Erschienen in Ausgabe 3-2018Köpfe & Positionen

Blockchain-Hype

„Die Erwartungen für alternative Zahlungsmittel wurden in jeder Hinsicht enttäuscht.“

Von Professor Dr. Franz HörmannVersicherungswirtschaft

Da zentrale Systeme im globalen Internet als angreifbar und manipulierbar gelten, versuchten Informatiker in den letzten Jahrzehnten für digitale Zahlungssysteme dezentrale Strukturen zu entwickeln. Die maximale Redundanz durch das Hinterlegen sämtlicher Transaktionsdaten auf sehr vielen Knoten eines Netzwerks soll Manipulation und Hackerangriffe unmöglich machen. Die erste global einsetzbare digitale Währung, welche auf der Blockchain-Technologie basiert, war der Bitcoin. Bei der Blockchain selbst handelt es sich um die Verkettung digitaler, verschlüsselter Zahlencodes, welche Transaktionen und die darin verwendeten Zahlungsmittel repräsentieren. Prinzipiell kann die Blockchain-Architektur aber auch für die gestreute, sichere Speicherung anderer relevanter Werte (z.B. ein digitales Grundbuch, die Zertifizierung digitaler Dokumente wie Versandpapiere etc.) verwendet werden. Die Befürworter dieser Technologie wollen Vertrauen, das immer nur zwischen Menschen bzw. beseelten Wesen mit einer bekannten Handlungsabsicht bestehen kann, durch „Vertrauen“ zu digitalen Algorithmen ersetzen, nämlich kryptographischen Verschlüsselungssystemen. Da es sich aber bei Algorithmen um tote Artefakte und keine Wesen mit Motivationen und Wertesystemen handelt, ist „Vertrauen“ hier nicht möglich, bestenfalls die Hoffnung, dass diese Systeme nicht doch manipuliert bzw. an anderen, nicht verschlüsselten Stellen missbraucht werden können. Diese Hoffnungen haben sich jedoch bisher in jeder Hinsicht als trügerisch erwiesen.

1. Schutz vor  Hackern: Im Januar 2018 gab die Kryptowährungsbörse Coincheck den Verlust digitaler Währungen im Gegenwert von 400 Mio. Dollar bekannt. Bereits 2014 war die Bitcoin-Börse Mt. Gox nach dem Verlust einer hohen Anzahl von Bitcoins letztlich untergegangen. Auch die “elektronischen Geldbörsen” (Wallets) sind nicht sicher und können, v.a. wenn die Sicherheitsschlüssel online generiert werden, von Cyberkriminellen geplündert werden. Zuletzt werden aber auch die Wechselkurse selbst immer wieder manipuliert, mit ganz ähnlichen Methoden wie der Kurs von Aktien oder Preis von Rohstoffen. Es zeigt sich also, wenn mit digitalen Methoden klassische (Tausch-)Werte abgebildet werden, erhöht sich dadurch nicht ihre Sicherheit, sondern es ändern sich nur die Manipulationsstrategien, die Manipulationen selbst werden aus der analogen Welt einfach übernommen. 2. Ineffizienz der Datenbank: Die Größe der Blockchain des Bitcoins hat Anfang 2018 ca. 200 GB erreicht. Da diese Datenmenge auf vielen Knoten im Netz hinterlegt wird, sind pro Tag nur ca. 350.000 Transaktionen möglich, während das VISA-Netzwerk mit traditioneller Datenbankarchitektur täglich ca. 150 Millionen Transaktionen bewältigt. Eine einzelne Transaktion kann 30 Minuten oder länger benötigen, weshalb Echtzeitanwendungen damit nicht möglich sind. 3. Ressourcenvergeudung: Das Neuerstellen von Einträgen in der Blockchain („mining“) benötigt alleine für das Bitcoin-Netzwerk zurzeit bereits die gleiche Energiemenge wie Slowenien. Für Ende 2020 wird geschätzt, dass damit der Energieverbrauch des Landes Dänemark erreicht wird. 4. Reine Spekulation: Währungen besitzen stets einen Innen- und einen Außenwert. Während der Innenwert die Kaufkraft im Währungsraum bezeichnet, wird der Außenwert über einen Wechselkurs gemessen. Solange Bitcoins und andere Kryptowährungen noch nicht in Supermärkten akzeptiert werden, sind die privaten Anwender gezwungen in Euro oder andere Währungen zu wechseln und damit auch ungünstige Wechselkurse, deren exorbitante Schwankungen sie gerade für Spekulanten attraktiv machen, in Kauf zu nehmen und Verluste zu realisieren. Fazit: Kryptowährungen fördern momentan die Geschäftsmodelle der PC-Hardwarehersteller (für Mining-Server) sowie der Energieversorger. Die Erwartungen für alternative Zahlungsmittel wurden hingegen in jeder Hinsicht enttäuscht. Vielleicht wird hier erst die Umstellung von einem Tausch- auf ein Kooperationsmittel eine nachhaltig positive Veränderung ermöglichen.