Erschienen in Ausgabe 9-2017Märkte & Vertrieb

Versicherer im Dienst des Staates

China nimmt kapitalstarke Wirtschaftsplayer für Beteiligungen an Mega-Projekten in die Pflicht

Von Heng YanVersicherungswirtschaft

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Seit der Bekanntgabe des Großprojektes „Neue Seidenstraße“, die von China aus durch Mittelasien nach Europa und durch Südostasien nach Afrika führen soll, hat die Staatsführung die Versicherungsbranche immer wieder aufgefordert, das jahrhundertealte Vorhaben zu unterstützen. Als staatseigenes Unternehmen zeigt sich die China Export & Credit Insurance Corporation, kurz Sinosure, besonders aktiv bei der Unterstützung dieses Aufrufs. In den ersten sechs Monaten hat das Unternehmen etliche Bau-, Investitions- und Exportprojekte der Neuen Seidenstraße versichert.
Der Staat achtet penibel darauf, dass alle verfügbaren Kräfte lückenlos im Rahmen der staatlichen Zielvorgaben kooperieren. Offenbar gestaltet sich das Zusammenspiel von Staat, Unternehmen und Versicherern bei der Eroberung von Weltmärkten und der Ausschreibung von Bauaufträgen von internationalem Format als überaus effektiv. So war Sinosure auch im April dieses Jahres einer staatlichen Baufirma beim Wettstreit um den Auftrag eines neuen Rollfeldes in dem Hauptstadtflughafen in Sri Lanka behilflich. Dabei wurde ein Konzept für die Kreditversicherung erstellt, sodass die Baufirma den Auftrag erfolgreich an Land ziehen konnte. Die globale Wettbewerbsfähigkeit Chinas ist neben der staatlichen Lenkung von einer kostengünstigen Produktionsleistung der Unternehmen und einer tatkräftigen Unterstützung der Versicherer abhängig.

Online-Versicherer im Visier der Aufsicht

Während die Versicherungsaufsichtsbehörde Circ derzeit mit verschärften Kontrollen von Versicherungsgesellschaften wegen unerlaubter Aktivitäten beschäftigt ist, gründen Geldgeber und Firmen aus dem IT-Umfeld viele neuartige Unternehmen. Diese agieren zwar im Versicherungsbusiness, wollen sich offiziell aber nicht als Versicherer zu erkennen geben. Solche Unternehmen der Grauzone bereiten der Aufsicht Kopfschmerzen. Das Unvermögen gegen sie vorzugehen rührt daher, dass sie zur sogenannten Innovationsszene zählen, die der Staat eigentlich fördern soll. Bisher wurden mehr als 120 Internetplattformen gegründet, die „Gegenseitige Hilfe“ auf ihre Fahne geschrieben haben. Die Anzahl ihrer Mitglieder beträgt mehr als zehn Millionen. Mehr als 20 finanzmächtige Geldgeber unterstützen Projekte dieser Art.
Repräsentativ hierfür ist der Online-Verein Shuidi Huzhu. Die vier zentralen Projekte: Krebshilfe für Jugendliche, gegenseitige Hilfe für Ältere, gegenseitige Unterstützung zur Förderung der Kindergesundheit und gegenseitige Hilfe bei Unfällen. Beim Projekt Krebshilfe für Jugendliche etwa kann man für umgerechnet 1,20 Euro im Fall einer Krebserkrankung die Leistung von 2.500 Euro bis 38.000 Euro in Anspruch nehmen. Wie viel genau gewährt wird, hängt von einem neutralen Gutachter und vom Alter ab. Der Online-Verein, gegründet im Mai letzten Jahres, hatte zum Jahresende bereits 1,5 Millionen Mitglieder und verfügt derzeit über mehr als 3,3 Millionen Beitragszahler.
Das Unternehmen bewegt sich jedoch in der Grauzone. Einem Bericht der Zeitung China Business zufolge hat Circ die Geschäftsführung des Vereins zum Gespräch eingeladen. Shuidi-Huzhu seinerseits soll der Behörde erklärt haben, dass man nur mit der Internet-Technik gewöhnliche gegenseitige Hilfe organisiert habe und es sich somit nicht um eine Versicherung handele. Vieles deutet aktuell darauf hin, dass Circ diese Begründung, zumindest vorläufig, zähneknirschend akzeptiert.

Anbang-Krimi um dubiose Machenschaften spitzt sich zu

Anbang-Manager Wu Xiaohui, seit Mitte Juni in Untersuchungshaft, ist entgegen der damaligen inoffiziellen Verlautbarung des Unternehmens, dass es sich nur um eine vorläufige Maßnahme handele, noch immer nicht in der Öffentlichkeit aufgetaucht – auch wurde bislang keine Anklage gegen ihn erhoben. Zwar hat Circ Gerüchte dementiert, dass sie die Anbang zur Veräußerung ihres etwa zehn Mrd. Dollar geschätzten Auslandsvermögens aufgefordert haben soll. Doch berichten inzwischen die Mitarbeiter der Anbang, dass Circ aktuell verschiedene Untersuchungsgruppen in ihr Unternehmen geschickt habe.
Ein Augenmerk gelte den Besitzverhältnissen von mehr als 30 Anteilsinhabern aus mehr als 100 dubiosen Gesellschaften, von denen manche offenbar nur Tarnfirmen seien. Die Mehrheit der Anteilsinhaber soll aus dem Dorf stammen, wo Xiaohui vor seiner Karriere gewohnt hatte. Die bisherige Rückendeckung, dass er der Ehemann der Enkelin von Chinas ehemaligem starkem Mann Deng Xiaoping ist, scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Laut Medien soll das Paar seit geraumer Zeit geschieden sein. Die Familie Deng habe jegliche Beziehung mit Xiaohui gekappt, heißt es aus Insiderkreisen.
Regierungsnahe Nachrichtenkanäle ihrerseits haben seit der Untersuchungshaft kein Wort über den Anbang-Manager verloren. Nur der Vize-Chef der chinesischen Zentralbank hat sich vor Kurzem hinsichtlich der Auslandsinvestitionen chinesischer Unternehmen öffentlich kritisch geäußert. Er erhebt den Verdacht, dass manche Akteure unter dem Vorwand von Investitionen lediglich ihr Vermögen unkontrolliert ins Ausland schaffen wollten.