Erschienen in Ausgabe 9-2017Unternehmen & Management

Lücken in der Methodik

Versicherer können organisatorischen Mindestanforderungen der Aufseher nicht standhalten

Von Werner Glowik und Ingo IgnatziVersicherungswirtschaft

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Sechs von sieben deutschen Versicherern drohen durchzufallen. Die methodischen Lücken, die unsere empirische Studie aufdeckt, werden einer bevorstehenden Bafin-Prüfung zu den aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen an die Geschäftsorganisation von Versicherungsunternehmen (MaGo) nicht standhalten. Die End-to-end-Beschreibung von Prozessen, wie sie die Bafin fordert, ist häufig unzureichend.
Mit den neuen MaGo hat die Bafin die Anforderungen aus Solvency II und der Novelle des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) aus 2016 präzisiert. Seit 1. Februar stellt sie damit eindeutige Anforderungen an die Unternehmen bezüglich organisatorischer Ausrichtung, Schlüsselfunktionen, Auslagerungen, Risiko- und Kapitalmanagement sowie deren Dokumentation in schriftlichen Leitlinien.
Die meisten Unternehmen fühlen sich bezüglich der neuen Anforderungen solide bis gut aufgestellt, das zeigt eine im Juni und Juli 2017 durchgeführte telefonische Befragung bei über 80 vornehmlich mittelständischen Versicherern. Ein weiterer Befund der Studie von Fincon: Nicht wenige leiden unter Selbstüberschätzung.
Die Häuser wurden unter anderem nach ihrer Prozessorientierung, dem Stellenwert der Betriebsorganisation, der Güte ihrer internen Kontrollsysteme (IKS), dem Aufbau ihrer Schlüsselfunktionen (Compliance, versicherungsmathematische Funktion (VmF), unabhängige Risikokontrollfunktion (URCF) und interne Revision) sowie der Struktur ihrer schriftlichen Leitlinien befragt. Besonders die MaGo-Konformität dieser internen Leitlinien will die Bafin nach eigener Aussage deutlich stärker prüfen.
Bei der Prozessorientierung zeigt sich ein erster Schwachpunkt: Eine stringente Beschreibung von Geschäftsabläufen anhand der Wertschöpfungskette vom Kunden zum Kunden (End-to-end) existiert de facto in kaum einem der befragten Häuser. Nur 16 Prozent der Befragten antworten mit einem klaren „Ja“, wie Abbildung 2 zeigt. Ein Projektmanagement-Tool zur Visualisierung und Steuerung von Prozessen nutzen nur 55 Prozent der Unternehmen in der Studie. Zwar spricht die Bafin das Verwenden einer entsprechenden Software in ihrem Rundschreiben nicht explizit an, doch ist klar, dass schon ab einer geringen organisatorischen Größe (Proportionalitätsprinzip) für eine vernünftige MaGo-konforme Steuerung der Geschäftsabläufe ein toolgestütztes Prozessmanagement unerlässlich ist.

Widerspruch bei der Auswertung

Präzisiert wurde durch die MaGo die schon länger existierende Forderung nach einem Internen Kontrollsystem (IKS…