Erschienen in Ausgabe 7-2017Märkte & Vertrieb

„Ich hoffe nicht, dass es zu einem großen Knall kommt“

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, über geldpolitische Probleme in der Eurozone

Von Tobias Daniel und David GorrVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Wie beurteilen Sie die jüngsten Entscheidungen der Europäischen Zentralbank, nach wie vor an der Nullzinspolitik und den Anleihekäufen festzuhalten, und worin sehen Sie die aktuellen Gefahren der ultralockeren Geldpolitik?

Jörg Krämer: Die Milliarden der EZB kommen zunehmend auch in der Realwirtschaft an. Das ist ein gutes Zeichen, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich gleichzeitig auch an den Finanz- und Häusermärkten austoben. Je länger diese geldpolitische Phase anhält, desto höher wird das Risiko von Blasen an den Häuser- und Finanzmärkten. Darüber hinaus müssen wir leider feststellen, dass das billige Geld zumindest in manchen Staaten den Reformwillen einschläfert – so zum Beispiel in Italien.

Nullzinsen, Aufkauf von Staatsanleihen, Ausnahmen bei Maastricht-Regeln. Geht es nur darum, dass System künstlich um ein paar Jahre am Leben zu halten, bevor der große Knall kommt?

Ich hoffe nicht, dass es zu einem großen Knall kommt. Es ist aber richtig, dass grundsätzliche Probleme der Eurozone insbesondere durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank übertüncht werden. Die EZB hat Zeit erkauft, die von den Krisenländern der Währungsunion unterschiedlich genutzt wurden. Während zum Beispiel Spanien wieder ordentliche Wachstumsraten verzeichnet, hat sich Italien noch immer nicht von der Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise erholt. Das wird auch nicht passieren, solange Italien tiefgreifende Reformen hinauszögert. Dann wird auch der Euroraum nicht zur Ruhe kommen.

Kreditnehmer profitieren derzeit vom billigen Geld der Europäischen Zentralbank – insbesondere bei Wohnkrediten. Droht Deutschland womöglich eine Immobilienblase ähnlich wie vor einigen Jahren in Spanien? Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Die Häuserpreise in Deutschland sind derzeit im Durchschnitt zehn Prozent zu teuer. Das ergibt ein Modell, das wir entwickelt haben, um den „fairen“ Häuserpreis zu schätzen. Dafür betrachten wir verschiedene volkswirtschaftliche Fundamentalfaktoren, nämlich die Einkommen der privaten Haushalte, die Bauzinsen, die Baukosten und die demografische Entwicklung. Der derzeitige Immobilienboom hat vermutlich viel mit der Niedrigzinspolitik der EZB zu tun. Noch geht von ihm keine Gefahr für die Wirtschaft aus, aber je länger diese Phase anhält, desto stärker steigen die Risiken für eine Blase am Häusermarkt.

Stichwort Schuldenlast: Die Lizenz der EZB zum Gelddrucken wird gerade mit Blick auf die südeuropäischen Krisenstaaten