner Zeit als Personalvorstand bei der Telekom gehörten die regionalen Ausbildungszentren mit über zehntausend Auszubildenden zu meinem Verantwortungsbereich. Ich habe klar kommuniziert, dass ich einen ähnlichen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei der Einstellung von Azubis erwarte, wie er in der jeweiligen Region gegeben ist. Das ist selbstverständlich für mich.

Lassen sie uns bei den Grundsätzen blieben: Sie waren jahrelang Manager und Personalvorstand bei großen Unternehmen, unter anderem bei der Telekom und Conti. Gab es irgendwelche Prinzipen, nach der Sie Ihre Arbeit ausgerichtet haben?

Ich habe bei der Telekom den Elfwochen-Streik ausgefochten, den zweitlängsten Streik in der Geschichte der Bundesrepublik – ich kann Härte zeigen. Ich habe aber als Personalchef bewusst neben der harten Kosten- und Effizienzseite immer die Talententwicklung gestellt. Es ist aber natürlich so, dass die Profitabilität- und Effizienzseite die Eintrittskarte in das Geschäft ist, während die Bildung und Potenzialentwicklung eher in die Zukunft ausgerichtet ist.

Stichwort Talententwicklung – sind alle Mitarbeiter zur Entfaltung fähig?

Schlechtleister haben eigentlich bei einem Unternehmen nichts zu suchen. Das Thema Schlechtleister-Management ist ein sehr wichtiges Thema für Unternehmen, auch wenn sich viele Personaler daran nicht die Finger verbrennen wollen, denn man gerät schnell mit dem Betriebsrat aneinander. Es muss aber gemacht werden.Meine Erfahrung ist aber, dass häufig nicht die Schlechtleister das Problem sind, sondern ungenügende Führung. Viele Vorgesetzte verpassen es, dem Mitarbeiter konstruktives und gleichzeitig kristallklares Feedback zu geben, und irgendwann läuft das Fass über. Das passiert, wenn man das Thema Führung jahrelang versaubeutelt.

Was noch?

Ein weiteres Problem sind Führungskräfte, die mit einem autoritären Auftreten ihre Untergebenen einschüchtern, sodass deren Kreativität und Potenziale auf der Strecke bleiben. Sie werden dann reine Gefolgsleute und reden dem Chef nur noch nach dem Mund.Mich beschäftigt das Thema schlechte Führung weit mehr als eine Diskussion zum Thema Schlechtleistung.

Was bedeutet Führung und Werte im modernen Management?

Ohne eitel klingen zu wollen, ich galt Jahre als innovativster und kraftvollster Personalvorstand der Republik. Ich habe mich nicht in die Fußstapfen von anderen begeben, sondern habe hierzulande personalarbeitstrategisch gestaltet. Ich habe die Standards gesetzt, anstatt ihnen zu folgen. Es gibt aber Werte: Mit war immer wichtig, die Wahrheit zu sagen.

Braucht man in der Wirtschaft eine klare Führung?

Wenn man damit Führung durch Anweisung versteht: nein. Leitplanken, Zukunftsbilder und Strategie sowie Werte allerdings schon. Auf keinen Fall sollte man einen innovationshemmenden Stil wählen.

Warum braucht es Rebellen im Management?

Deutschland ist wirtschaftlich in einer gefährlichen Situation, wir haben eine gedopte Wirtschaft, in der die Leistungsstärke eines Unternehmens gar nicht mehr richtig bewertet werden kann. Des Weiteren liegen wir im Bereich Digitalisierung hoffnungslos zurück. Nicht nur Banken und Versicherungen nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung kaum, sondern auch Branchen wie die Automobil- oder Energiebranche sowie der Handel. Wir in Deutschland sind gut in der Realwirtschaft und miserabel in der Internetökonomie. Um hier aufzuholen, ist ein Bruch im Denken nötig und zur Überwindung dieser Kluft brauchen wir Rebellen, die sich gegen die herrschenden Kräfte durchsetzen.