Erschienen in Ausgabe 8-2017Schlaglicht

Going West

Das Reich der Mitte schaltet auf Angriff

Von Heng YanVersicherungswirtschaft

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Die Meldungen über Investitionen und Unternehmenskäufe aus China haben den Westen verunsichert. Bislang kannte man eher Übernahmen durch Finanzinvestoren aus den USA. Selbst wenn die US-Investoren zeitweise als Heuschrecken beschimpft wurden, sind sie so schrecklich für die Bevölkerung doch wieder nicht, weil sie nach einem gewohnten Muster vorgehen: kaufen, eventuell sanieren oder zerschlagen, dann wieder mit Gewinn verkaufen. Die Strategie chinesischer Investoren indes ist bisher unbekannt.
Grundsätzlich zeigen chinesische Unternehmen immer wieder Interesse für Technologien aus dem Westen. Inzwischen haben die Chinesen durchaus gelernt, etwas eleganter damit umzugehen. Das Paradebeispiel ist die Übernahme von Volvo durch die chinesische Geely Group im Jahre 2010. Fakt ist, dass die Eigentümer aus China seit der Übernahme ständig in den schwedischen Standort investieren. Dem Manager-Magazin zufolge hat Geely bis 2017 mehr als eine Milliarde Euro in die Forschung und Erweiterung der Produktionskapazität gesteckt. Volvo setzte 2016 im dritten Jahr in Folge so viele Autos ab wie nie zuvor: 534.000 Stück gegenüber 422.000 im Jahr 2012.

Gigantische Übernahmen durch chinesische Marktplayer

Die chinesische Muttergesellschaft will natürlich auch von den R&D-Ergebnissen aus dem jüngst gebauten Forschungszentrum, in dem mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt sind, profitieren. Dort sollen auch die neuen Auto-Modelle für die Geely Group entwickelt werden. Man strebt eine Win-Win-Situation an, niemand bei Volvo redet von Know-how-Diebstahl. Sicherlich kann die Volvo-Übernahme als ein einzelnes Beispiel die Menschen in Europa angesichts der gigantischen Unternehmenskäufe aus China nicht vollständig beruhigen. Es ist allerdings ein Indiz, das zeigt, dass sich die Situation durchaus anders als seit jeher immer befürchtet entwickeln kann.
In der Tat werden die von Jahr zu Jahr steigenden Übernahmen durch Chinesen immer gigantischer. Studien von Ernst & Young zufolge tätigten chinesische Unternehmen 2016 in Europa Zukäufe im Wert von 85,8 Mrd. US-Dollar gegenüber einem Volumen von 30 Mrd. Dollar 2015. Besonders auffallend ist der Sprung der Firmenkäufe in Deutschland von nur 530 Mio. US-Dollar im Jahr 2015 auf rund 12,6 Mrd. Dollar im Folgejahr. Mit dieser Summe haben Chinesen 68 Unternehmen komplett gekauft oder sich daran beteiligt. Bei der weltweiten Kaufoffensive bleiben die USA für die Investoren aus China das attraktivste Ziel. Dort hat das Reich der Mitte nach Angaben der US-Anwaltskanzlei Baker McKenzie und Studien der Unternehmensberatung Rhodium Group zufolge mit insgesamt 45,6 Mrd. Dollar im Jahr 2016 zugeschlagen und insgesamt 178 Firmen übernommen.

Privatwirtschaft stemmt Löwenanteil des Investitionsvolumens

Redet man in Europa über Investitionen durch chinesische Wirtschaftsakteure, kursiert in vielen Köpfen das Bild, dass die Übernahme-Offensive generalstabsmäßig und zentral von der autoritären Regierung aus Peking geplant und gesteuert ist. Tatsächlich hat der chinesische Staat derzeit über seine Investmentfonds nur ca. 15 Prozent Anteil am Volumen der Übersee-Investitionen. Als Grund für die Investitionen gibt man in erster Linie die Aufrechterhaltung der staatlichen Rentenkasse, deren Mittel angesichts der schnellen Alterung der Bevölkerung immer knapper werden, und die Finanzierung wichtiger sozialer Projekte an. Der Löwenanteil des Investitionsvolumens in Europa und in den USA fällt nicht auf staatliche Unternehmen, sondern auf Firmen aus der chinesischen Privatwirtschaft.
Eigentlich würde die Regierung nur zu gern die Investitionstätigkeiten der privaten Unternehmen gelegentlich auch einschränkend, steuern. Aber die Zeit der Planwirtschaft? Längst vorbei. Jedoch versuchen die Bankenaufsicht CBRC und Versicherungsaufsicht CIRC ab und zu durchzugreifen, wenn sie eine schwerwiegende Störung der Finanz­ordnung erkennen. Im letzten Jahr hat die Regierung im Namen der Gewährleistung der „staatlichen Finanzsicherheit“ die Kontrolle des Geldflusses von Investitionen im Ausland deutlich verschärft. Einige „Finanzwilderer“, gerade aus der Finanzbranche, die in großem Stil Banken und Versicherungen im Westen übernommen hatten, wurden bei Beantragung von neuen Übersee-Offensiven in die Schranken gewiesen und sogar zur Rechenschaft gezogen. Dem Chef der CIRC, der derzeit wegen Korruption in Untersuchungshaft sitzt, wird unter anderem vorgeworfen, den Finanzwilderern zu großzügig gestattet zu haben, Investitionen im Ausland zu tätigen.
Um die Auswirkung der chinesischen Investitionen auf den europäischen Versicherungsmarkt einzuschätzen, kann man zunächst naheliegenderweise den Fragen nachgehen, wie die Akquisiteure aus China in der hiesigen Versicherungsbranche Übernahmen tätigen, wohin der Geldfluss der Versicherungsgesellschaften aus dem Reich der Mitte führt, welche Bedeutung die als „One Belt, One Road“ bezeichnete Strategie für den Bau der „Neuen Seidenstraße“ für die Finanzwelt hat. Bemerkenswert sind bislang nur zwei Investoren aus China, die vor allem im westlichen Finanzsektor tätig sind, nämlich die Anbang Insurance aus Peking und das Investmentunternehmen Fosun aus Schanghai.
Die absolute Mehrheit der gesamten Akquisitionen im Westen wird gegenwärtig von den herstellenden Unternehmen beansprucht, und zwar konzentriert auf ihresgleichen im Westen. Bei dem Finanzwilderer Anbang, der in der Tat eher eine Ausnahme ist, sieht es sicherlich etwas anders aus. 2014 etwa kaufte der Versicherer aus Peking die belgische Versicherung Fidea und fast zugleich die belgische Delta-Lloyd Bank sowie das Luxushotel Waldorf Astoria in New York. Auch die holländische Versicherung Vivat und die südkoreanische Versicherung Dongyang Life stehen auf der Beuteliste der Anbang vom Jahr 2015. Die Übernahmeliste von Fosun ist noch länger. Unter anderem beteiligte sich das Unternehmen 2014 zu 80 Prozent an der größten portugiesischen Versicherung Caixa Seguros und zu 19 Prozent an der deutschen BHF-Bank, kaufte die portugiesische Versicherung Fidelidade, übernahm 2015 den amerikanischen Sachversicherer Meadowbrook und die ebenfalls in den USA ansässige Versicherung Ironshore. Im Vergleich dazu fällt die Bilanz der staatseigenen China Life viel bescheidener aus. Sie hat in den letzten Jahren lediglich einige Büroimmobilien in London und zweiklassige Gewerbeimmobilien in den USA gekauft. Die aufgezählten Übernahmen sind alle privatwirtschaftlich motiviert. Von Kaufabsichten sonstiger potenzieller Investoren, die spezifisch auf europäische Versicherer zielen oder einen weiteren großen Geldfluss der chinesischen Versicherer in Richtung Westen, ist derzeit nichts bekannt.

Strenge Auflagen und Kontrollen der Finanzaufsicht

Die Investitionen aus dem chinesischen Finanzsektor dienen in erster Linie der Geldanlage. An chinesischen Finanzmärkten gibt es bei weitem nicht so viele Finanzprodukte wie an westlichen Märkten, an denen sich die Unternehmen zur Vermehrung ihres Geldes oder zumindest zur Werterhaltung ihres Vermögens bedienen könnten.
Etwas spekulativ und für Aufsehen sorgend ist bisher nur der Gedanke, der von Fosun aus Schanghai laut gedacht wurde: Der Erwerb weiterer Unternehmen solle durch das Geldvermögen der übernommenen Versicherungsfirmen finanziert werden. Allerdings kommt dieses Konzept aufgrund der immer strenger gewordenen Auflagen und der Kontrolle der Aufsichtsbehörde wohl nicht zur Entfaltung. Es ist in absehbarer Zeit auch nicht zu erwarten, dass chinesische Versicherer, abgesehen von einigen wenigen Transport-Versicherern wie die Ping An und die PICC, die bereits seit langem auch in Deutschland Versicherungsschutz überwiegend für chinesische Reedereien anbieten, in Europa in großem Stil ins operative Versicherungsgeschäft einsteigen.
Allerdings kann die staatliche Strategie für den Bau der Neuen Seidenstraße durchaus einen größeren Einfluss auf die in China ansässigen großen westlichen Versicherer haben. Nach einer Studie der Credit Suisse geht man bei der Strategie der Neuen Seidenstraße von einem Gesamt-Investitionsumfang von 313 bis 502 Mrd. US-Dollar aus, die in den kommenden fünf Jahren in die jeweils angrenzenden 62 Länder fließen sollen. Dazu planen die chinesischen Strategen, 79 Mrd. Dollar in Infrastrukturprojekte in 13 afrikanischen Ländern zu investieren. Die Strategie ist längst in der Umsetzung. Angaben des chinesischen Handelsministeriums zufolge hat China im ersten Quartal des laufenden Jahres in 43 Ländern Direktinvestitionen in Höhe von insgesamt 2,95 Mrd. Dollar getätigt.
Mit insgesamt 61 Ländern wurden 962 Verträge, zumeist für Infrastrukturprojekte im Wert von 22,3 Mrd. Dollar abgeschlossen. Die Versicherungsbehörde CIRC hat dafür bereits vorgesorgt. Im April dieses Jahres hat sie einen „Leitfaden zum Versicherungsservice für den Bau der Neuen Seidenstraße“ verabschiedet. Darin werden von den chinesischen Versicherern nicht nur „innovative Investitionen des Geldvermögens“, sondern auch Beiträge zum Schutz für Infrastrukturprojekte gefordert. Einige einheimische Versicherer sind auf den Zug aufgesprungen. Nach Angaben des Chinesischen Verbandes für Management von Versicherungsassets haben zahlreiche Unternehmen bis Ende 2016 bereits insgesamt 76,2 Mrd. Euro in Form von Anleihen oder Anteilsbeteiligung in das beispiellose Projekt investiert.
Der China-Chef der Zurich etwa erkennt einmalige Geschäftschancen in der Transport- und Bauhaftpflichtversicherung sowie in der Versicherung für Akquisitionen. Der Konzern soll für das von China durchgeführte Projekt zum Bau eines großen Wasserkraftwerks in Pakistan, das ebenfalls an der Neuen Seidenstrass liegt, vor kurzem die Rückversicherung für chinesische Erstversicherer angeboten haben. Ein ganzer Markt ist angekommen im globalen Wettbewerb. hy