Erschienen in Ausgabe 7-2017Köpfe & Positionen

Zur Debatte: Höchste Zeit für die Zinswende

„Ein Umdenken der Europäischen Zentralbank ist alternativlos“

Von Dr. Michael WolgastVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

Zur Debatte: Höchste Zeit für die Zinswende

„Ein Umdenken der Europäischen Zentralbank ist alternativlos“

Vor gut drei Jahren beschäftigte sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Rahmen der Vorstellung eines Gutachtens des iw Köln mit der Frage, ob die Zeit reif sei für eine Zinswende. Auf der Grundlage der damaligen Notenbankzinsen der EZB – einem Leitzins von 0,25 Prozent und einem Einlagezins von null Prozent – empfahlen die Forscher eine vorsichtige und gut vorbereitete Zinswende im zweiten Halbjahr 2015 mit dem Ziel einer Normalisierung der Leitzinsen auf ein Niveau von etwa zwei Prozent.
Unvorstellbar erschien aus damaliger Sicht, zu welchen Maßnahmen die EZB seitdem gegriffen hat. Fast muss es als böses Omen erscheinen, dass die Zentralbank exakt am Tag der besagten Konferenz im Juni 2014 erste Beschlüsse bekanntgab, die genau das Gegenteil der Empfehlungen des iw Köln oder der Forderungen des GDV bedeuteten. Seitdem sind der Leitzins in mehreren Schritten auf null Prozent gesenkt und der Einlagezins in einen Strafzins von -0,4 Prozent verwandelt worden. In nie gekanntem Ausmaß kauft die EZB seit 2015 monatlich private und staatliche Wertpapiere an („Quantitative Easing“). Die konsolidierte Bilanz des Eurosystems – also der EZB und der nationalen Zentralbanken des Euroraums –, die in normalen Zeiten und noch 2014 bei etwa zwei Bill. Euro lag, hat sich inzwischen auf über vier Bill. Euro mehr als verdoppelt.
Inwieweit eine derartige geldpolitische Expansion überhaupt notwendig war und ob sie wirklich zu einer Belebung der wirtschaftlichen Aktivität beitragen konnte – sieht man von der stabilisierenden Wirkung für hochverschuldete Staaten und Teile des Bankensystems in einigen Ländern ab – blieb unklar. So lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass es der EZB vielleicht auch mehr um den Zusammenhalt des Euroraums gegangen ist als um die Abwehr einer vermeintlichen Deflationsgefahr. Zur Beantwortung der Frage, ob die Zeit vielleicht jetzt reif für eine Zinswende im Euroraum sein könnte, kommt es dennoch darauf an, sich in die bisherige Argumentation der EZB und den ökonomischen Datenkranz hineinzuversetzen. Und hier gibt es durchaus vorsichtige Zeichen der Hoffnung:
Allerdings darf man diese Faktoren nicht überschätzen. Gegen eine geldpolitische Wende sprechen noch immer die hohe Staatsverschuldung und die Lage des Bankensektors in einigen Ländern des Euroraums; zudem ist gerade in Italien die…